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Auf einen Espresso mit...

Michael Fastert: Die KVG nimmt an Fahrt auf

KVG-Chef Michael Fastert. Mittags gibt es Tee statt Kaffee. Foto von Borstel

KVG-Chef Michael Fastert. Mittags gibt es Tee statt Kaffee. Foto von Borstel

Michael Fastert ist seit 2015 KVG-Chef in Stade. Der 48-Jährige ist ein Eigengewächs – und weiß um die Krux mit dem Nahverkehr in der Fläche. Dennoch denkt der Betriebswirt ÖPNV neu. Bei Tee statt Kaffee warnt er aber davor, auf jeden Trend der dynamischen Branche aufzuspringen.

Von Karsten von Borstel Mittwoch, 23.05.2018, 10:00 Uhr

Michael Fastert kommt aus Lüneburg von einer Betriebsleiterbesprechung. Der Boss eines Verkehrsbetriebs – verbringt der automatisch viel Zeit auf den Straßen? „Ja, wir sind mit sieben Landkreisen schon sehr groß“, sagt Michael Fastert. Cuxhaven, Rotenburg, Stade, Harburg, Lüneburg, Heidekreis und Lüchow-Dannenberg, dazu verbundene Gesellschaften im Landkreis Celle. 30 000 Kilometer im Jahr legt er im Pkw zurück. „Wobei wir uns modern organisieren“, sagt er. Heißt: Über Webinare und Videokonferenzen kann heute vieles besprochen werden, ohne dass man sich gegenübersitzt und Zeit auf den Landstraßen vertändelt.

Der KVG-Chef schenkt Tee ein. Es ist heiß, die Fenster sind geöffnet. Draußen auf der Harburger Straße rauschen in der Mittagszeit Autos vorbei und lärmen. Am 18. April wurden zwei Mädchen in Cuxhaven bei einem Unfall verletzt, in den ein Schulbus verwickelt wurde. Ein Landwirt mit Schlepper übersah den Bus, als er auf die Straße fahren wollte. Schlimmeres ist nicht passiert. Wie sicher ist der Bus als Verkehrsmittel wirklich? „Sehr“, kommt sofort, nachdem der Betriebswirt die Tasse abgesetzt hat. Ein Bus gehe turnusmäßig alle drei Monate zur technischen Untersuchung in die Werkstatt, Pkw alle zwei Jahre zum Tüv.

TAGEBLATT: Ob Helikopter-Eltern oder nicht, Erziehungsberechtigte stellen nach Unfällen wie diesem oft die Sicherheit der Schulbusse infrage. Herr Fastert, zu Recht? Oder sind die Sorgen übertrieben?

Es gibt 1000 Statistiken darüber, wie sicher Busse gegenüber dem Individualverkehr sind. Das ist kein Thema aufgrund von Häufigkeit. Trotzdem ist jeder Fall für sich natürlich wichtig. Es spielt keine Rolle, ob es ein verstauchter Knöchel oder etwas Schlimmes ist. Alles muss angezeigt werden. Da gibt es Prozesse, die einzuhalten sind, vor allem wenn es zum Personenschaden kommt. Unfälle mit Personenschäden kommen vor, keine Frage. Blechunfälle aber viel häufiger. Wir machen schließlich 30 Millionen Kilometer im Jahr.

Michael Fastert ist ein Eigengewächs. Seit über 30 Jahren gehört er zum Betrieb, ist zwischendurch zur Bundeswehr gegangen und hat BWL studiert. Nach seiner Rückkehr war er Unternehmenssprecher. Das Büro des Geschäftsführers hat er 2015 bezogen. Der 48-jährige Stader kennt die Region, weiß von der Krux mit dem demografischen Wandel, der dazu führt, dass Ortschaften verwaisen. In Landkreisen wie Cuxhaven bricht die Nachfrage nach dem ÖPNV teils schon zusammen. Es sind keine Menschen mehr da, schon gar keine Schüler.

Wann lohnt es sich noch, einen Bus raus aufs Land zu schicken? „Sie sprechen die Schwachlastzeiten an, etwa zwischen morgens und mittags. Die Frage ist, wie man Menschen in die Busse bekommt“, erläutert Fastert. Ziel müsse es sein, ein gutes Angebot zu bieten, aber gleichzeitig die Kosten im Auge zu behalten.

Schulbusse waren zu meiner Schulzeit entweder brechend voll oder menschenleer. Den Eindruck habe ich heute noch. Wie können Sie da gegensteuern?

Dabei spielt Empfinden eine Rolle (lacht). Bei frequentierten Linien fahren Verstärkerbusse. Da passiert es, dass ein voller Bus vorbeifährt, obwohl Kinder warten. Es gibt Nachholfahrten, das führt dennoch zu Beschwerden. Die Kapazitäten sind, wie sie erforderlich sind. Am Anfang eines Schuljahrs setzt immer ein Abstimmungsprozess ein. Wir planen eng mit dem Landkreis als Auftraggeber, aber auch mit Schulen. Aber natürlich sind die Busse auch mal gut gefüllt.

