„Mich hat schon immer fasziniert, was auf der Bühne passiert“
Das Erbe ist groß, und es wiegt schwer. Doch Tessa Aust (33) nimmt es gelassen. Seit gut einem halben Jahr leitet die junge Sozialökonomin ein kleines Kiez-Imperium. Drei Bühnen am Spielbudenplatz auf St. Pauli gehören dazu, das „Schmidt Theater“ und das „Schmidts Tivoli“.
Auch das „Schmidtchen“, dazu ein Nachtklub, eine Bar und zwei Restaurants stehen unter ihrer Führung. Sie profitiere von dem „persönlichen Draht zu den Mitarbeitern und dem besonderen Klima“, wie es sich nur in einem inhabergeführten Betrieb entwickeln könne, sagt sie. Als Geschäftsführerin der „Schmidts Tivoli GmbH“ folgt Tessa Aust ihrem Vater Norbert Aust nach, der im Herbst 1991 zusammen mit dem Theatermacher Corny Littmann das Unternehmen gegründet hat. Der Professor und Hochschulpräsident Aust, der gerade 75 Jahre alt geworden ist, neben dem schrillen Impresario Littmann – das war ein ungewöhnliches Duo, aber zugleich auch ungewöhnlich erfolgreich. Jährlich 400 000 Gäste lockt die Schmidt-Familie allein mit ihren unterschiedlichen Etablissements nach St. Pauli, die Bühnen genießen nationalen Ruf. Vorigen Herbst übergab Aust die Geschäfte an seine älteste Tochter Tessa, die junge Frau soll jetzt die Erfolgsstory fortschreiben.
TAGEBLATT: Wie fühlt sich nach den ersten sechs Monaten die Rolle als Chefin eines Kiez-Imperiums an?
Tessa Aust: Gut, natürlich ist es eine große Aufgabe, und man kann so einen Übergang ja nicht im Detail planen. Aber ich habe mich hier ohne größere Überraschungen zurechtgefunden und eingearbeitet. Ich habe ja den Vorteil, dass mir das Haus alles andere als fremd ist. Ich kenne viele Leute schon lange, war mit den Strukturen vertraut und hinter mir steht ein tolles Team, das hat mir den Start leicht gemacht.
Früher musste man auf St. Pauli für eine erfolgreiche Geschäftsführung entweder schwul, schrill oder ein echter Macker sein, haben Sie als jüngere Frau gar keine Anpassungsprobleme gespürt?
Nein, es wäre ja auch schade, wenn mein Alter oder Geschlecht dafür ausschlaggebend wären. Die Menschen, die hier arbeiten, sind wesentlich vielfältiger und individueller, als es diese drei Kriterien ausdrücken. Und hier auf St. Pauli wird Toleranz schon immer großgeschrieben.
Für einen Wikipedia-Eintrag über Sie hat es aber noch nicht gereicht, warum?
Brauch ich den? (lacht).
Wie kam es dazu, dass Sie als Sozialökonomin den Schritt aus der internationalen Geschäftswelt ins Herz von St. Pauli gewagt haben?
Ich war schon sehr früh dicht an der Arbeitswelt Theater meines Vaters dran, er hat mich regelmäßig mit ins Theater genommen. Das Schmidt und das Schmidts Tivoli gehörten für mich immer dazu, ich habe wohl jede Hausproduktion gesehen und kann die meisten Songs mitsingen (lacht). Mich hat schon immer fasziniert, was auf der Bühne passiert und auch dahinter. So bekam ich privat viel mit über das Haus, die Kollegen und die Abläufe. Letztendlich war aber entscheidend, dass mein Vater mich direkt gefragt hat, ob ich mir das vorstellen kann. Und das genau zum richtigen Zeitpunkt.
Sind der eine oder die andere Ihrer fünf Geschwister manchmal auch ein bisschen neidisch auf die Älteste in den Fußstapfen ihres Vaters?
Bis jetzt nicht, glaub ich (lacht). Die ganze Familie war bei der Entscheidung mit einbezogen und ich denke, alle sind damit sehr zufrieden.
Geht es Ihnen manchmal auf den Wecker, immer und überall auf Papas Spuren zu wandeln?
Ich habe ja lange Zeit mein eigenes Ding gemacht und meinen eigenen Horizont entwickeln können. Die Nachfolge jetzt war eine bewusste Entscheidung und es ist unheimlich wertvoll, ihn an meiner Seite zu haben. Das haben wir so geplant, und ich empfinde das als sehr positiv.
Wie oft kriegen Sie als Tochter zu hören, Dein Vater hätte das aber ganz anders gemacht?
Äußerst selten, aber es kann natürlich passieren. Er hat das Unternehmen schließlich lange und entscheidend geprägt. Das ist ja auch einer meiner Vorteile. Ich weiß, woher alles kommt, wer es wie gestaltet hat und warum. Und ich kann daraus meine eigenen Schlüsse ziehen.
Ihr Vater Norbert Aust war jahrzehntelang so etwas wie der bürgerliche Ausgleich an der Seite des bunten Paradiesvogels Corny Littmann. Wie kriegen Sie das hin?
Ich bringe da meine ganz eigene Persönlichkeit mit, auch wenn die Rollenaufteilung ähnlich ist wie bisher.
Das heißt, Sie sind die mit beiden Beinen auf dem Boden, und Corny Littmann darf weiter avantgardistische Ideen produzieren und auch mal künstlerisch rumspinnen?
