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Bremerhaven

TLost Place: Im Ami-Vergnügungspalast tobte das Leben

Auf dem alten Schwarz-Weiß-Foto sind noch Männer in Uniformen zu sehen. Der alte Vergnügungspalast der US-Army in Bremerhaven ist seit den 1990er-Jahren größtenteils verlassen.

Auf dem alten Schwarz-Weiß-Foto sind noch Männer in Uniformen zu sehen. Der alte Vergnügungspalast der US-Army in Bremerhaven ist seit den 1990er-Jahren größtenteils verlassen. Foto: Polgesek

Nichts als Leere, dort wo US-Soldaten nach Zerstreuung suchten. Der ehemalige Vergnügungspalast der US-Army in Bremerhaven ist heute zu großen Teilen verlassen. Ein Lost Place. Die Spuren der Menschen sind geblieben.

Von Levin Meis Montag, 19.08.2024, 06:25 Uhr

Bremerhaven. Bis in die 1990er-Jahre atmete dieser Ort. Heute ist er still. „Little America“, klein Amerika, liegt damals im Norden von Bremerhaven. Rund 1.500 US-Soldaten sind hier stationiert – und mit ihnen kommen ihre Familien in die Carl-Schurz-Kaserne. Die US-Army sorgt für ihre Soldaten und garantiert, dass ihnen nichts Amerikanisches fehlt: Ein eigenes Kino, ein Supermarkt, eine Bowlingbahn, Burger-Restaurants und eine Turnhalle wurden auf das Kasernengelände gebaut.

Aus einem ehemaligen Flugzeughangar aus der NS-Zeit wird die Radio-City-Hall, rund 15.000 Quadratmeter Amerika in Bremerhaven. 1993 schließt die US-Kaserne, und mit ihr der ehemalige Vergnügungspalast. Die Bowlingbahn nehmen die Amerikaner mit. Kino, Sporthalle, Theater, Heizung und sehr viel Platz bleiben in Bremerhaven.

Ein Hauch von Amerika weht noch immer durch Bremerhaven

Heute wirkt das Gebäude am Amerikaring nahezu verlassen. Tausende Quadratmeter stehen leer. Auf den 270 Hektar der ehemaligen Kaserne erstreckt sich heute das Gewerbeareal „LogInPort“. Über dem Dach der ehemaligen Radio-City-Hall kreisen Windräder. Ein Schauer fegt über das riesige Backsteingebäude. Im Innern riecht es ein wenig muffig. Stahlgeländer säumen das Treppenhaus.

Wer vor dem Klinkergebäude steht, kann erahnen, dass es im Innern meist still ist.

Wer vor dem Klinkergebäude steht, kann erahnen, dass es im Innern meist still ist. Foto: Overschmidt

In diesen Fluren herrscht meistens Stille. Nur in einigen Räumen ist noch Leben. In der Sporthalle trainieren die Eisbären, einige Räume sind als Lager- oder Proberäume vermietet – der Großteil der zwei Etagen steht jedoch leer. Die US-Army ist in die Nachbarschaft gezogen. Eine kleine Logistikeinheit kümmert sich von Bremerhaven aus um den Transport von Militärgütern.

Von lebendigem Treiben zu beklemmender Stille

Langsam surrend zieht sich der Vorhang des Theaters zusammen. Bis zum Abzug der Amerikaner spielen sich hier Dramen ab. Große Emotionen für Soldaten und ihre Familien. Der Charme ist geblieben. Die elegante Wandbeleuchtung taucht die gepolsterten Sitze in ein sanftes Licht. Die schwarze Holzbühne trägt noch Spuren der Schauspielkunst, die hier einst zum Alltag gehörte.

Hinter der Bühne, in den Umkleiden, werden 2022 ukrainische Kinder unterrichtet, die in der Nachbarschaft vorübergehend untergebracht sind. Heute ist der Raum wie leer gefegt.

Das alte Theater der US-Army steht heute noch da wie am ersten Tag. Nur die Gäste fehlen.

Das alte Theater der US-Army steht heute noch da wie am ersten Tag. Nur die Gäste fehlen. Foto: Polgesek

Die verblassenden Spuren eines einst glanzvollen Ortes

Weniger Meter von dem Theaterraum erstreckt sich die Leere weiter. Die ehemalige Cafeteria der Soldaten hat keine Tische und Stühle mehr. Nur noch die Ausgabefenster und einige Schilder erinnern an das Leben, das hier herrschte.

Noch 1988, fünf Jahre vor dem Ende der Kaserne, investierte die Regierung in Washington 13 Millionen DM in den ehemaligen Flugzeughangar. Die funktionstüchtige Heizungsanlage unter dem Dach des Gebäudes zeugt von der Grundsanierung. Die Vergnügungsanlage ist nur wenige Jahre in Benutzung.

1993 gibt die US-Army das Kasernengelände an die Bundesvermögensverwaltung, heute besitzt das Land Bremen die Fläche. Die Bremerhavener Wirtschaftsförderung (BIS) verwaltet die ehemalige Radio-City-Hall. Ein sechsköpfiges Infrastruktur-Team betreut den LogInPort.

Ein Blick in die Vergangenheit des alten Kinos

Am Ende einer mit blauem Filzteppich überzogenen Treppe verbirgt eine dunkle Tür den alten Kinosaal der US-Army. 360 Sitze fasst das alte Lichtspielhaus. Als Kino wird man diesen Raum nicht mehr nutzen. Veranstaltungen seien aber willkommen, sagt die BIS. Eurogate veranstaltet in dem alten Kino regelmäßig Betriebsversammlungen. Eine Ausnahme.

Chronologie:

  • 1945 übernehmen die Amerikaner das Gelände, auf dem es seit 1926 einen Flugplatz gibt.
  • Bremerhaven wird zentraler Nachschubhafen der US-Army für Europa.
  • 1989 geben die Amerikaner ein Drittel ihres Kasernengeländes an die Stadt Bremen.
  • Februar 1992: Die Kaserne soll mit den Gewerbegebieten Weddewarden und Speckenbüttel für Firmenansiedlungen vermarktet werden.
  • Am 5. Juni 1993 schließt die Kaserne. Das Gelände wird am 30. September 1993 an die Bundesvermögensverwaltung zurückgegeben.
  • Im Februar 1994 übernimmt die Entwicklungsgesellschaft die Aufgabe, das Kasernengelände für die Vermarktung vorzubereiten.
  • Mit dem Kaufvertrag vom Dezember 1996 wird die Liegenschaft vom Bund ans Land Bremen verkauft – 120 Hektar inklusive des Gebäudebestandes für 45 Millionen Mark.
  • Die Bundesliga-Basketballer der Eisbären Bremerhaven trainieren seit 2006 in der ehemaligen Radio-City-Hall.
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