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Martin Gossler: 25 Jahre lang hat er alle lahm gelegt

Dr. Martin Gossler. Foto: Stephan

Dr. Martin Gossler. Foto: Stephan

Wir kennen das: Endlich mehr Zeit für Familie, Haus, Garten und Hund. Das sagen viele, die den Ruhestand antreten und nicht so genau wissen, was da eigentlich ohne den geliebten Job künftig abgehen wird. „Ich habe gar keinen Hund“, stellt Dr. Martin Gossler nüchtern fest.

Von Wolfgang Stephan Freitag, 28.12.2018, 15:15 Uhr

All die anderen Plattitüden der beginnenden Ruheständler will er auch nicht in den Mund nehmen. Und von der Gartenarbeit will sich der dienstälteste Chefarzt des Elbe Klinikums den Ruhestand auch nicht versauen lassen.

Dr. Martin Gossler. Wenn jemals der Begriff einer ärztlichen Institution in der Region seine Berechtigung hatte, dann bei diesem Mann, unter dessen Regie in 25 Jahren als Chefarzt unglaubliche 300.000 Menschen mindestens teilweise lahm gelegt wurden: Gossler ist noch bis zum Jahresende Chef-Anästhesist am Elbe Klinikum in Stade und damit auch zuständig für die lebenswichtigen Abteilungen der operativen Intensivstation, in der etwa 1000 Patienten im Jahr betreut werden und der Notfallmedizin. Die meisten Mediziner im notärztlichen Rettungsdienst sind Anästhesisten.

Es geht also in seinem Job um Leben und Tod? „Im Einzelfall ja, im Grundsatz eher nein“, sagt Martin Gossler. Die Zeiten, in denen Patienten an einer Narkose das Zeitliche segneten, seien längst vorbei, die Medizin habe sich enorm entwickelt, schon vor seiner aktiven Zeit als Anästhesist habe niemand mehr Angst vor einer Narkose haben müssen. Die Sterblichkeitsrate bei Narkosen ist äußerst gering und ergibt sich eigentlich nur durch vorhandene Begleiterkrankungen und die Größe des operativen Eingriffs. Eine ähnliche Bewertung gilt der Intensivmedizin: „Die allermeisten Patienten verlassen die Intensivstation lebend“, sagt Gossler.

Der Wandel der Medizin: Das ist ein Thema, bei dem Martin Gossler die zwei Seiten seines Jobs bilanziert. Zunächst die erfreuliche Sicht: Wer heute in eine Klinik eingewiesen werde, bekomme eine bessere Behandlung als noch vor zehn, aber auch noch vor fünf Jahren. Das gelte in seinem Wirkungskreis besonders für die hoch entwickelte Intensivmedizin, mit einer immer besser gewordenen Technik, gepaart mit der Top-Ausbildung von immer mehr Spezialisten. Gossler: „Wer heute zum Beispiel mit einer Tumorerkrankung in eine Klinik eingewiesen wird, bekommt die bestmögliche Behandlung, egal, ob er Kassen- oder Privatpatient ist.“ Die Gesundheitsversorgung in Deutschland sei top. „Wir können heute mehr Krankheiten heilen, als jemals zuvor.“ Und: „Früher wäre ich mit 65 ein alter Mann gewesen, heute habe ich hoffentlich noch viele Jahre vor mir.“

Gleichzeitig sagt Gossler aber auch diesen Satz: „Ob alles immer notwendig ist, steht auf einem anderen Blatt.“ Nämlich auf dem Blatt der Ökonomie. Aus Krankenhäusern werden Klinik-Konzerne, aus Patienten Kunden. Dass die Medizin immer mehr nach ökonomischen Gesichtspunkten ausgerichtet werde, sei eine ungute Entwicklung und müsse alle Beteiligten zum Nachdenken anregen. Gleichwohl weiß der scheidende Chefarzt, dass sein Glaube an einen grundlegenden Systemwandel im Gesundheitswesen eher eine naive Vision als eine realistische Annahme ist.

Dabei ist Gosslers Ansatz einmal die Grundlage des Gesundheitswesens in Deutschland gewesen: „Medizin ist Daseinsvorsorge, wie Feuerwehr, Militär oder Kultur.“

Freilich: Ein Typ wie Martin Gossler sagt das nicht mit Wehmut in der Stimme. Klagen ist nicht sein Ding. „Ich bin eher ein fröhlicher Mensch“, sagt Gossler über Gossler. Mit ihm Streit zu bekommen, sei schwer, so richtig kann oder mag er sich nicht daran erinnern, dass es einem seiner Mitstreiter je gelungen sei. Dabei war er mit 34 Ärzten und geschätzten 50 Schwestern in der Klinik ein entscheidender Faktor und schließlich an jeder Operation beteiligt. „Ich bin immer um Ausgleich bemüht“, sagt der Fast-Ruheständler, der bei seiner Verabschiedung noch einmal an seine kuriose Karriere im Landkreis Stade erinnert wurde. Erst war er als Stabsarzt Wehrpflichtiger in der Estetal-Kaserne in Buxtehude, um dann 1987 als Oberarzt im städtischen Krankenhaus in Stade zu beginnen.

Weil er, wie er heute sagt, „offenbar nicht ganz unerfolgreich“ gewesen sei, hätten sie ihm früh die Nachfolge für den scheidenden Chefarzt Dr. Hauenschild angeboten. Martin Gossler war geehrt, doch als er die Zusage schriftlich haben wollte, ziemlich enttäuscht, denn die gab es nicht. Noch am gleichen Abend hörte er sich im Lande um und bewarb sich wenig später als Chefarzt in Waiblingen. Mit Erfolg. Im Mai 1992 wurde er im Ländle inthronisiert. Und in Stade suchten sie mittlerweile einen Oberarzt mit Chefarzt-Nachfolge-Garantie. Also bewarb sich Gossler auf seine alte Stelle – und bekam den Zuschlag. Waiblingen verließ er noch in der Probezeit. „Weil im Norden mein Herz sitzt“, sagte er sich damals und er sagt es auch heute wieder.

Bammel vor dem Ruhestand? „Vor einem Jahr hatte ich den, heute nicht mehr.“ Einmal, weil er den Abschied vorbereitet habe, andererseits vor allem, weil er mit Dr. Ole Broch einen, wie er glaubt, würdigen Nachfolger gefunden habe. Aber was macht einer jetzt, der den Garten am liebsten nur sitzend genießen möchte, keinen Hund, kein Boot und eine noch arbeitende Frau als niedergelassene Gynäkologin hat und dessen Kinder mit Enkelkindern in Zürich, Berlin und Münster wohnen?

Genau weiß er es angeblich noch nicht. Bisschen mehr Klavier und Saxofon spielen, etwas im ehrenamtlichen Bereich hat er im Kopf, die Medizin möglicherweise mit Auslandseinsätzen im Sinn. Aber auch das ehrenamtlich. Vieles sei offen, nur eines nicht: „Ich werde nichts mehr mit Terminvorgaben machen.“

Wie sehr ihm seine Klinik am Herzen liegt, hat er bei der Verabschiedung gespürt. Gossler gibt zu: „Obwohl ich immer viel und gerne vor Menschen geredet habe, schlotterten mir die Knie.“

Zu vitalen Ausfällen ist es aber dann doch nicht gekommen. Und wenn, dann wäre Martin Gossler wohl zum bestversorgtesten Patienten der Republik mutiert. Sie lieben ihren Chef in der Anästhesie.

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