Interview mit Nina Petri
Nina Petri : „Ich bin ja nur ein ganz kleines bisschen größenwahnsinnig.“ Foto Heiner Orth
Mangels guter Rollenangebote hat sich Nina Petri mehr auf Hörbücher, Lesungen und das Theater verlegt. Nächsten Freitag aber ist sie mal wieder zu sehen– als kinderfeindliche Top-Architektin in einer ARD-Komödie über die Vereinbarkeit von Karriere und Familie.
Von Joachim Schmitz
Frau Petri, ganz Hamburg hat mal wieder um den HSV gebangt – Sie auch?
Petri: Das geht mir so was von am Arsch vorbei, auch wenn mich alle dafür hassen werden. Aber selbst wenn man in Hamburg kein Fußballfan ist, steht man ja ideologisch entweder zum HSV oder zu St. Pauli – und da bin ich dann ganz klar für Pauli.
Fußball ist also nicht Ihr Ding?
Ich bin die klassische Frauen-Nummer. Ich gucke mir Welt- und Europameisterschaften an, und das liebe ich auch total. Aber alles andere ist mir schnurz. Public Viewing HSV gegen irgendwen – ich weiß nicht. Wär doch ganz spannend gewesen, wenn der HSV mal absteigt, dann wäre mal wieder was passiert. Die Bundesliga ist ansonsten total uninteressant. Der Verein, der richtig viel Geld hat, nämlich Bayern München, gewinnt sowieso alle Meisterschaften. Das ist doch superlangweilig. Wahrscheinlich ist die zweite und die dritte Liga da noch lustiger.
Ein anderes großes Hamburg-Thema ist seit einiger Zeit die Elbphilharmonie. Waren Sie schon da?
Nein, leider nicht. Und ich war auch echt etwas enttäuscht, dass ich als sogenannter Promi nicht zur Eröffnung eingeladen war. Das Spektakel hätte ich schon gern miterlebt. Bisher war ich nur auf der Plaza und muss sagen: Das ist schon extrem beeindruckend. Immerhin durfte ich einen Beitrag über die Elphi fürs Fernsehen sprechen. Dadurch habe ich zumindest einige Einblicke bekommen.
Wird die Elphi das neue Wahrzeichen von Hamburg, so wie es die Oper in Sidney ist?
Ich glaube schon. In der Außenwahrnehmung ist sie jetzt schon von extrem großer Bedeutung. Letzten Endes kommt es aber auch darauf an, was da stattfindet, ob das Programm wirklich interessant und vielfältig ist. Es ist wichtig, dass die Hamburger sich da auch wiederfinden und es nicht nur eine Attraktion für Besucher ist.
Sie machen ja auch Musik mit Ihrem Trio „Nina between Don & Ray“. Träumt man dann schon mal von einem Auftritt in der Elphi?
Ich bin ja nur ein ganz kleines bisschen größenwahnsinnig – dafür reicht mein Größenwahn nicht aus. Zumal wir unser Programm momentan auf Eis gelegt haben. Mein großer Wunsch und Plan ist es, eigene Songs herauszubringen. Ich will nicht mehr covern, sondern was Eigenes machen. Da bin ich dran, aber das ist ein langer Weg. Trotzdem will ich es schaffen, auch weil ich mich in meinem eigentlichen Beruf seit vielen Jahren unterfordert fühle und gar nicht das zeigen kann, was ich eigentlich zeigen müsste.
Warum machen eigentlich so viele Schauspieler irgendwann Musik?
Das Schlimmste an unserem Beruf ist, dass wir so fremdbestimmt sind als Schauspieler. Wir machen ja immer nur das, was andere von uns wollen. Natürlich haben wir alle unseren Gestaltungsspielraum, aber wir erfinden nicht selbst etwas. Wenn man aber Musik macht, schafft man etwas Eigenes. Für mich ist das Singen einfach ein Aspekt meiner Ausdrucksmöglichkeiten.
In welche Richtung geht denn Ihre eigene Musik? Jazz wie mit dem Trio?
Nee, Jazz ist es eher nicht. Es gibt Balladen und es gibt einen düsteren Elektro-Dub-Sound. Mehr was aus der schrägen Ecke. Ein bisschen Tom Waits ist natürlich auch wieder dabei.
Sie haben mal über Hamburg gesagt, das Bürgerliche gebe es genug. Ihnen fehle der Schmodder, der Dreck, das nicht so Etablierte.
