Kuhfladen – die Oasen der Insektenvielfalt
Kuhfladen : Lebensraum für Insekten. Foto: Kurtze
„Kuhfladen? Igitt!“ Die Ausscheidungen von Rindern sehen nicht sehr appetitlich aus. Doch Ökologen sehen das völlig anders. Ich habe noch heute die Begeisterung meines Professors vor Augen, als er uns erstaunten Studenten zeigte, was in einem Kuhfladen alles leben kann.
Eine Kuh gibt in einem Jahr etwa das Zwanzigfache ihres Gewichts an Kot ab. Diese Dungmasse besteht aus Wasser, Bakterien und Pflanzenresten. Der Dunghaufen wird durch die Tätigkeit der Bakterien warm gehalten. Nach drei bis sechs Wochen ist der Fladen ausgetrocknet.
Solch ein Lebensraum, der Wärme, Bakterien und Nährstoffe in sich birgt, ist ideal für manche Insekten. Aber nur Insekten mit einer kurzen Entwicklungszeit halten sich hier auf.
Fangen wir von vorne an: Zunächst lassen sich Fliegen wie zum Beispiel Dungfliegen auf dem Fladen nieder. Sie legen sofort ihre Eier ab. Schon nach wenigen Stunden sind die Maden geschlüpft und beginnen, den Dunghaufen zu zersetzen. Zu den Erstbesiedlern gehören auch Wasserkäfer und Dungkäfer. Auch sie legen ihre Eier ab. Wenn im Kuhfladen durch die Tätigkeit der Larven Löcher und Gangsysteme gearbeitet wurden, dann legen weitere Fliegen und Käfer ihre Eier hinein. Diese Eier und Larven benötigen mehr Sauerstoff, den sie durch die nun verbesserte Durchlüftung erhalten. Nach etwa einer Woche ist der Kuhfladen völlig durchlöchert und von Gängen durchzogen. Es folgen nun Pilze und führen die Zersetzung fort. Schließlich beginnt Gras den Fladen zu überwachsen. Regenwürmer und im Boden lebende Insekten besiedeln den Rest. Für große Mistkäfer ist dieser Resthaufen noch attraktiv. Sie vollziehen eine unglaubliche Arbeit. Mit viel Aufwand vergraben sie ihn im Boden, bis er nicht mehr zu sehen ist. Dann erst legen sie ihre Eier hinein.
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Die vielen Insekten auf einem Fladen locken Vögel an. Kiebitze und Krähen suchen hier nach Insekten und deren Larven. Besonders Stare stochern gern in den Kuhfladen. Hier ist der Insektentisch für sie gedeckt. Aber es gibt keine wilden Rinderherden mehr, und unsere Rinder stehen heute vielfach in großen Stallanlagen. Die Oasen der Insektenvielfalt fehlen. Dies ist ein Grund, weshalb der Bestand an Staren abgenommen hat.
Das Wissen um die Sukzession bei Rinderdung führte übrigens in Australien dazu, dass sehr genau zu überlegen war, ob dort Rinder eingeführt werden sollten. Hier fehlten viele Zersetzer. Kuhfladen benötigten dort viele Jahre, bis sie endlich von Bakterien zersetzt waren.
Nach sehr umfänglichen Forschungen und mit viel Vorsicht wurde in Australien eine Dungkäferart aus Afrika eingeführt, die Kuhfladen schneller zersetzen sollte. Das war ein sehr gefährliches Projekt, denn die Einführung neuer Arten in fremde Ökosysteme ist außerordentlich gefährlich. Diese Dungkäfer machen ihre Arbeit bis heute vorzüglich.
Wolfgang Kurtze, Vorsitzender der Lions-Naturschutz-Stiftung, schreibt über Phänomene und Kuriositäten in der Natur. Das TAGEBLATT veröffentlicht die Artikel des promovierten Biologen.