Kinder glaubten blind an den Endsieg
Zeitzeuge Heinz Schmidt lebt in Neu Wulmstorf. Hier, vor den Toren Hamburgs, hat er den Krieg und die Kapitulation 1945 erlebt.
Der heute 85-jährige Heinz Schmidt hat in Neu Wulmstorf den Krieg und als 15-Jähriger die Kapitulation im Jahr 1945 erlebt.
Am 3. März 1945 feiert der Hitlerjunge Heinz Schmidt seinen 15. Geburtstag. Besonders viel Aufhebens, sagt Schmidt heute, sei damals in Kriegszeiten um solche Feierlichkeiten nicht mehr gemacht worden. „Die Leute hatten einfach zu viel damit zu tun, ums Überleben zu kämpfen. Viele haben in der Zeit furchtbar gehungert. Da gab es keinen Grund, einen Kindergeburtstag zu feiern. Auch wenn jemand in der Familie oder im Freundeskreis starb, hatte man eigentlich wenig Zeit zum Trauern“, so Heinz Schmidt.
Heinz, der in Neu Wulmstorf mit seiner Mutter – der Vater ist an der Front – im Haus der Familie an der Hauptstraße (B 73) wohnt, besucht das Athenaeum in Stade. Während zum Ende des Krieges hin vor allem die Stadtbewohner hungern müssen, hat Heinz Glück. Seine Mutter versorgt die Familie mit Obst und Gemüse aus dem Garten. Und ein Onkel von ihm hat einen Milchladen. Und der 15 Jahre alte Heinz hat Glück, dass er erst 1930 geboren ist. Dieser Jahrgang wird in den letzten Kriegsmonaten nicht mehr eingezogen.
An diesem 3. März – der Frühling nach einem bitterkalten Winter ist früh angebrochen – ahnt Heinz Schmidt noch nicht, dass genau zwei Monate später, am 3. Mai 1945, die englischen Truppen in Neu Wulmstorf einmarschieren werden.
Schon Ende März sieht der 15-Jährige die ersten Flüchtlingstrecks auf der Bundesstraße 73 in Richtung Buxtehude ziehen. Schmidt: „Ich sah erschöpfte Menschen, lethargisch, hoffnungslos und ohne Heimat. Auf den Leiterwagen lagen nur wenige Habseligkeiten, Stroh und unter den Wagen hingen Futtereimer. Auch die Pferde, die viele Hundert Kilometer ohne Rast und Pflege hinter sich hatten, waren in einem elenden Zustand.“ In dieser Zeit, sagt Heinz Schmidt, habe er auch die ersten KZ-Häftlinge – es waren Frauen – gesehen, die von ihren Aufseherinnen über die Bundesstraße getrieben wurden. Er erinnert sich daran, dass die Aufseherinnen die Häftlinge furchtbar angeschrien hätten. Heinz sieht in diesen Tagen auch zwei ehemalige KZ-Häftlinge in „feinen Schneiderkostümen“. Das sei ihm, sagt der heute 85-Jährige, „merkwürdigerweise im Gedächtnis haften geblieben“.
Dass nun der Krieg zu Ende sein sollte, sagt Heinz Schmidt heute in seinem Haus im Kolpingweg in Neu Wulmstorf – das Elternhaus ist längst abgerissen – habe er erst spät erfahren und zuerst nicht glauben können. Schmidt: „Und eigentlich wollten wir Jungs es auch gar nicht wissen, dass der Krieg verloren war. Die Nazis hatten diese Katastrophe perfekt organisiert.“
Die Nazi-Propaganda sitzt fest in den Köpfen der Menschen, auch die Kinder glauben blind an den Endsieg, obwohl zu diesem Zeitpunkt schon alles dafür spricht, dass der Krieg schon längst verloren ist. „Wir waren alle irgendwo organisiert und dieser täglichen Propaganda ausgesetzt. Kurz vor Kriegsende, eigentlich bis zum Einmarsch der Engländer, hofften wir doch noch auf ein Wunder“, so Schmidt. Die perfide Berieselung mit Nazi-Ideologien zeigt auch bei dem Hitlerjungen Heinz aus Neu Wulmstorf ganze Wirkung, zumal auch Heinz’ Vater, der zwar noch nach dem Krieg nach Hause kommt, aber kurze Zeit später stirbt, zu den überzeugten Nationalsozialisten zählt. Er sei, sagt Heinz Schmidt, ein überzeugter Hitlerjunge gewesen, aber niemals ein Fanatiker.
