Jimdo-Gründer: Fridtjof Detzner stellt sein Leben auf den Kopf
Fridtjof Detzner in der Jimdo-Firmenzentrale im Hamburger Stadtteil Bahrenfeld. Fotos Mangels
Der Cuxhavener Fridtjof Detzner, Mitgründer des Hamburger Start-ups Jimdo, hat es in der Internet-Branche weit gebracht. Große Erfolge, der Gewinn des Deutschen Gründerpreises, aber auch eine veritable Krise Ende 2016 begleiteten das Unternehmen.
Von Jens-Christian Mangels
Die Krise traf das Unternehmen hart: 70 Mitarbeiter mussten gehen. Kurze Zeit später machte die Nachricht die Runde, dass sich Detzner und sein Gründer-Kollege Christian Springub, ebenfalls aus Cuxhaven, aus dem operativen Geschäft zurückziehen. Wie kam es dazu? Was ist seither passiert? Wie geht es weiter mit Jimdo? Und wie sehen Detzners Zukunftspläne aus? Wir besuchten den 35-Jährigen in der Hamburger Firmenzentrale.
Einfach mal die Perspektive wechseln, alles auf den Kopf stellen darum geht’s beim Handstand. Fridtjof Detzner beherrscht diese Übung aus dem Effeff. Im Jimdo-Foyer, das im Erdgeschoss einer früheren Margarine-Fabrik im Hamburger Stadtteil Bahrenfeld untergebracht ist, stellt der 35-Jährige sein turnerisches Talent sogleich unter Beweis. Gekonnt schleudert er die nackten Füße in die Luft; die Kollegen applaudieren. Detzner lacht: „Der Handstand erinnert mich daran, dass es immer einen anderen Weg gibt, auf Dinge zu schauen.“
Der Mann mit der blonden Strubbelfrisur, den unbesockten Füßen und dem herzerfrischenden Lachen – er sieht irgendwie nach Strandurlaub aus, nach Sonne und Meer. Das ist für einen ehemals halbprofessionellen Kite-Surfer, der Detzner einmal war, nicht ungewöhnlich. Für einen erfolgreichen Unternehmensgesellschafter allerdings schon, auch wenn er sich nur mit Abitur und ohne Berufsausbildung ins Abenteuer der Firmengründung stürzte und diese zwanglose Haltung inzwischen kultiviert hat. Bei einem Rundgang durch das Firmengebäude, vorbei an begrünten Büroinseln mit fröhlich aussehenden jungen Menschen, wird der Chef mit lockeren Sprüchen begrüßt. Alle duzen sich. Detzner führt sich überhaupt nicht wie ein Chef auf. Seine Wurzeln hat er nicht vergessen.
Auf dem Bauernhof seiner Eltern in Lüdingworth, dort fängt alles an. Mit seinem Schulfreund Christian Springub gründet er im Alter von 16 Jahren seine erste Internet-Agentur. Zusammen basteln sie an ihrer Idee für ein Baukastensystem, aus dem sich mit ein paar Klicks eine Webseite bauen lässt. „Das Gewerbe haben unsere Eltern angemeldet, wir waren schließlich noch minderjährig“, erzählt Detzner.
Dann kommt mit Matthias Henze der dritte Mann ins Boot. 2007 gründet das Trio das Start-up Jimdo. Die Basisversion des Baukastensystems ist umsonst, Extras können kostenpflichtig zugebucht werden. Die Idee kommt an, aus der kleinen Software-Schmiede wird ein international erfolgreiches Unternehmen. Inzwischen wurden rund 25 Millionen Webseiten mit Jimdo gebaut.
Acht, neun Jahre läuft es richtig gut für Jimdo. Das Hamburger Startup gewinnt den Deutschen Gründerpreis, eröffnet Büros in Tokio und San Francisco. Amerikanische Investoren werden angelockt. Gleichzeitig bauen Detzner, Springub und Henze Jimdo zur Wohlfühl-Oase um. Die gelebte Firmenkultur mit eigener Kita, Entspannungsräumen, Plüschsofas, Aquarium und hippem Firmenrestaurant beschert Jimdo immer wieder positive Schlagzeilen.
Doch dann kommt die Krise. Der erste Paukenschlag ertönt im Herbst 2016, als die Macher des Webseiten-Baukastens bekannt geben, jeder vierte Mitarbeiter müsse das Unternehmen verlassen. 70 Beschäftigte gehen. Anfang 2017 erfolgt der zweite Paukenschlag: Fridtjof Detzner und Christian Springub ziehen sich aus dem operativen Geschäft zurück und nehmen eine unbefristete Auszeit, teilt Jimdo mit. Beide bleiben aber weiter Gesellschafter und gehören dem Board of Directors, eine Art Verwaltungsrat, an.
