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Jork stellt deutsch-französische Partnerschaft auf den Prüfstand

Im September 2016 haben eine Jorker Delegation und Vertreter der Partnergemeinden in Presqu’Île de Brotonne noch einen Vertrag zur Bekräftigung der 30-jährigen Partnerschaft unterzeichnet. Von links: Jean-Pierre Girod, Präsident des Naturpa

Im September 2016 haben eine Jorker Delegation und Vertreter der Partnergemeinden in Presqu’Île de Brotonne noch einen Vertrag zur Bekräftigung der 30-jährigen Partnerschaft unterzeichnet. Von links: Jean-Pierre Girod, Präsident des Naturpa

Eine eingeschlafene Beziehung zu beleben ist nicht einfach, wie Vertreter der Gemeinde Jork feststellen. Seit Jahren bemühen sie sich, die 30 Jahre alte deutsche-französische Partnerschaft aus dem Dornröschenschlaf zu holen. Bisher mit wenig Erfolg.

Von Anping Richter Dienstag, 14.02.2017, 18:33 Uhr

Ihren Worten nach sind Deutsche und Franzosen sich eigentlich völlig einig: Eine Verjüngung wäre ganz im Sinne überzeugter Europäer und wichtig für die Zukunft der Partnerschaft der Gemeinde Jork mit den Gemeinden der Presqu’île de Brotonne. Das hatten auch die Bürgermeister der fünf kleinen Gemeinden auf der Halbinsel in der Normandie betont, als im Herbst 2016 bei einem Besuch einer Jorker Delegation der Partnerschaftsvertrag anlässlich des 30-jährigen Bestehens feierlich erneuert wurde. Weshalb es mit einem Schüler- oder Jugendaustausch trotzdem seit Jahren nicht klappen will, war kürzlich Thema im Kulturausschuss.

Der CDU-Fraktionsvorsitzende Michael Eble (siehe Foto), der sich seit Jahren für die deutsch-französische Partnerschaft engagiert, berichtete zum aktuellen Stand: Mit der Jorker Oberschule und dem Collège Victor Hugo in Caudebec-en-Caux war im Frühjahr 2015 bereits ein Schüleraustausch auf den Weg gebracht worden, der allerdings buchstäblich in letzter Minute scheiterte. Sehr zur Enttäuschung der Französisch-Schüler vom Schulzentrum Jork, die sich zur Vorbereitung mehrfach mit Deutsch lernenden Schülern am Collège Victor Hugo brieflich ausgetauscht hatten und praktisch auf gepackten Koffern saßen. Aber das Partnerschaftskomitee sah sich unerwartet kurzfristig außerstande, die Unterkunft in Gastfamilien zu organisieren. „Infolgedessen ist die damalige Vorsitzende des Komitees übrigens zurückgetreten“, berichtet Eble.

Bei dem 30-jährigen Jubiläumsbesuch der Jorker Delegation im September 2016 hatte Michael Eble, der den Schüleraustausch im Rahmen eines privaten Familienurlaubs in der Partnergemeinde schon 2014 angestoßen hatte, sich dann um eine Neuauflage bemüht. Yves Delaune, der Lehrer am Collège Victor Hugo in der nahen Stadt Caudebec-en-Caux und gleichzeitig einer der Bürgermeister der Presqu’île de Brotonne ist, sagte seine Unterstützung zu. Daraufhin fragte die Oberschule Jork im Herbst noch einmal schriftlich in Frankreich an und äußerte den Wunsch nach einem Austausch mit 30 Schülern, die in Familien untergebracht werden sollten. „Darauf kam wieder keine Reaktion“, berichtet Eble. Schließlich wandte er sich mit einem Brief an die aktuelle Vorsitzende des Comité de Jumelage, Éliane Planes. Die Antwort: Es sei noch zu früh für das Organisieren, eine kleine französische Delegation wolle das im Frühjahr bei einem Besuch in Jork besprechen. „Ich bin ratlos“, sagt Eble, „wenn da nicht mal frischer Wind reinkommt, befürchte ich, dass die Sache im Sande verläuft.“ Damit der europäische Gedanke lebendig bleibe, brauche es aber einen Generationswechsel: „Je mehr Kontakte und je mehr Zusammenleben wir innerhalb Europas haben, desto besser.“ Die Jorker Delegation sei in Frankreich im vergangenen Jahr bestens aufgenommen und versorgt worden. Die Partnerschaft lebe aber nicht von einem zweitägigen Fest, sondern brauche neuen Schwung mit neuen Leuten – was in Jork nicht das Problem sei.

„Ich weiß auch nicht mehr weiter“, räumt Bürgermeister Gerd Hubert ein. Er will es nun noch einmal mit einem offiziellen Brief an den Amtskollegen versuchen. „Die Herzlichkeit in Frankreich war groß, aber wir müssen die Zukunft im Blick haben“, sagt er.

 

Die Bewegung der deutsch-französischen Städtepartnerschaften entstand nach dem Zweiten Weltkrieg, als Lucien Tharradin, Bürgermeister von Montbéliard und ehemaliger Widerstandskämpfer und Buchenwald-Überlebender, im Jahre 1950 den Grundstein für eine Städtepartnerschaft mit Ludwigsburg in Baden-Württemberg legte. Die Partnerschaft soll zu einem besseren gegenseitigen Verständnis zwischen den beiden Ländern beitragen. Gegenwärtig bestehen mehr als 2200 deutsch-französische Partnerschaften unter Beteiligung von Städten, Kommunen, Departements und Regionen, oftmals gehören Sprachaustausch, Schüleraustausch, Kulturaustausch oder beruflicher Austausch dazu.

Die Partnerschaft der Gemeinde Jork mit der Presqu‘île de Brotonne und ihren fünf Orten La Mailleraye sur Seine, St. Nicolas de Bliquetuit, Vatteville la Rue, Notre Dame de Bliquetuit und Heurteauville besteht mittlerweile seit 1986. Die Normandie ist für ihren Calvados berühmt, und die Äpfel dafür wachsen auch überall auf der Presqu‘île de Brotonne. Auch sonst hat sie mit dem Alten Land einiges gemeinsam, beispielsweise ihr maritimes Erbe. Die fünf Orte der Presqu‘île de Brotonne mit ihren etwa 5000 Einwohnern liegen malerisch in einer Biegung der Seine, etwa 35 Kilometer entfernt von Rouen und ganz in der Nähe der Atlantikküste mit ihren Steilklippen.

 

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