„Mir war damals schon klar, dass dieser 3. Mai eine Zäsur in meinem Leben bedeuten würde“, sagt Heinz Schmidt, der 1950 am der Halepaghen-Gymnasium in Buxtehude sein Abitur macht, 1959 sein Staatsexamen als Diplom-Verwaltungswirt ablegt und bis zu seinem Ruhestand im Jahr 1990 als Anstaltsleiter in verschiedenen Hamburger Justizvollzugsanstalten – darunter auch in Santa Fu – arbeitet.
Damals, nach Kriegsende, sagt Schmidt, hätten sich seine Freunde, Schulkameraden und er schon gewundert, dass ihre alten Lehrer plötzlich verschwanden und kurze Zeit später an die Schule zurückkehrten. Heinz Schmidt: „Die wurden zur Entnazifizierung interniert. Später, als sie wieder an die Schule zurückkehrten, wir nannten sie die Wieder-Gutgemachten, wunderten wir uns manchmal. Ein Lehrer beispielsweise sang vor der Klasse die Marseillaise und erklärte uns, die französische Nationalhymne stehe für Freiheit. Wir dachten nur: Was grölt der Alte da vorne bloß.“ Zu dieser Zeit besucht Heinz schon das Halepaghen- Gymnasium, weil jetzt keine Züge mehr nach Stade fahren.
Zu Hause in Neu Wulmstorf geht das Leben weiter nach dem Einmarsch der Engländer. Die Braunhemden sind aus den Straßen verschwunden. Heinz und seine Freunde verstehen schnell, dass die Ideologien, die die Erwachsenen ihnen jahrelang eingebläut haben, jetzt nicht mehr zählen. Für ihn sei damals, erzählt der Neu Wulmstorfer, „natürlich eine halbe Welt zusammengebrochen. Aber ich konnte mich schnell auf die neuen Umstände einstellen. Das scheint der Segen der Jugend zu sein“.
Und die englischen Soldaten beeindrucken den 15-Jährigen durch ihre Höflichkeit und Disziplin. Heinz Schmidt: „Zu dem Zeitpunkt hatte ich schon fünf Jahre Englisch in der Schule, konnte mich also gut mit den Engländern, die jetzt in unserem Dorf stationiert waren, verständigen.“ Die Schmidts müssen in ihrem Haus an der Hauptstraße zwei Zimmer für Flüchtlinge freiräumen.
„Damals wurde man gar nicht erst gefragt, ob man Flüchtlinge aus dem Osten aufnehmen wolle. Das wurde bestimmt, und dann war das so“, sagt Heinz Schmidt, der sich daran erinnert, dass die Zweck-Wohngemeinschaft trotz der mageren Zeiten gut funktioniert habe. Das sei vor allem auf den Dörfern nicht immer so gewesen. Teilweise seien „die Flüchtlinge, die ja alles verloren hatten, hier ausgesprochen schlecht behandelt worden“, so Schmidt.
Heinz Schmidt hat seine Erinnerungen aufgeschrieben – für seine Kinder und seine Enkel. Schmidt: „Ich glaube, viele von uns haben den Fehler gemacht, mit ihren Kindern nicht ausführlich über diese Zeit zu sprechen.“
Aufgrund der großen Nachfrage und vieler spannender Vorschläge seitens unserer Leser setzt das TAGEBLATT seine Serie zum Kriegsende vor 70 Jahren fort und wird dabei den Fokus verstärkt auf die Nachkriegszeit legen.
Heinz Schmidt aus Neu Wulmstorf (Zweiter von rechts hinten) ist 15 Jahre, als die Engländer am 3. Mai 1945 in Neu Wulmstorf einmarschieren. Das Foto zeigt ihn in seiner Gruppe Hitlerjungen kurz vor Kriegsende.
Zeitzeuge Heinz Schmidt lebt in Neu Wulmstorf. Hier, vor den Toren Hamburgs, hat er den Krieg und die Kapitulation 1945 erlebt.