Krimigenuss im Stil Agatha Christies
Der englische Krimiautor Anthony Horowitz. Foto dpa
Was könnte sich ein 13-jähriger Junge sehnlicher zum Geburtstag wünschen, als einen menschlichen Totenschädel? Nichts, wenn es nach dem Schriftsteller Anthony Horowitz geht. Sein Krimi „Die Morde von Pye Hall“ und weitere Titel in der TAGEBLATT-Buchkritik.
Noch heute steht der Schädel in einem Regal über dem Schreibtisch des britischen Schriftstellers und Drehbuchautors Anthony Horowitz. Seine Mutter hatte ihm den skurrilen Geburtstagswunsch tatasächlich erfüllt. Horowitz' neuester Roman „Die Morde von Pye Hall“ ist in diesem Jahr in Deutschland erschienen.
„Wenn es Sie beruhigt: Ich habe großen Respekt vor diesem Schädel und würde nie Bonbons darin deponieren. Er erinnert mich jeden Tag daran, dass meine Zeit auf dieser Erde begrenzt ist. Dass ich sie nicht verschwende, dass ich mit der Arbeit vorankomme, das nächste Buch fertigstelle.“ In einem Interview mit der Tageszeitung „Die Welt“ ordnet Anthony Horowitz den Stellenwert seines speziellen Geburtstagsgeschenks aus jungen Jahren ein. Ob der Schädel tatsächlich einen Anteil an der Arbeitsweise des Autors hat, weiß sicherlich nur Horowitz selbst. Doch ohne Frage zählt er im englischsprachigen Raum zu den erfolgreichsten und fleißigsten Schriftstellern.
1955 in Middlesex in England geboren, fand Horowitz’ Karriere als Autor schon während der Schulzeit ihren Anfang. Mit acht Jahren wurde er von seinen Eltern in ein Internat geschickt, in dem strenge und brutale Erziehungsmethoden herrschten. Horowitz suchte Zuflucht in Geschichten, erzählte sie auch seinen Mitschülern und fasste den Entschluss, Schriftsteller zu werden. Heute schreibt er nicht nur Romane für Erwachsene und Jugendliche, sondern auch Drehbücher für Film und Fernsehen. Preisgekrönt sind seine Romane über den Teenager-Agenten Alex Rider; mit dem Segen der Nachlassverwalter von Sir Arthur Conan Doyle und Ian Fleming schreibt er auch neue Geschichten über Sherlock Holmes und James Bond.
Die Liebe des Autors zu den Klassikern des englischen Kriminalromans verleiht auch seinem aktuellen Werk „Die Morde von Pye Hall“ einen ganz eigenen Charme. Zugegeben, die Idee von der Geschichte in der Geschichte mag vielleicht nicht unbedingt neu sein, die Umsetzung durch Horowitz ist jedoch eine Freude für jeden Freund des etwas gediegeneren Krimis.
Da ist zum einen Susan Ryeland, Lektorin bei Cloverleaf Books. Ihr bestes Pferd im Stall: Erfolgsautor Alan Conway. Die Leser lieben seine Krimis rund um Detektiv Atticus Pünd, der seine Fälle charmant wie Agatha Christies Hercule Poirot zu lösen weiß. Doch im neuesten Manuskript fehlen die letzten Kapitel. Auch der Autor ist verschwunden. Lektorin Susan Ryeland muss zur Detektivin werden und ermitteln.
Im zweiten Plot lässt Horowitz wiederum seine Leser zum Lektor werden und in das Manuskript Alan Conways eintauchen. Sie finden sich im Örtchen Saxby-on-Avon und auf dem Gutshof Pye Hall im England der 50er Jahre wieder und lernen weit mehr als eine Handvoll schräger Charaktere kennen, die nicht von ungefähr ein wenig an Inspector Barnaby denken lassen. Einige der ersten Folgen der britischen Erfolgs-Krimiserie stammen aus der Feder von Drehbuchautor Horowitz. Und ähnlich wie es auch in „Midsomer Murders“ – so der englische Originaltitel – eher ein bisschen britisch beschaulich und kurios als furchtbar spannend zugeht, darf der Leser auch von „Die Morde von Pye Hall“ keinen nervenzerreißenden Thriller erwarten.
Horowitz verzichtet zwar nicht komplett auf blutige Szenen, setzt aber statt auf Schock-Momente vor allem auf akribisch konstruierte Handlungsstränge, geschickt eingeflochtene Hinweise und seine Sprachgewandtheit, mit der es ihm mühelos gelingt, den Wechsel zwischen den unterschiedlichen Zeiten seiner miteinander verwobenen Geschichten auch anhand des Schreibstils spürbar zu machen. Und für alle, die bei der Verortung innerhalb des Romans komplett auf Nummer sicher gehen wollen, genügt ein Blick auf die Typografie: Die verschiedenen Plots sind auch in unterschiedlichen Schriftarten gedruckt.
