Michael Schulte begeistert Europa
340 Punkte für Michael Schulte: Damit hat der Buxtehuder die ESC-Schmach getilgt, die seit Jahren wegen des schlechten Abschneidens auf Deutschland lastete.
Beim Finale in Lissabon zitterten mit ihm nicht nur die Fans in der Halle, sondern auch die internationalen Journalisten im Pressezentrum. TAGEBLATT-Reporterin Anping Richter war dabei.
Vierter Platz für Michael Schulte: Während der rote Lockenkopf auf der Großleinwand strahlt und jubelt, macht sich auch bei den deutschen Journalisten im Pressezentrum sichtliche Erleichterung breit. Einige liegen sich sogar in den Armen. Der ESC ist zwar kein bierernster, aber ein sehr emotionaler Wettbewerb. Wer sich damit in den letzten Tagen und Wochen in allen Facetten beschäftigt hat, kann offenbar nicht umhin, die klassische distanzierte Beobachterposition irgendwann zu vergessen.
Ein Rundblick über den Saal kurz vor dem Beginn des Finales bestätigt das: Auf den langen Tischen zwischen den eingestöpselten Laptops wimmelt es von Länderflaggen und -fähnchen. Einige Mitglieder der deutschen Delegation, die Michael Schulte in den letzten Tagen ständig begleitet haben, stellen sich noch schnell zusammen, um ihm ein letztes Ständchen zu bringen: Sie stimmen den Refrain von „You let me walk alone“ an.
Die Pressevertreter sitzen locker nach Nationen geordnet, und anders als in den vergangenen Tagen beim Halbfinale und während der Endproben ist das jetzt auch deutlich zu sehen. Als die Eurovisions-Hymne ertönt, braust spontan Applaus auf – jedes Land jubelt für seinen Kandidaten besonders laut, aber besonders beeindruckend in ihrer lautstarken Unterstützung sind die Zyprioten und die Israelis. Schon jetzt können sie kaum noch an sich halten und skandieren immer wieder „Cyprus, Cyprus!“ oder „Israel, Israel“. Zyperns Eleni Foureira mit ihrer groovigen Tanznummer „Fuego“ und Netta mit dem originellen Elektropopsong „Not your Toy“ sind nicht nur Favoritinnen, sondern haben auch gute Startplätze in der zweiten Hälfte erwischt.
Michael Schultes Auftritt auf dem nicht ungünstigen Platz elf findet im Pressezentrum zunächst ein eher verhaltenes Echo. Lautes Klatschen, Jubel, viele reißen die Arme hoch – aber danach beginnen leise die ersten, nervösen Gespräche. Er sah etwas erschöpft aus, ist zu hören, und andere meinen, die Anspannung und der Zirkus der letzten Tage war ihm auch etwas anzuhören.
Als die Punktewertungen der Jury eingehen, steigt die Nervosität zusehends. Wie der Auftritt beim Publikum in den einzelnen Ländern ankommt, ist schwer einzuschätzen – mit einigen Ausnahmen. So freuen sich die Zyprioten sichtbar schon vor der Bekanntgabe auf die Punkte aus Griechenland, und dass Michael Schulte aus Dänemark zwölf Punkte erhält, ist auch nicht ganz überraschend, schließlich ist er an der Grenze großgeworden und spricht nicht nur fließend dänisch, sondern singt auch bei jeder Gelegenheit in dieser Sprache.
Mit dem Österreicher Cesar Sampson, der sich während der Wertungen sogar immer wieder an die Spitze setzt, hatte aber offenbar kaum jemand gerechnet – und obwohl sein Outfit, eine Art silberbeschichteter Schlafanzug, der den gut trainierten Körper bedeckt, für spitze Bemerkungen sorgt. schafft er am Ende Platz drei vor Michael Schulte, der trotzdem überglücklich scheint. Die Freude über das gute Abschneiden nach mageren Jahren bei den Deutschen wird im Pressezentrum aber von dem israelischen Glückstaumel übertönt. „Netta, Netta!“ skandieren die israelischen Journalisten im Pressezentrum, als klar wird, dass ihre Teilnehmerin den ESC gewinnt. Sie springen auf die Tische, tanzen mit ihren Fahnen verzückt vor der Großbildleinwand– und damit beginnt ein Rausch, der aus der folgenden Pressekonferenz der Sieger in der Nachbarhalle eine Party macht.
Mehr als eine Stunde dauert die Konferenz im Pressezentrum, bei der Netta vor Rührung weint und am Ende eine euphorisierte Menge zu ihrem Song „Not your Toy“ tanzt. Zu der anfangs noch von der deutschen Delegation um 0.30 Uhr angedachten Pressekonferenz mit Michael Schulte kommt es deshalb am Ende nicht mehr.
Dem TAGEBLATT hat der Retter der deutschen ESC-Ehre am Sonntag vom Flughafen aus aber noch ein kurzes Interview gegeben, bevor er am Sonntagnachmittag in den Flieger nach Hause stieg.
„Dass dieses verrückte, aber eben auch sehr schöne Abenteuer mit so einem Happy End ausgeht, hätten wir uns nicht gedacht und das hätten wir uns auch viel besser nicht wünschen können“, sagt Schulte – und meint damit auch seine zukünftige Frau Katharina. Sein abenteuerliches Jahr geht nämlich noch keineswegs zu Ende: In weniger als einem Monat ist die Hochzeit geplant, im August kommt das Baby.
Jetzt will Michael Schulte aber erstmal wieder sortieren und verdauen, was gerade passiert ist und noch passiert: „Das ist schon verrückt, jetzt bei I-Tunes die Nummer eins in Deutschland und in den Top zehn in zehn Ländern in ganz Europa zu sein.“ Er habe unglaubliche viele Nachrichten bekommen – und viele neue Fans. Das wolle er jetzt genießen. Aber vor allem, sagt Michael Schulte, freuen er und Katharina sich jetzt auf eines: „Auf zu Hause und auf unser eigenes Bett, aufs Ausschlafen. Und dann auch wieder auf einen schönen Cappuccino in der Innenstadt in Buxtehude.“
Die Stadt Buxtehude will Michael Schulte mit einem Empfang ehren. Der 28-Jährige soll sich zeitnah ins Goldene Buch der Stadt eintragen und sich womöglich auf dem Rathausbalkon den Buxtehudern zeigen.