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A20-Bau

TKüstenautobahn kontra Klimaschutz

Die Autobahngegner griffen zum Spaten: Die Betroffenengemeinschaft im Abschnitt 7, Vertreter der Initiative A 20-nie, von Jägerschaft und Umweltschutzverbänden setzten ein Zeichen für den Klimaschutz und pflanzten am globalen Klimastreiktag

Die Autobahngegner griffen zum Spaten: Die Betroffenengemeinschaft im Abschnitt 7, Vertreter der Initiative A 20-nie, von Jägerschaft und Umweltschutzverbänden setzten ein Zeichen für den Klimaschutz und pflanzten am globalen Klimastreiktag

Die geplante Küstenautobahn A 20 mobilisiert Befürworter und Gegner. Die Industrie- und Handelskammern fordern, das Projekt voranzubringen. Mit einer Blühhecken-Pflanzaktion setzten hingegen betroffene Anlieger und Umweltschützer ein Zeichen gegen den Bau.

Von Grit Klempow Dienstag, 23.03.2021, 06:00 Uhr

Diese Zahl nennt das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) auf Anfrage des Grünen-Bundestagsabgeordneten Sven-Christian Kindler aus Hannover. Der hatte auch einen aktuellen Stand zum Baurecht, zu den Kosten und zur Verkehrsprognose angefordert.

Die Gesamtkosten für die Strecke nur in Niedersachsen, bis zur Mitte der Elbe, beziffert das Ministerium auf 2,58 Milliarden Euro, teuerster Abschnitt ist der mit Elbtunnel und A-26-Anschluss (761 Millionen Euro). Ebenfalls im Landkreis Stade liegt der Abschnitt 7 zwischen Elm und Drochtersen, dessen Kosten bei 303 Millionen Euro liegen.

Wirtschaftlichkeit: Die noch im Jahr 2003 mit 844 Millionen Euro veranschlagten Gesamtkosten für die Küstenautobahn seien mit der nun verdreifachten Summe laut Ministerium nicht vergleichbar, „da sich Projektumfang sowie die Streckenlänge erheblich verändert haben“. Weil die Baupreise stark gestiegen sind, ist das Nutzen-Kosten-Verhältnis für das Projekt von 1,9 auf 1,8 gesunken. Bei dieser Berechnung werden die Gesamtkosten möglichen Entlastungen und Ersparnissen, zum Beispiel bei der Reise- oder Transportzeit, gegenüber gestellt. Die Wirtschaftlichkeit sei mit dem Faktor 1,8 noch immer gegeben. Der Nachweis der Wirtschaftlichkeit ist die Grundvoraussetzung für die Freigabe des Projekts.

Baurecht: 2030 sollte die Autobahn zwischen der A 28 bei Westerstede und Schleswig-Holstein in Betrieb gehen. „Vollziehbares Baurecht liegt derzeit nicht vor. Daher sind derzeit keine exakten Aussagen zur Realisierung der Maßnahme und damit zur Fertigstellung beziehungsweise Verkehrsfreigabe seitens des BMVI möglich“, heißt es auf die Grünen-Anfrage. Ein Planfeststellungsbeschluss liegt bislang nur für die Elbquerung vor. 

Fast 50.000 Tonnen CO2 mehr

 

Verkehrsprognose: Prognostiziert werden auf dem Abschnitt 7 zwischen Elm und Drochtersen bis zu 45 800 Autos und 7800 Lkw täglich. Für den Elbtunnel sind 41.200 Autos und 5100 Lkw täglich kalkuliert. Die Zahlen basieren auf einer Prognose aus dem Jahr 2016, eine neue Verkehrsuntersuchung sei nicht vorgesehen. Die Betriebsleistung im Personenverkehr aus induziertem Verkehr liegt bei 143,95 Millionen Pkw-Kilometer pro Jahr. Induziert heißt in diesem Fall: zusätzlich erzeugt.

Flächenverbrauch: Die mit dem Bau der A 20 verbundene Flächenversiegelung beträgt laut Ministerium nach aktuellem Planungsstand rund 645 Hektar, davon entfallen 542 auf die A 20 und 103 auf die A 26. Insgesamt liegen 3,25 Hektar in Schutzgebieten, davon 1,25 Hektar im FHH-Gebiet (europäisches Schutzgebiet) sowie 71 Hektar im Wald/Forst und 88 Hektar betreffen Flächen „sonstiger Umweltkategorien“. Für Ausgleichsmaßnahmen der Abschnitte 1 bis 7 und die Elbquerung sind rund 1700 Hektar vorgesehen.

Klimaschutz: Der spätere Betrieb der Küstenautobahn wird laut Ministerium ein Plus von 48.689,94 Tonnen CO2-Emissionen zur Folge haben. Die Bauphase ist darin nicht enthalten – es fehlen Berechnungsmodelle. Ob das Projekt mit den Zielen des Pariser Klimaschutzabkommens vereinbar sei, wollten die Grünen wissen. „Um einen Beitrag zu den Klimaschutzzielen der Bundesregierung zu leisten, hat das BMVI der Erhaltung und dem Ersatz bestehender Verkehrsinfrastrukturen gegenüber dem Neubau und der Erweiterung von Verkehrswegen Vorrang eingeräumt“, heißt es im Ministeriumsbericht. Zudem seien Investitionsmittel zugunsten von Schiene und Wasserstraße verschoben. Damit werde durch die vorgesehenen Projekte der Dringlichkeitsstufe „Vordringlicher Bedarf“ verkehrsträgerübergreifend eine Verminderung der CO2-Emissionen erreicht.