Wenn Sie das so sagen: Ja, auf jeden Fall. Ich bin sicher eher bodenständig.
Was bedeuten die Schmidt-Theater für Sie?
Ich bin sehr stolz darauf, was mein Vater und Corny Littmann aufgebaut haben. Es ist für mich eine besondere Ehre, so einen erfolgreichen und beliebten Theaterbetrieb weiterführen zu können.
Die Zeit der schrillen Tabu-Brüche und schwulen Provokationen als Alleinstellungsmerkmal sind vorbei. Die Gesellschaft ist offener und St. Pauli salonfähiger geworden, verändern sich dadurch die Herausforderungen für Ihre Bühnen?
Für uns ist das nur von Vorteil, und wir ruhen uns bestimmt nicht auf unseren Erfolgen aus. Unsere Häuser stehen für modernes Volkstheater, für beste Unterhaltung. Unser Musical „Heiße Ecke“ läuft im September seit 15 Jahren am Stück und ist das erfolgreichste deutschsprachige Musical. Im Sommer haben wir sogar die Spielzeit von „Cats“ in Hamburg eingeholt.
Bei der Premiere von „Heiße Ecke“ war das Musical auf eine Spielzeit von einigen Wochen angelegt, jetzt ist ein Ende der Spieldauer nicht abzusehen. Was ist das Erfolgsrezept?
Das Stück bringt das Lebensgefühl auf St. Pauli gut rüber, die Zuschauer erkennen die Figuren von der Straße wieder. Es spricht ein breites Publikum an, jeder kann sich darauf einlassen und fühlt sich unterhalten und findet sich irgendwo wieder.
Ist die Zielgruppe und die Nachfrage nicht irgendwann mal erschöpft?
Bislang gibt es dafür keine Anzeichen. Man kann so eine Erfolgsstory natürlich nicht planen, das ist schon was Außergewöhnliches, was wir da geschafft haben. Und natürlich arbeiten wir immer an neuen Stoffen, Projekten und Ideen, schließlich ist die „Heiße Ecke“ nicht unsere einzige erfolgreiche Produktion. Gerade im „Schmidtchen“, auf unserer kleinsten Bühne, passiert viel Neues, von regelmäßigen „Zahlt doch, was ihr wollt“-Aktionen bis zu interaktiven Musicals. Dazu betreiben wir ja auch noch unsere Gastronomien. Durch die Bar- und Restaurant-Szene hat St. Pauli ohnehin viel gewonnen.
Udo Lindenbergs „Panik City“ oder das „Skurrilum“ mit sogenannten Live Escape Games in unmittelbarer Nachbarschaft weisen den Weg zu neuen Trends und Amüsierformaten, erschwert das die Arbeit für konventionelle Volkstheater auf St. Pauli?
Es gibt genug Platz nebeneinander. Man kann sich am Spielbudenplatz von vormittags bis nachts gut amüsieren, und das steht nicht in Konkurrenz zueinander, im Gegenteil, es ergänzt sich, belebt den Kiez und unsere Häuser auch.
Wie sieht St. Paulis Zukunft aus, wo steht der Kiez in zehn Jahren?
Fakt ist, dass die Theaterszene hier eine lange Tradition hat und auch in der jüngeren Historie sehr präsent war und ist, Das „Schmidt“ zum Beispiel feiert im August sein 30-jähriges Bestehen. Kultur auf dem Kiez ist also nicht neu und auch nicht, dass hier neue Dinge ausprobiert werden. Das wird es auch in Zukunft geben, und das wird dem Kiez gut tun. Ich glaube, der Mix wird es weiterhin machen. St. Pauli muss ein Anlaufpunkt für verschiedenste Besucher bleiben.
Wie viele Theater, Klubs oder Mitmach-Unterhaltungsbetriebe verträgt der Kiez?
Ich sehe da zurzeit keine Grenzen nach oben. Jedes Angebot auf seine Art belebt und fördert das Bewusstsein, dass auf St. Pauli Kultur stattfindet, dass man hier ausgehen kann, sich aber auch gut unterhalten lassen kann. Wenn Leute durch „Panik City“, „Skurrilum“ oder andere Neuigkeiten zu uns auf den Hamburger Kiez kommen, die sonst noch nicht hier waren, bereichert das St. Pauli und ist gut für alle Häuser.
Wie oft redet Ihnen Ihr Vater noch mit guten Ratschlägen ins Tagesgeschäft rein, kann er wirklich loslassen?
Er gibt mir Rat, wenn ich ihn frage. Ansonsten interessiert es ihn natürlich weiterhin, was so passiert, aber er hält sich überraschend konsequent aus dem Tagesgeschäft raus (lacht).
Die Schmidt-Theater ohne Reeperbahn sind ... immer noch tolle Bühnen. Vorstellen möchte ich mir das trotzdem nicht.
Die Reeperbahn ohne „Schmidt’s“ und „Tivoli“ ... wäre ärmer: weniger bunt, vielfältig, lebendig und lustig.
Die Elbphilharmonie ist für mich ... ein neues Wahrzeichen für Hamburg.
In der Freizeit gehe ich am liebsten ... aus. Zum Beispiel essen mit Freunden oder meiner Familie. Ich probiere gern neue Restaurants aus.
Ins Theater gehe ich ... leider zu selten, außer natürlich in unsere Schmidt-Theater. Um andere Bühnen zu besuchen, fehlt mir momentan oft die Zeit.
Mein letzter Reeperbahnbummel war ... noch nicht so lange her, erst vor ein paar Wochen.