Kiddo Kat: Manchmal reicht ein Song
Trotz Stromausfall und Dauerregen: Kiddo Kat rockte das Publikum bei der Altonale 2016. Foto Lidija Delovska/Altonale
Mehr als 100 Millionen User sahen ihre Version von „Kiss“ auf Youtube. Kiddo Kat wurde 2016 über Nacht berühmt. Nach dem Hype ist Kiddo Kat, alias Anna Guder (28), auf dem Boden geblieben. Sie lebt in Eimsbüttel und hat jetzt ihr Debütalbum „Piece Of Cake“ veröffentlicht.
Von Matthias Greulich
Manchmal reicht es, nur einen Song zu spielen. Manchmal braucht das Publikum länger, um eine Reaktion zu zeigen. Kiddo Kat kennt beides. Im Frühjahr 2016 hatte sie mit ihrer Kollegin Heidi Joubert spontan in der Frankfurter U-Bahn den Prince-Song „Kiss“ gesungen. Das dabei aufgenommene Video sahen seitdem mehr als 100 Millionen Nutzer im Netz.
Über Nacht war Kiddo Kat zum Youtube-Star geworden. Noch immer bekommt sie euphorische Nachrichten aus allen Teilen der Welt. Wenn sie aber als Straßenmusikerin in Hamburg auftritt, dauert es geschlagene drei, vier Songs, um mit den Zuhörern ins Gespräch zu kommen. Die gebürtige Berlinerin kennt das norddeutsch-kühle Publikum, sie ist seit fünf Jahren Wahlhamburgerin. „Hier brauchen sie etwas länger, aber dann ist der Kontakt ehrlicher. Das mag ich sehr.“
Wir treffen uns an einem Spätnachmittag in einem Café in Eimsbüttel. Die 28-Jährige wohnt um die Ecke und berichtet von einem Auftritt einige Stunden zuvor an der Osterstraße. „Ein entspannter Biokiez, wo ich vielleicht wie ein Alien wirke. Aber vorhin haben zwei Frauen nacheinander zu mir gesagt: ,Heute hatte ich einen Scheißtag, aber du hast ihn mir gerettet.‘“, erzäht Kiddo Kat. Ähnlich gute Laune machen die Songs von „Piece Of Cake“, Kiddo Kats erstem Album. Sie hat es mit Patrik Majer, der Rosenstolz und Wir sind Helden produziert hat, in Berlin aufgenommen. Im Sommer ist es erschienen, ab dem 8. Oktober folgt eine längere Deutschland-Tournee mit ihrer Band.
Anna Guder, wie Kiddo Kat richtig heißt, hat einen langen blonden Zopf, der vergessen lässt, dass sie nur 169 Zentimeter groß ist. Sie trägt Sneakers und weite Sachen wie Besucherinnen bei einem Hip-Hop-Konzert, wirkt aber dennoch zierlich. Eine unkomplizierte Gesprächspartnerin, die große Lust hat, über Musik zu reden. 2013 hat sie an der Hamburger Musikhochschule den renommierten Popkurs besucht. Wer dort ausgebildet werden möchte, muss vor den Dozenten eine Live-Prüfung absolvieren. Nur wenige bestehen das Vorspielen. Bands wie Boy oder Wir sind Helden sind im Popkurs gestartet und später in großen Hallen und bundesweit auf Festivals aufgetreten. Den Popkurs-Absolventen hilft ein gutes Netzwerk, um dauerhaft von ihrer Musik leben zu können. Schon bevor Kiddo durch ihrem U-Bahn-Auftritt bekannt wurde, war Karsten Jahnke auf sie aufmerksam geworden. Mit der Popularität des „Kiss“-Videos konnte der Konzertveranstalter aus der Hansestadt für sie bald größere Clubs buchen.
Musik live zu erleben, steht bei einem Publikum in Guders Alter wieder hoch im Kurs. Die funkigen Songs von „Piece of Cake“ funktionieren auf der Bühne ziemlich gut. Kiddo Kat spielt dann eine auffällige elektrische Gitarre, deren Corpus wie ein umgedrehtes V aussieht. Bei der Altonale 2016 ließ sie die kirschrote „Flying-V“ allerdings im Stich. Auf dem Spritzenplatz hatte der Dauerregen einen Stromausfall verursacht. „Das“, sagt Kiddo Kat, „überbrück‘ mal ohne Mikro.“ Sie und ihre Band waren klatschnass, was sie nicht daran hinderte, Flyer an das Publikum zu verteilen.
Anders als den Regen von Altona sieht sie heute ihren Auftritt bei Markus Lanz. In dessen Talkshow saß sie als gehypter Youtube-Star auf der Couch und konnte selber kaum fassen, was da passierte. „Da war ich wie auf Naturdroge. Das ist im Nachhinein seltsam anzuschauen. Und wenn ich daran denke, wie ich in dem Video rumlaufe denke ich, dass ich darauf besser lieber besser vorbereitet gewesen wäre.“
Mit dieser Episode geht Anna Guder mittlerweile entspannt um. Ebenso mit den Mechanismen des nach wie vor männlich dominierten Musikbusiness, eine junge Künstlerin zu beeinflussen. „Die Versuche gab es. Aber die positiven Erfahrungen überwiegen“, sagt sie rückblickend. Mit dem Hype kann sie inzwischen umgehen. Bei der Gala des „New Faces Awards“ der Zeitschrift „Bunte“ hatte sie sichtlich Spaß vor den Fotografen auf dem roten Teppich. Und wenn sie demnächst in einer Talkshow auftritt, könnte sie wohl nicht mal ein Stromausfall aus der Ruhe bringen.