 

Grüne: Mehr Verkehr statt Entlastung

 

Das sehen die niedersächsischen Grünen-Bundestagsabgeordneten Kindler und Dr. Julia Verlinden anders: „Der Neubau der A 20 zerstört eine intakte Kulturlandschaft, wertvollen Wald und würde ein europäisches Naturschutzgebiet (FFH-Schutzgebiet) durchschneiden. Das ist in Zeiten der Klimakrise und des massiven Verlusts der Artenvielfalt vollkommen absurd.“

Die Kosten seien künstlich niedrig und der verkehrliche Nutzen hochgerechnet worden. Die Abgeordneten fordern einen Planungsstopp. „Wer von verkehrlichen Entlastungen spricht, ignoriert die offiziellen Prognosen: Die A 20 würde für noch mehr Verkehr in der Region sorgen.“

IHKs fordern zügigen Weiterbau der A 20

Flussübergreifend fordern die Industrie- und Handelskammern (IHK) in Niedersachsen und Schleswig-Holstein den Weiterbau der Küstenautobahn. In einer gemeinsamen Pressemitteilung machen sie sich für „die Zukunftsachse für Niedersachsen und Schleswig-Holstein sowie Entlastungsachse für Hamburg“ stark.

Seit 2005 sei die A 20 vor allem Stillstand, kritisieren die beiden IHKs. Eine Initiative der Kammern dies- und jenseits der Elbe soll das ändern. Gemeinsam fordern sie den Weiterbau der Küstenautobahn. Die A 20 erhöhe die Attraktivität beider Regionen für Fachkräfte durch verringerte Fahrzeiten, sie stärke zudem den Tourismus durch bessere Erreichbarkeit und verkürze Transportwege, heißt es in einer Pressemitteilung. Das bekräftige laut IHKs eine Umfrage der Kammern zum Stellenwert der Küstenautobahn unter Unternehmerinnen und Unternehmern beidseitig der Elbe.

IHK sieht mögliche Impulse und neue Absatzmärkte

Diese Umfrage habe ergeben, dass für mehr als ein Drittel (35 Prozent) der Befragten die A 20 die Möglichkeit der schnellen Wege für neue Geschäftsbeziehungen und Transporte erhöht. Rund ein Viertel (24 Prozent) sieht Chancen für das Zusammenwachsen der Unterelberegion und damit verbunden Verbesserungen für wirtschaftliches Handeln. Aber auch die Stärkung der internationalen Verkehrsbeziehungen spiele eine Rolle und werde von 22 Prozent der Befragten als ein wichtiges Argument für die A 20 gesehen.

Einer der wichtigsten Bausteine des Projekts sei nach Ansicht der IHKs die feste Unterelbequerung. „Die möglichen Impulse für die Wirtschaft durch größere Absatzmärkte sind ein deutliches Signal pro A 20“, sagt Matthias Kohlmann, Präsident der IHK Stade. „Die Fähre ist ein gutes und zuverlässiges Transportmittel. Aber wie viel schneller könnten wir einander sehen, wie viel effizienter Dienstleistungen und Waren austauschen, wenn wir einen Tunnel zwischen Drochtersen und Glückstadt hätten?“ Zwei Wirtschaftsräume, die kulturell zusammenhingen, könnten so auch physisch miteinander verknüpft werden.

 

„Das falsche Signal an die Wirtschaft“

 

Die Bedeutung der A 20 erstrecke sich über viele Wirtschaftszweige: Handel, Industrie, Tourismus und Verkehr. Klaus-Hinrich Vater, Vizepräsident der IHK Schleswig-Holstein und Präsident der IHK zu Kiel, hebt die Chancen für Reiseverkehre hervor: „Die feste Unterelbequerung schafft durch die schnelle Verbindung neue Möglichkeiten sowohl für den klassischen Urlaub als auch für Tagestouristen und entlastet dabei die Strecke durch Hamburg.“ Auch für die Fachkräftesicherung biete die A 20 gute Argumente: „Sowohl für die Unternehmen in Niedersachsen als auch in Schleswig-Holstein würde diese Autobahn das Einzugsgebiet für potenzielle Fachkräfte vergrößern. Das Thema nimmt im Rahmen des demografischen Wandels immer mehr an Bedeutung zu, wie uns die Betriebe spiegeln“, ergänzt Kohlmann.

„Industrie gilt oft immer noch als schmutzig und rückständig, obwohl sie unser Technologie- und Innovationstreiber schlechthin ist“, so Vater. Die A 20 sei „eine Investition in die technologische Zukunft ganz Norddeutschlands“. Sein Kollege Kohlmann sagt: „Daher ist es das falsche Signal an die Wirtschaft, unsere wichtigsten Infrastrukturprojekte permanent in Frage zu stellen und zu beklagen. Wenn wir den Anschluss nicht verpassen wollen, brauchen wir die Realisierung der A 20 jetzt.“

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