Verkehrsbetriebe beschäftigen sich zum Beispiel mit Rufbussystemen. Dort können sich Fahrgäste anmelden, und der Bus kommt nur, wenn sich jemand registriert hat – „Bus-on-demand“ heißt das neudeutsch. „Solche Systeme kommen“, sagt Fastert, als Ergänzung zum Anruf-Sammeltaxi (AST), das im Landkreis fährt. Vorteil: Flexibilität. „Es gibt auf der anderen Seite Regionen, in denen wir mit den Kapazitäten nicht hinterherkommen. Wenn man Richtung Hamburg guckt, dort verstärken wir ständig.“

Bei aller Zukunftsgewandtheit dürften ältere Menschen nicht abgehängt werden, die auf den Bus angewiesen sind. Da sei der Rufbus ein probates Mittel, doch auch Bürgerbusse in den Kommunen, denen er aufgeschlossen gegenübersteht. Auch andere Modelle wie Carsharing gehörten zur Gesamtbetrachtung der Mobilität. „Das ist keine Konkurrenz, sondern alles sinnvolle Ergänzung, um Bedürfnisse abzudecken.“

Vor den Hamburgern brauche sich die KVG nicht zu verstecken, findet Fastert. Die Digitalisierung nehme an Fahrt auf, da versuche sein Unternehmen Schritt zu halten, denn der Fahrgast im Landkreis stelle dieselben Ansprüche. WLAN sei ein Zukunftsthema, schon jetzt lasse sich festhalten: Die Bandbreite, die in den KVG-Bussen abgerufen wird, ist enorm. Derweil sind weitere Innovationen geplant: Kunden sollen Fahrauskünfte bald in Echtzeit auf ihr Gerät bekommen. Die Anschlusssicherung für 250 Zugverbindungen (Metronom und S-Bahn) wird dann EDV-gestützt geleistet. 3,2 Millionen Euro kostet das Projekt und wird von Land und Landkreisen gefördert. „Dadurch wird sich der komplette Betrieb revolutionieren“, verspricht Fastert.

In Ihrer Branche passiert derzeit eine Menge – von Antrieben über die Digitalisierung. Hätten Sie gedacht, dass der Bereich ÖPNV mal so an Fahrt aufnimmt?

ÖPNV hatte immer ein angestaubtes Image, davon sind wir weg. Die Branche ist ansprechend, in Ballungszentren haben junge Leute kein Auto mehr. Das ist super. Das ist hier in der Fläche anders. Aber auch für den ländlichen Raum haben wir Ideen und investieren in emissionsarme Fahrzeuge und digitale, flexible Bedienformen.

Das „Check-in/Be-out“-System, das auch die Hamburger Hochbahn erprobt, komplettiere die Digitaloffensive. Dabei handelt es sich um ein Ticketsystem, das automatisch die günstigste Fahrtstrecke über das Smartphone abrechnet. Das Pilotprojekt soll in Stade starten und auf den Landkreis ausgeweitet werden. Der Fahrgast benötigt damit keinerlei Tarifkenntnisse mehr.

„Damit entfällt ein echtes Zugangshemmnis für den ÖPNV“, sagt der Betriebswirt. Mehr als eine Tageskarte wird nicht abgebucht. Im dritten Quartal 2018 will die KVG „Trockenübungen machen“, möglicherweise geht das System im ersten Quartal 2019 in den Testbetrieb. Diese Neuerung, verbunden mit der Echtzeitauskunft, bedeute einen echten Fortschritt für den hiesigen Nahverkehr und spreche Gelegenheitskunden an. Noch besser sei es, dass Fahrgäste mit einem einzigen Ticket KVG-Bus, S-Bahn, Metronom und Hochbahn nutzen könnten. „Mehr will man gar nicht“, sagt Fastert.

Die KVG müsse das mitmachen, „was Kundennutzen hat“. Es gebe Bereiche wie autonomes Fahren, die derzeit urbane Räume tangieren, nicht aber die Fläche. „Ich kann mir nicht vorstellen, ein autonomes Fahrsystem einzusetzen, aber das mag in zehn Jahren anders aussehen“, schätzt er. Was sicher komme, sei Elektromobilität. 2017 testete die KVG in Lüneburg vollelektrische Busse. „Das hat funktioniert“, resümiert Fastert. Beim Laden schieße der Verbrauch aber so in die Höhe, dass es sich aktuell nicht rechne. Ein E-Bus kostet das Doppelte von einem Euro-6-Diesel. 250 bis 300 Kilometer schafften die Busse pro Ladung – und sind daher etwas für Zentren.

„Ach, weil Sie sonst immer danach fragen: Ich trinke vier bis fünf Tassen Kaffee am Tag, gern doppelten Espresso nach dem Essen und zwischendurch mal einen Cappuccino“, wirft Michael Fastert ein, kurz bevor wir uns verabschieden. Die Frage nach dem Kaffeekonsum ist Teil des Gesprächs, war aber unausgesprochen geblieben. Fast vergessen. Fastert – das ist sicher der „Typ Vollautomat“, denkt sich der Reporter. Und? Richtig gelegen.

TAGEBLATT-Redakteur Karsten von Borstel trifft monatlich eine Person aus der heimischen Wirtschaft, um über aktuelle Probleme ihrer Branche zu sprechen. Ob Café, Bäcker oder Kantine: Die Akteure wählen den Treffpunkt, und es muss nicht zwingend ein Espresso sein. Denn die Wahl des Kaffees – das die Theorie des Autors – verrät etwas über den Gesprächspartner selbst.

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