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Joja Wendt im Interview

Der Hamburger Komponist und Jazz-Pianist Joja Wendt. Foto: dpa

Der Hamburger Komponist und Jazz-Pianist Joja Wendt. Foto: dpa

Im Interview mit unseren Hamburg-Korrespondenten Martin Sonnleitner und Markus Lorenz spricht der Hamburger Klavier-Tausendsassa Joja Wendt über den schmalen Grat zwischen musikalischem Tiefgang und Entertainment, seine musikalischen Vorbilder und wie Joe Cocker ihn entdeckt und mit auf Tournee genommen hat.

Freitag, 18.11.2016, 15:39 Uhr

Herr Wendt, Sie gelten als einer der besten Klavierspieler des Landes, dennoch bedienen Sie dabei ein breites Repertoire. Wie kam das?

Joja Wendt: Es ist im Grunde wie in allen Berufen heutzutage, es gibt Spezialisten. Das ist in der Klassik auch so. Die einen interpretieren Mozart, die anderen Chopin. Mir hat immer verschiedenartige Musik gefallen: Sachen aus der Klassik, aus dem Jazz oder auch Pop. Insofern habe ich mich schon von Haus aus breit aufgestellt.

Wie schmal ist der Grat zwischen musikalischem Tiefgang und Entertainment?

Ich übe seit fünf Jahren jeden Tag ein Stück von Vladimir Horowitz. Da habe ich schon eine Tiefe, aber trotzdem ist mein musikalischer Blickwinkel so weit, dass ich auch Popstücke spiele. Bei meinem nächsten Programm versuche ich ja auch, verschiedene Musikstile zusammenzubringen. Bebop mit Swing, Boogie mal jazzig oder ich spiele den Hummelflug mit Hip-Hop-Grooves. Auf dem Wacken-Open-Air habe ich eine klassische spanische Folklore-Nummer als Rockversion gespielt. Alleine auf dem Klavier vor 80 000 Leuten.

Basis ist aber die klassische Ausbildung.

Ja, als ich zu meinem Vater nach der Schule gesagt habe, ich möchte mein Leben mit klassischer Musik bestreiten, hat er gesagt: Okay, wenn du Musiker werden willst, möchte ich, dass du es von der Pike auf lernst, es studierst und auch ins Ausland gehst. Zudem war ihm wichtig, dass ich ordentlich meine Steuererklärung mache (lacht).

Sie haben als kleiner Junge aber ja schon mit dem Klavierspielen angefangen.

Ich habe aber nie damit gerechnet, dass ich es einmal beruflich machen werde. Obwohl mich Joe Cocker schon auf Tournee mitgenommen hatte. Ich habe mit Chuck Berry gespielt und Fats Domino. Es gab Mitte der Achtziger in Hamburg eine quietschfidele Liveszene rund ums Onkel Pö. Udo Lindenberg und Otto Waalkes waren da immer, und die ganzen Pianisten spielten da. Dann hat Inga Rumpf mich auf ihre Deutschlandtournee mitgenommen. Dadurch bin ich überregional bekannt geworden. Ich habe mir in der Zeit auch 50-Mark-weise meinen Lebensunterhalt durch Auftritte auf Geburtstagen und Hochzeiten verdient.

Wie kam es zur Begegnung mit Cocker?

Es gab am Großneumarkt die Musikkneipe Sperl, in der Cocker auftauchte. Hamburg war damals ja Deutschlands Musikhauptstadt. Hier war die Gema ansässig, eine florierende Musikpresse, darum war es für Musiker so interessant hier. Ich habe dann Muddy Waters gespielt und Cocker war begeistert. Sein Vorprogramm war ausgefallen, am nächsten Tag habe ich dem Publikum dann in der Alsterdorfer Sporthalle auf einem kleinen Klavier eingeheizt. Dann hat er mich auf seine Deutschlandtournee mitgenommen.

Das Selbstbewusstsein wächst bekanntlich mit dem Erfolg, dass sie gut sind, wussten sie dann damals aber schon?

Man wächst vor allem mit dieser Aufgabe und der Erkenntnis, alleine über 1000 Leute unterhalten zu können. Im Grunde ist das, was ich jetzt mache, eine Fortsetzung von dem, was sich damals als Vision rauskristallisiert hat. Es dauert ewig, bis du so weit bist, ich war um die 20. Es ist wie bei den Boxern: Dein Talent erkennst du auf der Straße, dann musst du ackern und ackern, bis du es an die Spitze schaffst.

Das Studium war dann aber nicht nur Jux und Tollerei, es war Zug drin?

Auch wenn Kommilitonen meinten, ich wäre wahnsinnig diszipliniert, habe ich es gar nicht so empfunden. Ich habe ja auch in New York studiert, dort meine Helden gesehen. Ich habe teilweise bis nachts um zwei in Kneipen gespielt, morgens um acht saß ich wieder am Klavier und habe geübt. Ich musste das nicht, ich wollte. Zwischen 20 und 30 Jahren habe ich kontinuierlich nur Klavier gespielt. Es gab nichts anderes. Von da habe ich mein Rüstzeug mitgebracht, um ein Klavierkonzert so abwechslungsreich gestalten zu können. Meine Kollegen sagen immer: Joja, du kannst alles spielen, von Klassik über Jazz bis zum Boogie-Woogie. Bei den Konzerten reicht mir meine Bandbreite zum Vorteil.

Wie wichtig ist Humor?