Wir haben sehr tolle Theater hier mit wunderbarem Programm. Ich war ja selbst mal Intendantin eines Theaters, das ich 2005 ins Leben gerufen hatte. Und musste feststellen: Hier ist es unglaublich schwer, Räume zu finden, in denen vielleicht nicht alles perfekt ist, wo sich aber Leute eingeladen fühlen, die nicht ins Schauspielhaus oder ins Thalia-Theater gehen. Gerade eine Stadt wie Hamburg sollte sich das eigentlich leisten. Aber hier muss immer allem so ein bürgerlicher Mattglanz gegeben werden. Nicht zu viel glänzen, da stehen wir nun gar nicht drauf, weil wir ja nicht München sind. Aber so ein bisschen edler Mattglanz sollte schon sein.
Sie spielen jetzt eine Karrierefrau, die nichts mehr verabscheut als Kinder.
Es ist ja nicht gerade so, dass man mal eben Karriere macht und gleichzeitig Kinder hat. Manchmal denke ich auch, dass ich ohne Kinder auf dem Höhepunkt meiner Karriere ganz andere Entscheidungen getroffen hätte und vielleicht ganz woanders gelandet wäre, als ich jetzt bin. Aber die Kinder haben meine Entscheidungen immer mit beeinflusst: Können Sie mitkommen, wenn ich im Ausland drehe? Was passiert mit ihnen, wenn ich nicht da bin? Für eine Alleinerziehende ist das noch mal ein ganz anderer Schnack. Da darf man sich nicht vormachen, dass Kinder und Karriere uneingeschränkt funktionieren. Jedenfalls nicht, wenn man in einem relativ mittelständischen Umfeld lebt und die Kinder nicht von ihren Nannys, sondern von einem selbst erzogen werden.
Sie haben ja mehrfach sehr offen über die Schattenseiten Ihres Berufs gesprochen. Was für Reaktionen haben Sie darauf bekommen?
In meiner Branche habe ich unfassbar viel positiven Zuspruch bekommen. Wobei ich nicht geahnt hatte, dass es fast so ist, als würde man sich ausziehen. Bis heute werde ich immer wieder darauf angesprochen. Wenn wir am Theater arbeiten oder Filme drehen, zahlen wir immer in die Sozialkassen ein, also auch in die Arbeitslosenversicherung. Und dann kommt es wie bei mir: Ich hatte letztes und vorletztes Jahr mehrere Theaterengagements und war mir eigentlich total sicher, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben einen Anspruch auf Arbeitslosengeld habe. Am Ende fehlten mir acht Tage – Ende im Gelände.
Was kriegen Sie dann?
Gar nichts. Mir geht’s ja gut, ich hab ja Geld. Meine Situation ist okay, aber Kollegen, die nicht noch so viel freiberuflich arbeiten können wie ich mit meinen Lesungen und Hörbüchern, stehen ganz anders da. Die kriegen Hartz IV. Was nutzt eine Tagesgage von 2000 Euro, wenn Sie nur vier solche Drehtage im Jahr haben? Ich habe übermorgen meinen zweiten voll bezahlten Drehtag in diesem Jahr und ich bin richtig froh, dass ich diese anderen Bereiche habe, denn vom Drehen könnte ich schon lange nicht mehr leben und die Kinder hätte ich davon seit mindestens zehn Jahren nicht mehr durchfüttern können. Eine Zeitlang hatte ich den Eindruck, dass man mich immer fragt, wenn es um No- oder Low-Budget-Filme geht. Aber wenn Geld da ist, nimmt man die anderen.
Sind die Gagen nicht auch ungerecht verteilt? Maria Furtwängler kassiert angeblich pro Tatort 220 000 Euro und hat am Ende vielleicht neun Millionen Zuschauer – wenn Nina Petri Tatort-Kommissarin würde, hätte sie vielleicht 8,8 Millionen Zuschauer, aber eine deutlich geringere Gage.
Mir ist es so was von egal, was andere Leute verdienen. Ich möchte einfach von dem leben können, was ich tue. Bei den Sendeanstalten sitzen jede Menge Redakteure, die jeden Monat ihr festes Gehalt haben und darüber bestimmen, ob ich einen Job kriege oder nicht. Sie und nicht mehr die Regisseure besetzen die Filme, und wie tun sie es? Sie achten auf die Einschaltquoten und gucken bei Facebook, wie viele Likes jemand hat. Es gibt kaum noch Leute bei den Sendern, die einen Stoff wirklich mit Leidenschaft behandeln. Deswegen sehen wir ja auch immer dieselben Gesichter im Fernsehen.
Mehr Abwechslung wäre Ihnen lieber?