Kurzum: Anthony Horowitz hat auch in seinem neuesten Roman nichts dem Zufall überlassen. Was hat es mit dem merkwürdigen Brief auf sich, den Autor Alan Conway hinterlassen hat? Hat er sich wirklich das Leben genommen? Und sind die beiden Toten von Pye Hall tatsächlich einem Mörder zum Opfer gefallen? Tauchen die letzten Seiten des Manuskripts wieder auf, und wird Detektiv Pünd den Fall lösen? So viel sei verraten: Horowitz ist kein Freund des vorhersehbaren Endes.
Geboren 1955 in Middlesex, England, begann Anthony Horowitz seine Karriere bereits als kleiner Junge im Internat. Als Zuflucht vor den brutalen Erziehungsmethoden entwickelte er Geschichten und nicht zuletzt die Idee, Schriftsteller zu werden. Mittlerweile hat er mehr als 40 Bücher veröffentlicht, seine Werke sind weltweit in mehr als 30 Ländern erschienen. Neben Romanen für Erwachsene und Jugendliche schreibt Anthony Horowitz auch Drehbücher für Film und Fernsehen und führt ein Tagebuch auf seiner Homepage www.anthonyhorowitz.com.
Eine Buchkritik von Wolfgang Stephan
Andreas Föhr ist Bayer, das ist zwar in diesen Tagen nicht unbedingt ein Gütesiegel, aber der 60-Jährige ist kein Politiker, er schreibt Bücher. Aus Bayern. Seine Krimi-Reihe um Kommissar Clemens Wallner und Polizeimeister Leonhard Kreuthner sind wegen ihrer skurrilen Typen und Fälle bei der Polizei Miesbach durchaus gewöhnungsbedürftig. Wenngleich es unfair wäre, dem Andreas Föhr diese ur-bayerische Komik zum Verhängnis werden zu lassen, denn mit Rachel Eisenberg hat Föhr eine Romanfigur (keine Heldin) geschaffen, die als Münchner Strafverteidigerin schon im ersten Buch „Eisenberg“ mit ihren ungewöhnlichen Ermittlungsmethoden einen großen Spannungsbogen entfachte und traumhafte Kritiken bekam. Jetzt hat Rachel Eisenberg, Mitinhaberin einer angesehenen Münchner Kanzlei, getrennt vom Kanzleipartner lebend und Mutter einer 14-jährigen Tochter, den Mord an einem unseriösen Geschäftsmann zu klären – im Auftrag ihrer Mandantin Judith Kellermann, der Geliebten des Ermordeten, die sie eigentlich nicht vertreten wollte, aber zur falschen Zeit am falschen Ort war und das Mandat doch übernahm. Kellermann beteuert natürlich ihre Unschuld und erzählt eine Geschichte, die so unwahrscheinlich ist, dass Eisenberg nicht darüber philosophieren will, ob sie stimmt oder nicht, was ein guter Verteidiger auch nicht unbedingt wissen muss. Andreas Föhr weiß, wovon er schreibt: Der Münchner hat Jura studiert und in München promoviert. Jahrelang war er als Anwalt tätig.
Ein geheimnisvoller Ex-Soldat soll den Mord begangen und die Beweise manipuliert haben. Doch der Mann ist seit der Tat verschwunden. Als Rachel Eisenberg fündig wird und den Kerl auf einer griechischen Insel entdeckt, läuft der Prozess bereits. Die Anwältin muss jedoch auf dessen Aussage verzichten, denn auch er wird ermordet. Aber wer war dann das erste Opfer? Garniert wird die spannende Handlung mit den früheren Taten eines Frauenmörders und dem dunklen Schatten in Rachel Eisenbergs Leben, der sich immer am 28. Mai um sie legt: dem Tag, als ihre Schwester starb. Alles zusammen keine leichte Kost, deshalb empfiehlt sich die Lektüre ohne große Pausen, was angesichts der raffinierten Wendungen ohnehin leicht fällt. Lesenswert.
Andreas Föhr: Eifersucht. Knaur HC, Juni 2018. 432 Seiten. 14,99 Euro. ISBN: 978-3-426-65446-0.
Eine Buchkritik von Claudia Chwialkowski
Tom Hazard ist 437 Jahre alt und sieht keinen Tag älter aus als 40 Jahre. Eigentlich ein Grund zur Freude, oder? Aber Tom erfreut sich nicht an seinem langen Leben, das er 1581 in Frankreich als Sohn eines Grafen begann.
