Mit Landwirt Hauke Horeis im Trecker zur Demo
Für Hauke Horeis (26) stand immer fest, dass er den Betrieb seines Vaters in Oederquart übernehmen will. Anfeindungen und Reglementierungen rauben ihm den Spaß. Fotos: Husung
Tausende Landwirte haben sich heute auf den Weg gemacht, um in Hamburg gegen die Umwelt- und Agrarpolitik der Bundesregierung zu protestieren. Einer der Teilnehmer war Hauke Horeis (26) aus Oederquart – das TAGEBLATT hat ihn begleitet.
Hauke Horeis ist Landwirt aus Leidenschaft. Noch hat er den Betrieb seines Vaters – der Milchviehhof Klinten in Oederquart – nicht übernommen. Doch er steht schon in den Startlöchern. Nie bestand ein Zweifel daran, dass er den Hof einmal als Nachfolger weiterführen würde. „Uns gibt es seit 400 Jahren und es soll uns auch noch die nächsten 400 Jahre geben“, sagt er.
Gerade weil der junge Bauer von Kindesbeinen an für die Landwirtschaft lebt und seine Zukunft darin sieht, ärgert ihn der Umgang der Bundesregierung mit den Bauern und die strengen Auflagen, die der im September verabschiedete Agrarpakt den Betrieben auferlegt.
Wie viele Landwirte fühlt er sich übergangen: „Es geht mir um ein Miteinander mit der Politik. Unsere Meinung wurde nicht miteinbezogen, dabei sind wir die Experten.“ Und er befürchtet, dass nun Maßnahmen beschlossen werden, die dazu führen, dass er seine Flächen nicht mehr so wie bisher bewirtschaften kann.
Um von der Politik gehört zu werden und ins fachliche Gespräch zu kommen, hat er sich Hunderten weiterer Landwirte aus der Region angeschlossen und ist am frühen Morgen pünktlich mit zwei Treckern auf das Gelände der Spedition Köllner in Bützfleth-Schnee gefahren. Dort hatte sich die erste Gruppe im Landkreis ab 7.30 Uhr für die Sternfahrt nach Hamburg zur Umweltministerkonferenz versammelt. „Den zweiten Schlepper fährt ein Kumpel von mir, mein Vater kümmert sich um den Betrieb“, so Horeis.
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Los geht die Fahrt um kurz nach 8 Uhr – und damit beginnen die erheblichen Verkehrsstörungen, die die Polizei später vermelden wird: Knapp 700 Trecker sind demnach auf den Straßen im Landkreis unterwegs, 220 von Stade aus über den Obstmarschenweg in Richtung B 73. Eine weitere Gruppe formiert sich auf dem Pfingstmarktplatz in Neukloster und schließt sich dort dem Konvoi an. Die Veranstalter sprechen von 800 Fahrzeugen, davon 300 mit dem Startpunkt Stade.
Bis auf wenige Stopps kann sich der Treckerkonvoi fließend auf der B 73 fortbewegen. Anders sieht es für die Pendler und die übrigen Verkehrsteilnehmer aus: Sie müssen teilweise lange Wartezeiten an Kreuzungen hinnehmen, weil für die kilometerlange Kolonne als Verband rote Ampeln und andere Verkehrszeichen nicht gelten.
Während sich die Kolonne langsam durch den Landkreis schiebt, klingelt es über die Freisprecheinrichtung. Horeis’ Vater ruft an. Ein paar Absprachen sind notwendig. Denn die Abwesenheit des Betriebsnachfolgers für einen ganzen Tag macht sich durchaus bemerkbar. Und führt auch zu finanziellen Einbußen. Den Milchhof Klinten betreibt der 26-Jährige gemeinsam mit seinen Eltern, einem festangestellten Mitarbeiter und zwei Teilzeitkräften. Ein kleines Team, das sich um 380 Kühe kümmert, von denen 200 gemolken werden. Hinzu kommen 180 Hektar Ackerflächen, etwa für den Weizen-Anbau.
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Doch Hauke Horeis war es wichtig, an der Aktion teilzunehmen. Nicht nur, weil er Einschränkungen für seinen Betrieb fürchtet, sondern weil er unter dem negativen Image der Bauern leidet. „Die seelische Belastung wird immer größer“, sagt er. Die Kritik schlage seinem Berufsstand nicht nur in den Medien entgegen, sondern auch auf persönlicher Ebene. Dass er bei einer seiner Betriebsbesichtigungen von einem Besucher als „Massentierhalter“ beschimpfte wurde, hat ihn mitgenommen. Und auch über die sozialen Medien müsse der Junglandwirt Anfeindungen hinnehmen. „Wir machen diesen Beruf, weil wir Lust darauf haben“, sagt er.
In sozialen Netzwerken wie Facebook und Instagram gibt er mit Bildern und Texten Einblicke in seinen Arbeitsalltag. Die Fronten zwischen Bauern und der kritischen Bevölkerung haben sich seiner Ansicht nach so verhärtet, weil die Landwirte es viele Jahre lang versäumt hätten, eine Verbindung zur Öffentlichkeit aufzubauen. „Früher hatte fast jeder automatisch einen Bezug zur Landwirtschaft – durch die Familie und Bekannte“, erläutert Horeis. Die Kritik der Menschen an den Bauern kann er insofern verstehen, als dass vielen schlicht das Wissen und der Einblick fehlten. „Aber das liegt auch an uns, wir müssen mehr tun.“
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Ernsthafte Existenzsorgen macht sich Hauke Horeis derzeit nicht – was auch damit zu tun hat, dass sein Vater in Aussicht auf einen Betriebsnachfolger kräftig investiert hat. Eine neue Biogasanlage für selbst erzeugten Strom hat die Familie gerade in Betrieb genommen. Auch neue Siloplatten haben sie gebaut – die Ausgaben belaufen sich zusammen auf knapp eine Million Euro. Summen, bei denen viele Bauern ins Grübeln kommen. Wer wenig Aussicht auf einen Nachfolger hat, verschuldet sich ungern auf Jahre. Und selbst wenn die Nachfolge geklärt ist, will nicht jeder der nächsten Generation einen Schuldenberg hinterlassen.
Den Gänsemarkt in Hamburg erreicht Hauke Horeis nur ohne seinen Trecker, wie der 26-Jährige am Nachmittag erzählt. Die Polizei habe ihn und viele seiner Kollegen auf eine Wiese in Wilhelmsburg gelotst, in die Innenstadt und zurück ging es mit der Bahn.
Hauke Horeis ist sich sicher: „Wir haben auf jeden Fall Eindruck hinterlassen. Und der Zusammenhalt ist gigantisch.“ Jetzt hofft er, dass die Minister und Verantwortlichen, von denen sich einige am Gänsemarkt auf Gespräche eingelassen haben, die Botschaft der Bauern verstanden haben.