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Junge Triebe im Rüstjer Forst

Die Azubis Milena Brünjes, Thore Schlüter, Torge Both sowie Kaspar von Harling (von links) mit Ausbilder Detlev Lippert.

Die Azubis Milena Brünjes, Thore Schlüter, Torge Both sowie Kaspar von Harling (von links) mit Ausbilder Detlev Lippert.

Sie fällen Bäume, manövrieren Maschinen, sie wirtschaften, sortieren Hölzer und bekämpfen den Borkenkäfer: Im Ausbildungsrevier Rüstjer Forst zwischen Deinste und Horneburg werden sechs Nachwuchsförster herangezüchtet. Die Ausbildung ist mehr als ungezügeltes Bäumeholzen.

Von Karsten von Borstel Sonntag, 16.07.2017, 07:00 Uhr

Sonnenstrahlen fallen auf den Waldboden im Rüstjer Forst. Es ist 11 Uhr. Die Nadelbäume spenden bei 23 Grad wohltuenden Schatten. Thore Schlüter sägt mit der Kettensäge einen Spalt in die Fichte. Er setzt seinen Fällkeil kniehoch an. Mit präzisen Hieben versenkt er das Metall, bis das Holz knackst. Zwei weitere Schläge auf den schmalen Kopf und der Baum neigt sich einige Grad vornüber. „Achtuuuung“, ruft Schlüter. Wie ein Ritual hallen seine Worte in den Wald hinein. Dann fällt die Fichte – und landet auf einem Bett aus Nadeln.

Jeder zehnte Baum wird per Hand gefällt: Milena Brünjes und Thore Schlüter fällen eine Fichte.  Fotos von Borstel

Thore Schlüter ist einer von sechs Auszubildenden zum Forstwirt im Forstamt Harsefeld. Morgens um 7 treffen sich die Lehrlinge mit Ausbildungsleiter Detlev Lippert in der Werkstatt. Seit 33 Jahren lehrt der Forstwirtschaftsmeister im Ausbildungsrevier im Rüstjer Forst. Die Niedersächsischen Landesforsten stellen jedes Jahr 30 Azubis ein, die sich auf sieben Förstereien verteilen. Nicht nur Haupt- und Realschüler bewerben sich, sondern zunehmend auch Abiturienten.

Kein Wunder. Die Arbeit im Freien liegt im Trend. Hochglanzmagazine wie „Natur“ oder „Landleben“ romantisieren die Draußen-Berufe immerzu. Nicht jedem nützt das. „Viele Bewerber haben nicht das Zeug für den Job“, sagt Lippert. Darunter findet sich zuweilen auch die Mittvierzigerin, die mit überzogenem Idealismus vom Landkreis aus den Regenwald retten will. Die Wirklichkeit ist eine andere. Bei Regen, Eis und Hitze verbringt der Nachwuchs 70 bis 80 Prozent des Tages in den Wäldern.

Der Beruf ist mehr als ungezügeltes Bäumeholzen. „Waldbewirtschaftung“ – der Fachbegriff deutet es an. Neben der Pflege des Forsts ist Wirtschaften mit einer wertvollen Ressource die Kernaufgabe. Der Rüstjer Forst ist Landschaftsschutzgebiet. Mit einer Größe von 2300 Hektar verteilt er sich auf die Samtgemeinden Harsefeld und Horneburg sowie die Stadt Stade. Er zählt neben Braken und dem Neukloster Forst zu den größten Waldgebieten im üblicherweise waldkargen Landkreis Stade.

„Die dreijährige Lehre ist umfangreich“, sagt Meister Lippert zurück in der Ausbildungswerkstatt an der Kreisstraße 44 zwischen Deinste und Horneburg. 1992 ist das Gebäude errichtet worden, im Jahr 2016 erfolgte ein Anbau. Spinde, Tische, Wände, Böden – in Lipperts Büro ist sogar das Mousepad aus Holz.

Im Rüstjer Forst wird in der Regel alles von Lehrlingen abgearbeitet. Im Sommer steht die Holzernte an. Dann berechnen die angehenden Förster die Revierausbeute und leiten die Holzpreise für den Verkauf ab. Sie kümmern sich um Materialeinkauf und entscheiden, welche Technik für welche Aufgabe gebraucht wird. Sie fällen, sie sortieren, sie warten und setzen Maschinen instand, sie betreiben Natur- und Landschaftspflege mit Verbänden, sie bauen Bänke, Tische und mähen. Neben dem handwerklichen Geschick ist eine starke Konstitution vonnöten.

Im forstgrünen T 5-Bus geht es im Schritttempo zurück auf die Forstwege. Das Auto passiert Abteilung 89. Alle Waldstücke sind fortlaufend durchnummeriert. Lippert kennt sie aus dem Effeff. Nach drei Jahren wissen sich auch die Azubis zu orientieren. Während der Transporter geradewegs auf eine Käferfalle zusteuert, macht zur Linken ein Reh einen Satz aus dem Gebüsch und flüchtet in die Tiefen des Waldes.

Holzernte ist Hochzeit für Käferbefall. Besonders nach schweren Gewittern, wie es sie zuletzt öfter in der Region gab. Wenn Getier wie Borkenkäfer nicht früh erkannt und beseitigt wird, explodiert der Befall. Die Insekten werden mit Pheromonen zu aufgeschütteten Hügeln gelockt, wo sie am Gift verenden.