Denn seit Jahrhunderten trauert er seiner großen Liebe Rose hinterher, die er 1623 in London an die Pest verlor: „Und sie starb und ich lebte, und ein Abgrund tat sich auf, dunkel und bodenlos, und ich fiel hinein und fiel und fiel, jahrhundertelang.“
Im Gegensatz zu ihm war die Obstverkäuferin Rose nämlich eine ganz normale Sterbliche, während Tom ungefähr 950 Jahre alt werden wird. Aber anstatt seine Beinahe-Unsterblichkeit zu genießen, ist Tom oft lebensmüde und sucht nach der Bestimmung in seinem langen Leben. Das Einzige was ihn motiviert weiterzuleben, ist die Suche nach seiner Tochter Marion. Das Mädchen, das die gleiche Veranlagung hat wie ihr Vater, hat Tom Anfang des 17. Jahrhunderts aus den Augen verloren.
Tom ist andauernd auf der Flucht. Zu oft hat er erlebt und – in Zeiten von Hexenverfolgung und Aberglaube – auch überlebt, dass Menschen misstrauisch wurden, weil er fast nicht altert, nämlich nur um ein Jahr innerhalb von 13 Jahren. Deshalb wechselt Tom alle paar Jahre die Identität, muss sich also immer wieder entwurzeln. Und diese jahrhundertelange Einsamkeit macht ihm zu schaffen.
Derzeit lebt der im 16. Jahrhundert geborene ehemals adlige Estienne Hazard unter dem Namen Tom Hazard in London und ist Lehrer. Immer mehr hat er das Gefühl, endlich ankommen und bleiben zu wollen, seinem Leben einen Sinn und einer neuen Liebe eine Chance geben zu wollen.
In kurzen Kapiteln erzählt Tom von seinem Leben früher und heute – fesselnd und intelligent, bisweilen auch sehr traurig.
Matt Haig: Wie man die Zeit anhält. dtv, 20. April 2018. 384 Seiten, 20 Euro. ISBN 978-3-423-28167-6.
Die Qualle...
Da kommen doch gleich Erinnerungen hoch. Ach ja, da war doch was: Ferien mit Kindern bedeuten nicht unbedingt Entspannung. Bei vielen Familien sieht es wahrscheinlich eher so aus wie bei Frau Uhlig, die mit ihrem Partner Fritz Karl und den beiden kleinen Buben auf „Deutschlands liebste Insel“ Mallorca fliegt. Der Titel „Qualle vor Malle – Urlaub mit Familie, Chaos inclusive“ hält was er verspricht: Eine leichte, heitere Sommerlektüre ohne großen Tiefgang, dafür mit Gute-Laune-Garantie. Die verliert die liebenswerte Schauspielerin Elena Uhlig nie, trotz der Bahnhofs-Atmosphäre in der riesigen Bettenburg am verdreckten Traumstrand. Die Autorin nimmt ihre Leser mit auf eine turbulente Reise in ein vermeintliches Kinderparadies. Dort wo reines, farbiges Zuckerwasser ununterbrochen aus dem Getränkeautomaten fließt, die Animateure mit ihrem eingepflanzten Lächeln permanent gute Laune versprühen und der Nachwuchs wie Kunde König behandelt wird. Nicht immer zum Gefallen der geplagten Eltern.
Der Urlaub mit der Kleinfamilie entpuppt sich bald als Quelle für Dauerstress. Das Talent der Autorin liegt eindeutig in der Beschreibung der chaotischen Zustände, die sie mit Bravour meistert. Wie im wirklichen Leben sind Ehemänner da nicht unbedingt eine Hilfe. Während ihr Göttergatte seine wohlverdiente Ruhe einfordert, versucht Frau Uhlig auch im Urlaub alles zu managen. Und sie bekommt Unterstützung, manchmal sogar von ihrem eigenen Mann, was die Sache nicht unbedingt besser macht. Aber vielleicht lustiger.
Denn der Schauspieler Fritz Karl sorgt mit seinen Bemerkungen und der stoischen Ruhe für Heiterkeit, zumindest bei den Leserinnen, die bei dem witzigen, temporeichen Schlagabtausch, den sich die Partner liefern, sicherlich an ihre eigenen Exemplare zu Hause denken.
Oder sie machen es wie Frau Uhlig: Alles mit Humor nehmen. „Qualle vor Malle“ ist die perfekte Urlaubslektüre für alle, die wissen, dass Selbstironie und Charme das Leben einfacher machen. Auch im Urlaub.
Elena Uhlig: Qualle vor Malle: Urlaub mit Familie, Chaos inclusive. Knaur Taschenbuch, April 2018. 208 Seiten. 12,99 Euro.