Johann König will kein Helikopter-Vater sein
Der Meister des kunstvollen Stammelns kommt wieder nach Stade: Komiker Johann König. Foto Boris Breuer
„Mit dem Porsche zum Bio-Supermarkt“ oder „Burnout-Song“ – so heißen zwei Nummern von Johann König. Am 29. September kommt der mimikarme Meister des kunstvollen Stammelns ins Stadeum. Vorher hat er dem TAGEBLATT ein Interview gegeben.
Von Kirsten Andrae
TAGEBLATT: Herr König, die Verbindung ist ziemlich schlecht. Wo sind Sie denn gerade?
Johann König: In einer Waldhütte, da schreibe ich zur Zeit.
Und wenn Sie zu Hause sind, wie sieht Ihr Arbeitsalltag dann aus?
Ich schreibe meistens die Sachen eher abends auf. Wenn ich in der Badewanne liege oder in der Sauna oder im Bett und nichts um mich herum passiert, dann kommt alles noch mal hoch und dann notiere ich es mir. Ich habe immer einen Stift neben der Badewanne liegen. Manches muss ich aber auch sofort aufschreiben, wenn ich nicht riskieren will, es wieder zu vergessen – zum Beispiel, als meine Frau sagte, es erinnere sie an die Geburt unseres ersten Kindes, wenn sich unsere viel zu fette Katze durch die Katzenklappe quetscht.
Das ist ja gefährlich für Ihre Frau, solche Gedanken laut auszusprechen; zumindest wenn man davon ausgeht, dass bestimmte Sätze nur für Ihre Ohren bestimmt sind und nicht darüber hinaus für jeden anderen ...
Das stimmt. Allerdings: Ich habe vor einem Jahr inspiriert durch unser Familienleben den Tagebuchroman „Kinder sind was Wunderbares - das muss man sich nur IMMER WIEDER sagen“ geschrieben; ich habe meiner Frau 50 Seiten zu lesen gegeben, damit sie entscheidet, ob ich das veröffentlichen kann; da hat sie sehr gelacht und gesagt, ja, musst du machen. Sie weiß ja auch als einzige, welche Geschichten wirklich so passiert sind. Das ist das Persönlichste, was ich bisher veröffentlicht habe. Das wird aber nicht mehr vorkommen, dass ich so persönlich werde.
Sie haben offensichtlich eine Frau mit Humor geheiratet. Was ja nicht verwundert. Wie haben Sie sich denn kennengelernt?
Auf einem Geburtstag.
Haben Sie Kinder?
Ja, die sind vier, sechs und acht Jahre alt.
Noch recht klein also. Für einen Komiker bietet das Pubertätsalter der Kinder doch viel Futter, vielleicht werfen Sie dann noch einmal ein Buch auf den Markt?
Eher nein. Ich will nicht der sein, der über seine Kinder schreibt. Mit dem „Pubertier“ hat das ja zum Beispiel Jan Weiler gemacht – von dem ich weiß, dass seine Kinder ihn oft fragen, wann er denn endlich damit aufhört. Im Kleinkindalter finde ich das nicht so schlimm für die Kinder, aber wenn sie als Jugendliche vielleicht wirkliche Probleme haben, dann schon. Das ist zumindest mein Vorsatz.
Das ehrt Sie als Vater; zumal Sie von Beruf Komiker sind und damit naturgemäß gern bereit sein dürften, einem guten Witz einiges zu opfern ...
Ja.
Ich möchte deshalb auf Ihre Vaterrolle noch näher eingehen. Sie sind ausgebildeter Kinderkrankenpfleger, wollten Sportlehrer werden und haben selbst drei Kinder. Sie werden sich also schon einige Gedanken über Erziehung gemacht haben. Was würden Sie beispielsweise Eltern raten, deren Kind zuviel am Handy hängt?
Man muss es ihm wegnehmen (lacht). Aber das Problem ist natürlich, wenn die Eltern es vormachen. Die Eltern sollten, wenn Kinder dabei sind, das Gerät so wenig wie möglich nutzen. Zum Beispiel nicht jedes Mal aufs Gerät gucken, wenn eine Nachricht kommt, sondern diese dreimal am Tag abrufen. Ich selbst habe auch diese E-Mail-Zeiten. Außerdem ist es wichtig, Kindern Alternativen zu bieten, zum Beispiel mit ihnen in den Wald zu gehen, auf Bäume zu klettern.
Ein anderes Problem könnte zum Beispiel sein, dass das Kind nur in seinem Zimmer hockt, keinen Sport treiben möchte. Was tun?
Man muss selber sportbegeistert sein. So eine Sportbegeisterung lässt sich ja übertragen. Ein Kind ist nicht von sich aus faul und hat keine Lust. Kinder sind kein Gefäß, in das man was reinfüllt, sondern ein Streichholz, das entzündet werden will. Man muss die Kinder entfachen.
