Künstler Matthias Weber: Im Dorf findet er Freiheit
Der Künstler Matthias Weber ist vor drei Jahren mit seinem Atelier nach Issendorf gezogen, zuvor lebte und arbeitete er im Stader Stadtteil Ottenbeck. Fotos Nowottny
Matthias Weber öffnet die Tür mit selbst gedrehter Zigarette im Mund. Vor drei Jahren ist der Künstler von Stade-Ottenbeck mit seinem Atelier nach Issendorf gezogen. Er gibt einen Einblick in seine Welt mit Ziegen im idyllischen Garten und der Freiheit eines Künstlers.
Eine große Kanne Kaffee steht auf dem Tisch in der Mitte seines Ateliers. „Hier werden viele Kannen Kaffee gekocht“, sagt er. Die gehören dazu. Genauso wie die Zigaretten, die er in einer silbernen Schatulle aufbewahrt. An der einen Seite steht eine Art Werkbank vor einem hohen Regal. In einem aufgeräumten Chaos liegen Pinsel mit Farbresten in einer Schale neben Holzstücken und einem Laptop. Matthias Weber erzählt mit seiner tiefen Stimme, mit der er sich ohne Probleme als Synchronstimme für Bruce Willis bewerben könnte, von seiner Arbeit mit vielen Standbeinen. Dabei hat er in der einen Hand eine nicht brennende Zigarette, in der anderen ein rotes Feuerzeug, das er nicht benutzt.
„Ich habe mir einen ganzen Bauchladen um die Kunst herum gebaut“, sagt Matthias Weber. Viele Standbeine sichern seinen Lebensunterhalt. Er unterrichtet Schüler, hat eine Halbtagsstelle bei einem Think-Tank-Projekt im Schwedenspeicher, ist Kurator einer Ausstellung bei Viebrock in Harsefeld und hält häufig Reden bei Ausstellungseröffnungen. „Dabei mache ich alles mit der Haltung eines Künstlers“, sagt er. Damit meint der 59-Jährige, dass er mit vollem Herzen dabei ist. Es gebe keine halben Sachen.
Matthias Weber hat in Aachen Visuelle Kommunikation studiert, es folgten Jahre als Gasthörer in Düsseldorf und Hamburg. 1986 begann er sein künstlerisches Schaffen in Hamburg. Damals sei Geld egal gewesen. Er wollte Künstler sein. Dabei ging es um eine Haltung: „Abschlüsse waren unfein.“ Das sei heute anders, habe Matthias Weber bei seinen Schülern festgestellt. Ein erhöhtes Sicherheitsdenken sei bei vielen vorhanden.
Matthias Weber hat sich mit Flüchtlingscamps und Flucht in Planwagen in einer vergangenen Zeit beschäftigt.
Sein eigenes künstlerisches Schaffen ist vielfältig. Begonnen hat er mit der Farbfeldmalerei; die Frescomalerei, eine ältere Maltechnik, kam hinzu. Inzwischen experimentiert der 59-Jährige in alle erdenklichen Richtungen. „Ich mache alles, was möglich ist in diesem großen Feld der Kunst“, sagt Weber. Arbeiten mit Pappmaché aufgetragen als Relief finden sich in seinem Atelier wieder. In der Zusammenarbeit mit seinem gleichnamigen Neffen hat er sich über viele Jahre dem Pop und Trash gewidmet.
Eines seiner jüngsten Projekte ist der Altar der Harsefelder Kirche. Überall liegen noch Reste des aus Bongossi-Holz und Kettenmaterial geschaffenen Altars in seinem Atelier. Mit diesem Projekt wagte sich der Künstler in eine neue Sparte, komplett weg von der Malerei. Wo er anfangs noch völlig freie Hand zu haben schien, wurde der Altar am Ende eine Arbeit, die im Dialog und regen Austausch mit den Kirchenvorstehern entstanden ist. „Ich habe zunächst ein 1:1-Modell gebaut“, sagt Weber. Das Holz ist ein Recycling-Produkt aus dem Ruhrpott, das er bei einem Freund gefunden hat. Vier Blöcke hat er für den Altar zusammengesetzt. Der untere Teil ist bespannt mit einem Kettenmaterial. Zwei Tonnen schwer ist der auf Rollen gebaute Altar. „Das ist das beste Kunstwerk, das ich je gemacht habe“, sagt Matthias Weber.
Erst seit drei Jahren wohnt der 59-Jährige in einer Künstlergemeinschaft in Issendorf gemeinsam mit seiner Frau. Das Fachwerkhaus am Ortseingang ist die alte Dorfschule. Matthias Weber wohnt in der alten Lehrerwohnung. Im anderen Teil des Gebäudes lebt Michael Järnecke, der das Haus 1981 gekauft hat. Der dritte Künstler im Bunde ist Dirk Behrens, der dort sein Atelier betreibt.
Aufgeräumtes Chaos im Atelier von Matthias Weber: Reste vom Altar der Harsefelder Kirche liegen noch auf dem Tisch.
Für ihn war der Umzug von Stade-Ottenbeck, wo er seit 1998 lebte, in den kleinen Ort ein großer Schritt, der vor allem von seiner Frau vorangetrieben worden sei. Als seine beiden Söhne das Haus verlassen hatten, lernte Matthias Weber Michael Järnecke kennen. Es war eine Zeit des Umbruchs in seinem Leben, und so entschieden sich er und seine Frau zum Umzug. Wenn Matthias Weber durch den Garten mit Ziegen, Feuerstelle und gemütlichen Sitzecken schlendert, scheint er diesen Schritt nicht zu bereuen. Vor allem die große Linde hat es dem Künstler angetan. Zurzeit nutzt er seine zwei Wochen freie Zeit, um sich neu zu finden. „Ich befinde mich in einer Art Katharsis“, sagt Weber. Einer inneren Reinigung, die ihn immer wieder in seinen Garten treibt und die große Linde anschauen lässt. „Sie hat etwas ganz Besonderes“, sagt er. Vermutlich wird sie Teil eines seiner nächsten Kunstprojekte. „Vielleicht auch nicht“, sagt er. Er steckt sich eine Zigarette an.
Analog zur Findungsphase und Experimentierfreudigkeit des Künstlers habe sich auch der herkömmliche Kunstbegriff grundlegend verändert. „Die Schnittstellen sind komplett aufgeweicht“, sagt Weber. Es gehe nicht mehr so sehr um das Werk an sich, sondern vielmehr um die Attitüde, die politische Botschaft oder die Aussage des Werks. „Es ist bereits alles gemacht in der Kunst“, sagt er. Es sei schwer, etwas Neues zu erschaffen. „Es gibt zu viel Kunst“, findet er.
Und was wird, wenn er einmal nicht mehr ist? „Das Allermeiste landet im Müllcontainer“, glaubt der 59-Jährige, der sich im gleichen Atemzug als halbguter Provinzkünstler bezeichnet. Und trotzdem: Er liebt die Freiheit, die sein Beruf mit sich bringt. „Ich habe den besten Beruf, den man sich wünschen kann.“
Mit der Reihe (Ein-)Blicke verschafft das TAGEBLATT den Lesern Zugang zu den Ateliers der bildenden Künstler der Region. Wie sehen die Arbeitsstätten der Maler und Bildhauer aus? Welche Werkzeuge verwenden sie, und wie sieht eigentlich der Arbeitsalltag der Kunstschaffenden aus? Und woher holen sie sich ihre Inspiration? Diese und mehr Fragen beantwortet die Kulturredaktion mit einem Blick hinter die Kulissen.