Wenn Fridtjof Detzner heute auf diese schwierige Zeit zurückblickt, nimmt sein sonst so fröhliches Gesicht nachdenkliche Züge an: „Wir sind einfach zu schnell gewachsen“, sagt er und fügt selbstkritisch hinzu: „Wir haben zu spät erkannt, dass wir nicht die richtigen Strukturen eingeführt haben.“
Und heute? „Wir haben einen radikalen Wandel hinter uns, und wir haben es geschafft“, sagt Detzner. Hierarchien, früher eher verpönt bei Jimdo, sind inzwischen selbstverständlich. Unter der Leitung von Matthias Henze arbeiten drei Stellvertreter für die Bereiche Finanzen, Wachstum und Operations. Darunter gruppieren sich die Teams. Aktuell sind in den Büros in Hamburg und Tokio 203 Mitarbeiter tätig. Tendenz: wieder leicht wachsend.
Wichtigstes Signal für den erfolgreichen Neustart ist ein neues Produkt, das sich vor allem an Einsteiger wendet. Mit „Jimdo Dolphin“ lässt sich in nur drei Minuten eine Web-Seite erstellen, so das Versprechen. Fridtjof Detzner klappt seinen Laptop auf und arbeitet sich mit wenigen Klicks durch das Programm. „Das ist richtig toll geworden“, lobt Detzner sein Team.
Der 35-Jährige ist froh, dass es wieder gut läuft bei Jimdo. So kann er sich auf andere Projekte konzentrieren. Denn eines steht fest: Ins operative Geschäft wird der Lüdingworther in nächster Zeit nicht zurückkehren. „Ich habe mich 18 Jahre lang um Webseiten gekümmert. Das hat mir auch viel Spaß gemacht. Aber irgendwann hatte ich das Gefühl, etwas anderes, Neues machen zu müssen.“
Dieses Neue kommt in Person eines Freundes, der Fernsehformate entwickelt. Für die Deutsche Welle entsteht die Reihe „Founder’s Valley“, bei der Detzner seine Leidenschaft fürs Reisen und sein Interesse für kreative Firmengründer unter einen Hut bringen kann. Mit einem fünfköpfigen Filmteam reist er 2017 durch acht asiatische Länder, von der Mongolei über Malaysia bis nach Indien. Dabei trifft er auf Firmengründer, Politiker und Aktivisten, die die Zukunft in ihren Ländern gestalten. Im Mittelpunkt des Formats stehen die UN-Nachhaltigkeitsziele. Zehn davon hat Fridtjof in der Sendereihe abgearbeitet: So steht in Indien der Klimawandel im Fokus, die Energie in Malaysia, in Singapur das Thema Gesundheit. Die Auseinandersetzung mit diesen globalen Problemen vor Ort beschreibt Detzner als „sehr heftig“. Allerdings habe er dabei viel über die „Komplexität der Welt“ gelernt.
Die 100-tägige Reise hat den Lüdingworther verändert. Und sie hat ihn in der Meinung bestärkt, die UN-Nachhaltigkeitsziele weiter im Blick zu behalten. Fridtjof ist erwachsener geworden. Die Welt etwas besser zu machen, ist ihm wichtiger, als irgendeine neue Super-App auf den Markt zu bringen. Klar ist aber auch, dass kleine Start-ups die Wende nicht allein schaffen: „Wir haben uns zusammen in diese missliche Lage reinbugsiert, und wir müssen auch zusammen da wieder raus.“
Mehrere Gründungsideen schwirren ihm durch den Kopf. Konkret in Planung ist ein Projekt aus dem Bereich „Vertical Farming“ (vertikale Landwirtschaft). Diese Zukunftstechnologie ermöglicht moderne, computergesteuerte Landwirtschaft auf engstem Raum, mitten in der Stadt.
„Ich habe ein kleines Team von acht Leuten zusammengestellt. Ingenieure, Software-Leute, Biologen. Wir basteln gerade am Prototyp der Idee herum“, berichtet Detzner, der mit einer Ärztin liiert ist. Im Herbst oder Ende 2018 will er mit dem Projekt an die Öffentlichkeit gehen. „Hardware zu machen, also ein Produkt, das man wirklich anfassen kann, ist neu für mich. Und die Kombination von Software und Biologie finde ich total spannend.“
Und was wird aus Jimdo? Detzner ist überzeugt, dass der Laden auch ohne ihn und Christian Springub läuft. Springub ist vor kurzem zum zweiten Mal Vater geworden. Die beiden Cuxhavener schauen aber noch regelmäßig in der Firma vorbei und gehen mit Matthias Henze spazieren, der die Geschäfte nun allein führt. „Matze ist mit seinen Kompetenzen genau der Richtige, um das Unternehmen jetzt weiterzuführen.“
Mit den „Web-Basteleien“ von Christian Springub und Fridtjof Detzner fing alles an: Die Cuxhavener Schulfreunde, inzwischen beide Mitte 30, hatten Ende der 1990er-Jahre, noch als Schüler, auf dem Bauernhof von Detzners Familie in Lüdingworth angefangen, an ihrer Idee für ein Baukastensystem zu basteln, aus dem sich mit ein paar Klicks eine Web-Seite bauen lässt. 2007 gründeten sie gemeinsam mit Matthias Henze das Start-up Jimdo. Die Idee des Baukastens für Internet-Seiten kam an, aus der kleinen Software-Schmiede wurde ein international erfolgreiches Unternehmen. 2015 gewann Jimdo den Deutschen Gründerpreis. Inzwischen wurden rund 25 Millionen Internet-Seiten mit Jimdo gebaut.