Am Rand des Waldes liegt das Sortiment aufgereiht. Kiefer an Lerche, Lerche an Fichte. Ein Rücker gabelt die Stämme auf und schleppt sie bis hierhin. Sie werden vorgeschnitten, zum Beispiel für den Hausbau. Während der Ernte werden Fichten entnommen, um die Buchen zu stärken. Sechs bis acht Kilometer Holz werden dem Rüstjer Forst jährlich entnommen. Durch Pflanzungen wachsen auf der anderen Seite der Kette 15 Kilometer wieder nach. „Unser Wald wird jährlich mehr“, sagt Lippert.

Milena Brünjes schreitet mit der Motorsense durch das Gehölz, um die jungen Triebe am Waldboden auszudünnen.

Milena Brünjes stapft mit einer Motorsense unter den Armen durch das flach bewachsene Gehölz. Die jungen Triebe müssen ausgedünnt werden. Sie fallen der rotierenden Schneide ohne Widerstand zum Opfer. Sichere Arbeitskleidung ist unerlässlich. Hosen mit Schnittschutz, Helme und schwere Stahlkappenschuhe sind Pflicht. In voller Montur wird es den angehenden Forstwirten im Sommer oft zu warm.

„Lieber Nieselregen und kühle zehn Grad als strahlender Sonnenschein und Hitze“, sagt Brünjes, nachdem sie die Sense abgelegt hat. Die 19-Jährige schließt ihre Ausbildung am Ende des Monats ab. Im selben Ausbildungsrevier hat schon ihr Cousin gelernt. Brünjes will ihr Fachabitur nachholen. Am 1. August – in nicht mal drei Wochen – beziehen die Nachfolger das Revier.

Nach der Ausbildung sind Forstwirte gefragt. Denn die zielt auf eine Kernkompetenz ab: Selbstständigkeit. Forstwirte arbeiten in kleinen Teams. Die Fachleuchte nennen sie „TAGs“ – Teilautonome Gruppen. Der Branche mangelt es schon heute erheblich an Personal. Hunderte Forstwirte in Deutschland werden in den nächsten Jahren pensioniert. Das macht es für Forstämter und Lohnunternehmer nicht leichter, an Fachkräfte zu kommen. Perspektivisch müssen vermutlich Reviere schließen.

„Die Arbeitslosigkeit in der Branche liegt fast bei Null“, sagt Schlüter. Der 22-Jährige peilt nach der Lehre im nächsten Jahr ein Studium an. Er hat seit jeher die Vorstellung, im Wald zu arbeiten. Einen Jagdschein besitzt er auch. Durch Bekannte ist er mit dem Beruf in Berührung gekommen. Sein liebster Einsatzbereich ist die Holzernte. „Es passiert dort am meisten, man muss alles einzeln bewerten, und jeder Baum ist anders“, sagt Schlüter.

Drei Mal im Jahr geht es für den Nachwuchs ins Forstliche Bildungszentrum im Harz, die einzige Berufsschule der Art in Niedersachsen. Im Internat wird der schulische Teil der Ausbildung blockweise vermittelt. Zehn der landesweit 30 Absolventen werden jährlich übernommen. Viele wollen anschließend studieren, andere Maschinenführer werden, um das schwere Geschütz durch die Schneisen in den Wäldern zu manövrieren.

Ein Harvester bei der Baumernte. 90 Prozent der Bäume im Rüstjer Forst werden mit dem hochtechnischen Holzernter gefällt.  Foto Pleul/dpa

Zur Mittagsstunde kreucht ein Harvester über das vom Regen aufgeschwemmte Unterholz. Weiße Striche bahnen der Maschine die Spur. Wie eine 20 Tonnen schwere Würgeschlange nähert sich der Greifarm einem Baumstamm. Der Förster hat die Fichte Rot besprüht. Sie ist zum Fällen freigegeben. Harvester werden auf Deutsch auch Holzvollerntemaschinen genannt und sind baumfällende Ungetüme. Sie sind das Fortschrittlichste, was die Forstwirtschaft zu bieten hat.

Im Akkord frisst sich das 600 000-Euro-Gerät eines Privatunternehmers durch den Forst. Es packt Baum um Baum, sägt Stämme ab, als wären es Zahnstocher, und entfernt im selben Arbeitsgang abstehende Äste. Das futuristische Cockpit erinnert mit zahllosen Hebeln, Reglern und Schaltknaufen an das Innere eines Helikopters. Automatisch vermisst der Kopf am Harvester die Bäume. Er digitalisiert die Art, ihre Qualität und speichert den Bestand. Der Förster ist so immer auf dem Laufenden. Der Fahrer legt den Stamm zur Abholung auf dem Boden ab. Über 90 Prozent der Bäume im Rüstjer Forst werden auf diese Weise gefällt. Mancher Baum ist zu dick für den Fangarm, andere schwer erreichbar. Bei diesem Rest ist noch Handarbeit gefragt. Ein Ersatz für den Förster ist der Harvester nicht. Thore Schlüter wirft seine Kettensäge an.

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