Kranenburgs Bürgermeister sagt der Politik ade
Bürgermeister Horst Wartner am Kranenburger Bootsanleger. Eine der vielen Errungenschaften während seiner Amtszeit. Foto Helfferich
Noch so ein Urgestein, das seine politische Arbeit beendet. 35 Jahre Ratsarbeit, davon 32 Jahre als Kranenburger Bürgermeister, hat Horst Wartner hinter sich – und vieles mehr. Jetzt zieht sich der 75-Jährige aus der Politik zurück. Heute Abend wird er im Rat verabschiedet.
„Ich habe in meinem Leben sehr viel Glück gehabt“, sagt der umtriebige Kranenburger, der 1945 als Flüchtlingskind aus Danzig mit seiner Mutter und einem Bruder in Kranenburg strandete. Der Vater wollte, dass Frau und Kinder mit der Wilhelm Gustloff Danzig verlassen sollten. Doch der Mutter war diese Flucht zu überstürzt. Und so weigerte sie sich das Schiff zu betreten, das am 30. Januar 1945 mit mehr als 9000 Menschen an Bord versenkt wurde. Die Flüchtlingsfamilie nahm einen der letzten Züge gen Westen und kam über Himmelpforten nach Kranenburg.
Horst Wartners politischer Weg ist eng verknüpft mit dem beruflichen. Nach der Handelsschule in Stade absolvierte er eine Lehre zum Versicherungskaufmann und 1963 trat er eine Stelle als Sachbearbeiter und Kundenberater bei der AOK in Stade an. Dort arbeitete er sich zielstrebig nach oben – bis zum Geschäftsführer 1982. Klar, dass er auf diesem Weg, wo es auch um die Entwicklung des Stader Krankenhauses ging, auf Menschen traf, „die mir später bei dem Job als Bürgermeister geholfen haben“, erzählt der 75-Jährige und nennt da als ersten Heinrich Stülten, den langjährigen Ersten Stadtrat aus Stade. „Das war mein politischer Ziehvater. Von dem habe ich viel gelernt, zum Beispiel, wie man mit Leuten aus den Ministerien umgeht.“
Trotz der Karriere fand Wartner in die Politik. Der in diesem Jahr verstorbene Hans Willi Heinsohn, damals Filialleiter der Volksbank in Oldendorf, nahm ihn beiseite und redete ihm zu. Wer so eingebunden sei, müsse doch unbedingt kandidieren. Horst Wartner ließ sich darauf ein, „aber nur, weil es eine Wählergemeinschaft gab. In meiner Position hätte ich unmöglich für eine Partei kandidieren können.“ Das war 1981 und der damals 40-Jährige holte auf Anhieb die meisten Stimmen und zog sowohl in den Gemeinderat als auch in den Oldendorfer Samtgemeinderat ein. Zwei Jahre später, nach dem plötzlichen Tod des damaligen Kranenburger Bürgermeisters Heinrich Schulze, übernahm Wartner die Ratsspitze. Der gebürtige Danziger wurde Bürgermeister von Kranenburg; gewählt mit den Stimmen der Broberger, wie er betont. Denn Brobergen und Kranenburg – das war keine liebende Verbindung, sondern Folge der Gebietsreform.
Fortan war ein Dreigestirn aus der Samtgemeinde Oldendorf tätig: der Oldendorfer Hans Willi Heinsohn als Fraktionsvorsitzender der Wählergemeinschaft im Landkreis, der Broberger Helmut Hudaff als stellvertretender Landrat und der Kranenburger Horst Wartner – „wir hatten ganz schön was zu sagen in der Region“, erzählt er schmunzelnd und etwas eitel, „wir hatten unsere Fäden bis nach Hannover gesponnen.“ Ob er ein Schlitzohr sei? Das sei ihm zu negativ, sagt Wartner, „aber ein Taktiker bin ich“.
Durch die politische Arbeit von Wartner in Kranenburg zieht sich wie ein roter Faden die Dorferneuerung. Mit seinem Einzug in den Gemeinderat 1981 ging es in Brobergen los. 1990 setzte sich die Dorfentwicklung in Kranenburg fort. Die Ergebnisse: ein Sport- und Kulturzentrum, ein großer Spielplatz und eine Parkanlage beim Feuerwehrgerätehaus in Brobergen und in Kranenburg die „grüne Lunge“. Kernstück der Dorferneuerung war aber 1993 der Kauf des „Kranenburger Hofs“, der dann mit viel Eigenleistung umgebaut wurde. „Dadurch war die Gemeinde zeitweise ganz schön verschuldet“, erinnert sich der Bürgermeister. Doch ein strenger Sparkurs habe dafür gesorgt, dass Kranenburg nun über „einen der am besten dastehenden Haushalte“ verfüge.