Das klingt sehr gut durchdacht.
Klar ist das alles auch Theorie, aber ich versuche selber, das so zu machen. Ich habe zum Beispiel gerade eine Seilbahn für meine Kinder gebaut. Dazu brauchte ich natürlich Zeit. Aber auch Mut. Mut, die Kinder mit der ersten Seilbahn fahren zu lassen, die ich überhaupt gebaut habe (lacht). Wenn das Kind abstürzt, bin ich Schuld. Aber ich will kein Helikopter-Vater sein. Kinder spüren, wenn man Angst hat, und dann werden sie auch ängstlich.
Noch sind Ihre Kinder klein. Aber wie würden Sie damit umgehen, wenn Sie die Freundin oder den Freund Ihres jugendlichen Kindes nicht mögen würden?
Ja, das kann man ja sagen, wenn alle mit am Tisch sitzen (lacht). Nein, im Ernst: Eigentlich sollte man sich ja nicht einmischen, aber man muss ehrlich sein. Die Kinder merken es doch auch. Und der Erwachsene hat natürlich auch das Recht, dass einem ein anderer Mensch nicht gefällt. Man sollte grundsätzlich offen sein, aber wenn die Freundin einem wirklich gegen den Strich geht, ist man nicht verpflichtet, damit hinterm Berg zu halten. Das Kind hat diese Ehrlichkeit verdient. Und wenn es dann trotzdem zu dem Menschen steht, ist das ja auch eine Stärke.
Haben Sie eine Erziehungsmaxime?
Die Kinder streiten zu lassen und sich auch mal raufen zu lassen. Meine Kinder dürfen sehr viel bei mir, die dürfen auch auf´s Schuppendach klettern.
Wohnen Sie auf dem Land?
Am Wochenende sind wir in einem Häuschen im Wald, auch mit Ameisen und Ratten, da ist es also nicht unbedingt nur schön. Sonst wohnen wir in der Stadt, in Köln.
Ihre Mutter hatte einen Naturkostladen, als Sie klein waren. Prägt einen das? Viele Menschen sind ja der Meinung, dass vegane Ernährung und Humor sich ausschließen ...
Ich esse nichts von Nestlé, aber im Allgemeinen sehr gerne Schokolade. Ich lebe das weit verbreitete Modell: Ich bin Vegetarier, aber nur vormittags (lacht). Ich bin sehr dafür, dass man sich mit Ernährung beschäftigt, jeder weiß ja, dass Massentierhaltung schlimmste Folgeschäden anrichtet. Ich esse keine Tiere aus Massentierhaltung. Also normalerweise – natürlich gehe ich auch auf´s Stadtfest und mache da mal eine Ausnahme. Durch meine Mutter bin ich mit dem Thema schon aufgewachsen, versuche es aber nicht zu einer Ideologie werden zu lassen. Ich würde lieber vegetarisch leben, tue es aber noch nicht.
Haben Sie eine Idee, wie das umzusetzen wäre – auch bei Kindern?
Ich habe da tatsächlich eine Idee. Ich würde gern mit meinen Kindern zusammen ein Huhn schlachten, damit sie wissen, wo die Chicken McNuggets herkommen. Ich könnte mir vorstellen, dass sie danach kein Fleisch mehr essen möchten, und wir Erwachsene wären dadurch gezwungen, mehr vegetarisch zu kochen. Aber das muss noch warten, mit vier Jahren ist eines unserer Kinder noch zu jung für diese Maßnahme. Das wäre ja traumatisierend. Vielleicht mache ich es auch nie, aber ich habe es im Hinterkopf.
Haben Sie eine Eigenschaft, mit der Sie Ihre Familie und Freunde auf die Palme bringen?
Meine Emotionslosigkeit.
Ist das jetzt Spaß oder Ernst ...?
Halb und halb. Aber in meiner Kindheit wusste meine Mutter nie, was ich wirklich dachte, weil in meiner Mimik und an meiner Körpersprache kaum etwas abzulesen war. Das hat sie wahnsinnig gemacht. Heute findet meine Mutter, dass das auf der Bühne aber sehr gut funktioniert. Weil man sich da fragt: Fährt der jetzt wirklich mit dem Porsche zum Bio-Supermarkt – oder nicht?
Mit seinem Wiederholungsprogramm „Milchbrötchenrechnung“ steht Johann König am Freitag, 29. September, ab 19:45 Uhr auf der Bühne im Stadeum. Karten gibt es ab 21,30 Euro, erhältlich sind sie unter 0 41 41/ 40 91 40 oder über die Internetseite www.stadeum.de