International: Der kleine Hafen am Ruthenstrom
Die Accum hat festgemacht, um Tenderboote der Hatecke-Werft zu laden.
Grüne Flussidylle, Bäume am Ufer. Nur ein paar Meter weiter: Stacheldraht, Schutzzaun und Verbotsschilder. Der Ruthenstrom ist Industriegebiet und seit kurzem auch Gewerbehafen – mit ehrenamtlichem Hafenmeister.
„ISPS-Bereich“ steht auf dem Schild, hier gibt es keinen Zugang. Die Abkürzung bezieht sich auf den englischen Ausdruck International Ship and Port Facility Security Code. So sperrig wie die Zäune am Ruthenstrom wirken, so klingt auch dieser Code, der die Standards für Gefahrenabwehr festschreibt. Um den Code samt Zäunen ist die Gemeinde Drochtersen als Eignerin nicht herum gekommen, als ihr Hafen vom Land Niedersachsen zum Gewerbehafen aufgewertet wurde. Das Kriterium dafür: Es legen mehr als 12 ausländische Schiffe jährlich an. Drochtersens Bürgermeister Mike Eckhoff sieht das kleine Hafengebiet durchaus „als Alleinstellungsmerkmal“ für die Gemeinde.
Dass dabei alles seinen geregelten Gang geht, darauf achtet der Hafenmeister vom Ruthenstrom. Heino Behrmann ist Kapitän im Ruhestand. Wenn Schiffe einlaufen, ist der Drochterser der Ansprechpartner, „ich gehe dann an Bord“, sagt Behrmann. Er registriert für die Gemeinde die Liegezeiten und den Landstromverbrauch. Auch, wenn der Ruthenstrom weit davon entfernt ist, ein Umschlagplatz mit Hochbetrieb zu sein – immerhin 19 Seeschiffe und 9 Binnenschiffe legten hier im vergangenen Jahr an.
An diesem Tag hat die Accum festgemacht, ihr Heimathafen ist Gibraltar. 4300 Tonnen kann sie laden. Wenn die Hatecke-Werft ihre Rettungs- oder Tenderboote zu den internationalen Kunden auf die Reise schickt, ist das Spektakel auch schon hiner dem Deich zu sehen. Am Kran schweben die Boote an Deck und in Schiffsbäuche und werden dort von den Mitarbeitern der Werft verstaut und gelascht.
Aber nicht nur Boote werden hier an Bord gehievt. „Der Hafen ist auch als Nothafen gedacht“, erzählt Behrmann. Schiffe, die den Ruthenstrom anlaufen, bleiben zwei, drei Nächte für eine Reparatur oder um die Klasse zu verlängern. Dann kommt der Schiffs-TÜV, der Germanische Lloyd, für eine Inspektion an Bord. Oder die Crew wartet im Schutz des Ruthenstroms auf Ladeorder. Auch Schüttgut und Baumaterialen werden ab und an umgeschlagen. Trotzdem sind die Zeiten der florierenden Küstenschifffahrt vorbei. Schiff an Schiff – das gibt es nicht mehr. Die Museumsschiffe „Jan-Dirk“ oder „Kät’n Klünder“ sind historische Vertreter ihrer Art und ein besonderer Blickfang am Ruthenstrom.
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Seit mehr als fünf Jahren ist Heino Behrmann Hafenmeister – ein reines Ehrenamt. 42 Jahre war er Reeder, ist als Kapitän Seeschiffe gefahren, „auf Nord- und Ostsee, Mittlere Fahrt“. Regelmäßig guckt er am Ruthenstrom nach dem Rechten, nicht nur an der Verladepier mit ISPS-Bereich, sondern auch weiter stromaufwärts, wo auch das Gelände des ehemaligen Betonwerks Oltmann noch zum Hafen zählt und ein ehemaliges Bäderschiff liegt.
Seit 1964 gibt es den Lade- und Löschplatz am Hafen Krautsand. 1970 wurde die Spundwand gezogen, 2001 wurde die noch einmal verlängert. Etwa 130 Meter lang ist die Verladepier, abgetrennt ist die Trainingsanlage der Hatecke-Werft, an der Besatzungen für die Benutzung der Freifall-Rettungsboote geschult werden.
Höchstens 3,40 Meter Tiefgang dürfen die Schiffe mit Kurs Ruthenstrom haben, die größeren Seeschiffe kommen mit dem Schlepper rein. Bei Niedrigwasser fallen sie zwar nicht trocken, aber auf den Schlick, der im Ruthenstrom immer mehr wird. Zweimal im Jahr lässt das Wasser- und Schifffahrtsamt deswegen die Wasserstraße freibaggern. „Der Tiefgang soll gehalten werden“, sagt Behrmann. Zusätzlich wird deshalb tideabhängig über das Sperrwerk zweimal wöchentlich gespült.
Behrmann ist nicht nur Hafenmeister am Ruthenstrom, sondern auch Vorsitzender der gleichnamigen Hafengemeinschaft. Sein Ehrenamt sorgt dafür, dass der Hafenmeister regelmäßig eine Brise Seewind um die Nase hat. „Dadurch ist man der Seefahrt immer noch ein bisschen verbunden.“
Zutritt nur für Befugte: Die Gemeinde Drochtersen muss ihren Hafen nach internationalen Standards betreiben – und die Verladepier einzäunen.
Mehrmals pro Jahr werden die Rettungsboote der Hatecke-Werft zu den Kunden verschifft.