Ich möchte meinen Enthusiasmus in Bezug auf das Instrument auf die Leute übertragen. Es ist ein geiles Instrument, du kannst grooven, rocken und alles, was ein großes Orchester macht, abbilden. Ich versuche das über einen humorvollen, zugewandten Abend zu vermitteln. In dem Moment, wo Distanz da ist, werden die Leute müde.

Wer sind Ihre musikalischen Vorbilder?

Mein musikalisches Herz schlägt für die frühe Jazzmusik. Art Tatum ist da ein großes Vorbild für klassische Virtuosen oder Oscar Peterson. Aber auch modernere Jazzer wie Keith Jarrett.

Was raten Sie Kindern, die keine Lust haben, Klavier zu üben?

Du kannst es nie erzwingen. Aber den Kindern die Möglichkeiten geben, soweit es wirtschaftlich möglich ist, das ist wichtig. Musikalische Früherziehung liegt mir sehr am Herzen. Ich habe ja auch eine Klavier-Onlineschule, die „Jojas Piano Academy“, da können Kinder aber auch andere kostenlos Klavier lernen.

Sie bauen ja durchaus unterhaltende Elemente in Ihr Programm ein. Erklären sie doch mal das Klavier mit pneumatischen Beinen. Auch Tischtennis wurde schon auf Ihrem Flügel gespielt.

(Lacht) Ich war 2008 Pate bei einer Klavierwette bei Wetten, dass...?, da waren auch Chinesen, die haben mich angesprochen. Klavierspielen wäre da groß, ein Wetten, dass...? hätten sie auch. Ob ich dort mal was Kreatives machen könnte. Wir haben in der Sendung dort dann den Klavierflügel zugeklappt, ein Tischtennisnetz drauf gespannt. Zwei Weltmeister im Tischtennis haben dann den Rhythmus zu dem gemacht, was ich gespielt habe. Ich bin daraufhin jedes Jahr in die größte chinesische Fernsehsendung eingeladen worden. Ich mache einmal im Jahr eine große Tournee dort, auch diesen November wieder. Die pneumatischen Beine gehen auf eine Biografie von Franz Liszt zurück, wo es um „über die Bühne tanzen“ ging. Dann hat mir ein ehemaliger Fabrikleiter von Steinway – ich bin ja Artist bei denen – die Beine ausgehöhlt und Pressluftzylinder reingesetzt. Du siehst es dem Flügel gar nicht an. So kam es, dass der Flügel tanzen konnte.

Sie gelten als Charming Boy. Ist Klavier ein Instrument, mit dem man gerade bei den weiblichen Fans ankommt?

(Lacht laut) Es reicht nicht, wenn jemand nur gut Klavier spielt oder „charming“ ist, sondern das Gesamtpaket muss stimmen. Die Optik gar nicht mal so sehr, der Charakter ist wichtig und man muss für etwas brennen. Klar, ich komme mit Frauen sehr gut klar. Tatsächlich sind 75 Prozent des Publikums weiblich. Das liegt daran, dass Frauen eher in Klavierkonzerte gehen und dann ihren Mann mitnehmen. Natürlich ist Klavierspielen auch ein Transportmittel für Emotionen, Sehnsüchte und Wünsche.

Sie haben schon über Hamburg als Musikstadt gesprochen. Wie sieht es heute aus?

Ich würde Hamburg immer noch als Deutschlands Musikhauptstadt bezeichnen. Es gibt hier verschiedene Biotope, das war auch immer schon durch den Kiez begünstigt. Hier – wie in Berlin und Köln auch ein wenig – gibt es eine sehr fidele Subkultur. Das inspiriert die Kreativität in allen Künsten. Die Musicals befeuern das zusätzlich. Es sind viele US-amerikanische Künstler deswegen hier, die hören nach Feierabend nicht auf, sondern machen in Bars oder Clubs weiter, indem sie etwas live vortragen.

Beschreiben Sie doch nochmal Ihr neues Programm, im kommenden Jahr gehen Sie ja auf große Deutschland-Tournee.

Das Programm wird „Die Kunst des Unmöglichen“ heißen. Ich fange im März im hohen Norden in Flensburg an. Es ist an der Schnittstelle zwischen U- und E-Musik. Ich bin in einem Stall mit dem Geiger David Garrett und dem Trompeter Till Brönner als Top-Instrumentalisten. Mit mir haben sie sich den Unterhaltsamsten von allen ausgesucht. Der Slogan lautet: „Joja Wendt, alles andere als piano“. Es werden mit Konzerten im Ausland ungefähr 35 Auftritte werden.

Am Sonntag, 18. Dezember, spielt Joja Wendt zusammen mit den Söhnen Hamburgs in der Barclaycard Arena. Eintrittskarten gibt es ab 37,80 Euro in allen bekannten Vorverkaufsstellen.

Der Hamburger Jung Joja Wendt (52) ist Sohn einer Sängerin und eines Arztes. Mit vier Jahren begann er mit dem Klavierspielen. Nach dem Abitur stieß er zur Hamburger Jazz- und Boogie-Szene. Es folgte ein Klavierstudium in Hilversum und an der Manhattan School of Music in New York.

Wendt trat mit Musik-Ikonen wie Jerry Lee Lewis, Fats Domino und Joe Cocker auf. Anfang der 2000er machte ihn sein Mix aus anspruchsvoller Tastenkunst und Unterhaltung bundesweit bekannt. Joja Wendt lebt mit Frau Birte und den Kindern Elisa und Julius in Hamburg-Groß Flottbek.

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