Ich will doch nicht in der zehnten Rolle sehen, wie dieser oder jene Schauspieler mit den gleichen Bewegungen und dem gleichen Gesichtsausdruck wieder was anderes versucht zu spielen. Da würde ich auch irgendwann an meine Grenzen kommen und denken: Was soll ich denn jetzt noch anders machen? Irgendwann nützt auch das Haarefärben nichts mehr. Was ist denn das Schöne an diesen ganzen Serien aus England, Amerika und den nordischen Ländern? Dass man auf der ganzen Linie neue Schauspieler und neuen Stoff geliefert bekommt.
Hatten Sie im Laufe Ihrer Karriere mal das Gefühl, ganz unten zu sein und die Brocken hinwerfen zu müssen?
Früher war das schlimmer, und es war auch schlecht für meine Kinder, wenn Sie mitkriegten, dass ihre Mutter ein bisschen Panik schiebt. Da war ich nicht cool genug, aber ich war ja auch allein und hatte keinen Partner, der das hätte ausgleichen können.
Woran hat es denn gehapert?
Nachdem ich mit Anfang 30 mit Filmen wie „Tödliche Maria“, „Lola rennt“ und „Bin ich schön?“ sehr erfolgreich war, hatte ich gedacht, dass es jetzt losgeht. Es ging aber nicht los. Ich weiß nicht, was da passiert ist und habe es bis heute nicht verstanden. Damals habe ich mal darüber nachgedacht, einen anderen Plan aufzumachen. Aber das, was ich mir hätte vorstellen können, war eigentlich ähnlich bescheuert: Archäologie und Linguistik zu studieren. Am Ende hat’s ja immer irgendwie hingehauen. Irgendwann gewöhnt man sich ein wenig an diese Existenzängste und merkt: Irgendwie kommt immer was.
Als Schauspielerin Mutter zu werden, ist vermutlich auch nicht ganz einfach.
Als ich meine Kinder kriegte, war ich gerade 31 geworden und die ganze Branche wusste Bescheid. Mein Mann und ich waren gerade superarm, weil keiner von uns Geld verdient hat. Nur ein Caster hatte es nicht mitbekommen. Und der rief mich an: Du, Nina, ich hab da ne Rolle für Dich. Zehn Drehtage für die Serie „Westerdeich“, eine belgische Produktion.
Und?
Ich habe ihn gefragt: Hast Du gar nicht mitgekriegt, dass ich Zwillinge gekriegt habe? Und ich still die voll, das heißt, die kriegen nichts anderes. Wenn Du dem Produzenten klarmachen kannst, dass ich meine Kinder mitnehme, dazu noch meinen Mann oder meine Mutter, und dass ich voll stille, ihnen also alle drei Stunden die Brust gebe, dann versuch das mal. Ich will aber meine volle Tagesgage. Wenig später rief er wieder an und sagte: Ist gebongt. Und dann stand tatsächlich auf jeder Disposition: Den Bedürfnissen der Zwillinge von Frau Petri ist unbedingt Folge zu leisten.
Der Vater Ihrer Töchter ist Brasilianer.
Ja, er war Menschenrechtler in Brasilien. Ein Kämpfer für die Rechte der Schwarzen, er selbst ist ja auch Schwarzer. In Rio ist er ziemlich berühmt, Antirassismus und Menschenrechte sind seine Lebensthemen. Aber seinen Verpflichtungen als unterhaltspflichtiger Vater ist er nie nachgekommen. Das war schon krass, da ist bis zum heutigen Tag nichts zu erwarten.
Nina Petri wird am 16. Juli 1963 als Tochter eines Airbus-Ingenieurs und einer technischen Zeichnerin und späteren Soziologin in Hamburg geboren, wo sie mit drei jüngeren Geschwistern auch aufwächst und ihr Abitur macht.
Von 1983 bis 1987 absolviert sie ihre Ausbildung an der Westfälischen Schauspielschule in Bochum. Sie kommt über Bühnenengagements in Castrop-Rauxel und Heilbronn rasch zum Film und konzentriert sich nach ihrem viel beachteten TV-Debüt in Rolf Emmerichs Ruhrgebietssaga „Rote Erde“ auch ganz darauf.
Anfang der 90er Jahre heiratet Nina Petri den brasilianischen Menschrechtler Marcos Romao und bringt 1994 ihre Zwillingstöchter Moema und Papoula auf die Welt. 2006 gründet sie gemeinsam mit Regisseur Nils Daniel Finckh im Stadtteil Barmbek die private „Theaterfabrik Hamburg“, die aber schon im Jahr darauf wegen finanzieller Probleme scheitert.
Mehrfach prangert Petri öffentlich die schlechte soziale Absicherung von Schauspielern an. Am 2. Juni ist sie seit längerer Zeit mal wieder im Fernsehen zu sehen – in der Rolle der fiktiven Star-Architektin Lene Müller zu Waldstetten im ARD-Spielfilm „Eltern und andere Wahrheiten“.