Fast verschlafen habe er das touristische Potenzial der Oste. „Da mussten uns erst Radfahrer erzählen, was für eine schöne Landschaft wir haben.“ Dabei war Wartner als Deichgraf des Ostedeichverbandes ganz nah dran. Mit dem Deichausbau, der 1998 in Gräpel begann, sind zahlreiche Pütten entstanden. „Jetzt rasten wieder Vögel hier, die ich als Kind schon gekannt hatte“, begeistert sich der 75-Jährige. Etwa zeitgleich gründete sich der Fährverein, der die Broberger Prahmfähre herausputzte. Als Wartner das touristische Potenzial der Oste erkannt hatte, kümmerte er sich um EU-Gelder, um in Brobergen und Kranenburg Anleger für Sportboote zu errichten. Heute ist er als Gästeführer an der Oste unterwegs. „Im Sommer habe ich jede Woche eine Führung.“
Es gibt aber auch leidige Themen im Politikerleben des Horst Wartner. Da sind die Windmühlen. 21 Anlagen sollten in einem gigantischen Windpark zwischen Brobergen, Kranenburg und Bossel errichtet werden. „Das war im Regionalen Raumordnungsprogramm damals so vorgesehen. Da musste die Gemeinde eine Planung aufstellen, sonst hätte es Wildwuchs gegeben.“ Nichts anderes werde auch jetzt beim aktuellen Windpark gemacht. Die Auseinandersetzung damals habe einen Keil durch die Bevölkerung getrieben. Grundstückseigentümer seien bedroht worden. Und letztlich wurde gegen den Bürgermeister wegen Korruption ermittelt. Anlass war, dass die Windkraftbetreiber sich verpflichtet hatten, die Wirtschaftswege auszubauen. Vorwurf: Die Gemeinde ziehe daraus Profit. Fast vier Jahre zogen sich die Streitigkeiten hin. „Am meisten aber hat mich getroffen, dass 2002 keine Rücksicht auf den Tod meiner Frau genommen wurde“, sagt Wartner.
Die späte Kritik an seiner Geburtstagsfeier zum 60. bezeichnet er als Geburtstagsgeschenk der Windkraftgegner, „Die wollten mich loswerden“. Erst zwei Jahre danach war (durch die Rechnungsprüfer des Landkreises angestoßen) thematisiert worden, dass die Gemeinde und die Samtgemeinde das Essen für die Feier bezahlt hatten. „Den Ärger habe ich gar nicht als solchen empfunden“, wiegelt er ab. Er habe ja nicht profitiert; im Gegenteil: Die gesamten Geldgeschenke seien „auf Heller und Pfennig“ an den Kindergarten gegangen.
Nachtragend sei er nicht, sagt Wartner, aber vergessen tue er auch nicht, gibt er zu. In der Rückschau gibt er sich selbstbewusst: „Ich kann mit Fug und Recht behaupten, dass ich eine ganze Menge für die Gemeinde getan habe.“ Das ist unbestritten. Und nicht nur das. Er war auch einer der Wegbereiter der Fusion der Samtgemeinden Oldendorf, (deren Ratsvorsitzender er bis 2013 war), und Himmelpforten. Als die besiegelt und umgesetzt war, zog er sich zurück. Dass er seit 2001 Vorsitzender des Kreisverbandes des Städte- und Gemeindebundes ist, ist nur eines seiner vielen Ehrenämter. Das wird er noch bis zum Frühjahr behalten. Derzeit ist er fast täglich damit beschäftigt, altgediente Ratsmitglieder zu ehren. Dabei trifft er auf so manchen Weggefährten.
Politiker a. D.
In der Reihe „Politiker a. D.“ stellt das TAGEBLATT wiederkehrend bekannte Lokalpolitiker in loser Folge vor, die sich nach vielen Jahren Arbeit im Rat ihrer Stadt oder Gemeinde aus der aktiven Politik zurückziehen.