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„Unterwegs in Hamburg“

Mit Miniatur-Wunderland-Gründer Gerrit Braun durch Groß Borstel

Trotz der Nähe zum Flughafen hat Groß Borstel einen dörflichen Charakter. Mit seinen vielen Kleingartensiedlungen und dem Eppendorfer Moor ist der Stadtteil zudem sehr grün. Doch er befindet sich im Wandel.

Von Nadine Wenzlick Dienstag, 20.08.2019, 09:00 Uhr

Eigentlich hat Gerrit Braun immer davon geträumt, eines Tages mal im Karoviertel zu leben. „Ich weiß nicht warum, aber das war seit meinem zehnten Lebensjahr mein Kindheitstraum“, erzählt Braun, der gemeinsam mit seinem Zwillingsbruder Frederik als Gründer des Miniatur Wunderlands bekannt ist. „Ungefähr ein Jahr, nachdem ich nach Groß Borstel gezogen bin, habe ich diesen Traum aufgegeben – weil ich mich hier einfach so wohl gefühlt habe.“

Groß Borstel, das im Jahr 1325 erstmals urkundlich erwähnt wurde, gehört seit 1913 zu Hamburg. Auf den ersten Blick liegt der Stadtteil alles andere als idyllisch: Im Norden grenzt er an den Flughafen und das Gelände der Lufthansa, im Osten an die Alsterkrugchaussee und im Süden an die Güterumgehungsbahn. Doch genau in der Mitte befindet sich eine „kleine Oase“, wie Braun sagt. Seit 15 Jahren lebt er in Groß Borstel. Wir treffen ihn in einer Bäckerei an der Borsteler Chaussee, der „Hauptstraße“ des Stadtteils. „Eigentlich könnte man sagen: Das Besondere an Groß Borstel ist, dass es nicht besonders ist. Hier gibt es keine Highlights, die man gesehen haben muss. Wir haben auch keine Diskothek und kein Kino. Bloß ein paar Kneipen und Restaurants“, so Braun. „Aber wenn man dahin geht, kennt man immer jemanden. Das ist es, was ich an Groß Borstel so schön finde. Es ist im Grunde ein Dorf mitten in der Stadt.“ Angenehm unaufgeregt.

Wie gerufen kommen in dem Moment zwei Polizisten in die Bäckerei. „Das ist jetzt typisch, die kann ich beide mit Namen begrüßen“, sagt Braun noch, und dann stehen die Polizisten auch schon an unserem Tisch. „Wir unterhalten uns für einen Artikel über Groß Borstel“, erklärt Braun ihnen. „Dann können Sie uns ja gleich lobend erwähnen als weltbeste Stadtteilpolizisten“, grinst die Polizistin, und irgendwie entsteht sofort der Eindruck, sie könne damit Recht haben.

Dass Gerrit Braun in Groß Borstel lebt, ist übrigens reiner Zufall. Die ersten vier Jahre seines Lebens verbrachte er in Eppendorf, danach lebte er mit seiner Familie in einem Altbau an der Grenze von Havestehude und Rotherbaum, bevor er mit 30 Jahren in ein Hochhaus an der Hamburger Straße zog. „Ich bin ein echtes Stadtkind. Meine Frau allerdings kommt aus Ellerau und wollte gerne wieder aufs Land“, erzählt er. „Wir suchten also nach einem Kompromiss: Ein schönes Einfamilienhaus mit einem möglichst großen Grundstück, das noch relativ zentral gelegen ist, aber in unser Budget passt.“

Den Flugzeuglärm, der zu Groß Borstel einfach dazugehöre, nimmt Braun kaum noch wahr. Und bezahlbar war der Stadtteil vor 15 Jahren wirklich noch. „Damals lag der Bodenrichtwert in unserer Ecke bei 204 Euro, gerade wurde hier ein Haus mit 800 Quadratmetern Grundstück für 700 000 Euro verkauft“, so Braun. „Natürlich sind die Preise in anderen Stadtteilen auch nach oben gegangen, aber sie haben sich nicht verdreifacht. Das zeigt, wie begehrt Groß Borstel ist.“ In Brauns Augen liegt das auch an den vielen Grünflächen, die der Stadtteil zu bieten hat. Davon wollen wir uns selbst ein Bild machen. Vorbei an Kleingärten – in Groß Borstel gibt es 13 Kleingartenvereine – geht es ins Eppendorfer Moor.

Mit einer Größe von 26 Hektar ist das Eppendorfer Moor das größte innerstädtische Moor Mitteleuropas. Wenn Braun den Kopf frei bekommen will, geht er hier joggen. „Ich habe zwei Laufrunden: Eine geht um den Flughafen herum, und die andere ist eine sieben Kilometer lange Runde durch Groß Borstel, auf der ich nur eine Ampel habe und eine echte Straße überquere. Den Rest läuft man im Grünen“, schwärmt er. „Vor allem an dem großen Moorteich gibt es zwei Stellen, die ich besonders mag. Wer da sitzt, kann sich kaum vorstellen, dass er sich mitten in Hamburg befindet. Das ist definitiv ein Ort, an dem man abschalten kann. Außerdem ist die Luft dort einfach toll. Irgendwas scheint das Moor damit zu machen.“

Während wir durch das Moor spazieren, erzählt Braun, was die Groß Borsteler ausmacht. Sie seien ruhig und still, „aber wenn man sie erst einmal aufgetaut hat, dann sind sie ganz herzlich“. Etwas älter und wohlhabender als der Hamburger Durchschnitt, mit einer leicht niedrigeren Arbeitslosen- und Ausländerquote sei Groß Borstel „ein zufriedener Stadtteil“, der trotzdem bunt und multikulti sei, von Hochhausbauten bis zu der hübschen Villengegend um das Stavenhagenhaus.

Der Backsteinbau aus dem frühen 18. Jahrhundert, der nach dem niederdeutschen Dichter Fritz Stavenhagen bekannt ist und unter Denkmalschutz steht, dient als Stadtteilkulturzentrum und Außenstelle des Standesamtes Nord. Die „Freunde des Stavenhagenhauses“ bemühen sich zudem seit über 50 Jahren erfolgreich darum, das Stavenhagenhaus einmal im Monat mit einer kulturellen Veranstaltung zu beleben. Überhaupt sind die Groß Borsteler engagiert. Zum Beispiel im 1889 gegründeten Kommunalverein, der auch den „Groß-Borsteler Boten“ herausgibt und gemessen an der Einwohnerzahl der größte Bürgerverein Hamburgs ist.

Mit wachsamem Auge blicken die Bewohner deshalb auf die Veränderungen, denen der Stadtteil entgegenblickt: Zwischen Tarpenbek und Güterumgehungsbahn, auf dem Gelände des 1985 stillgelegten Güterbahnhofs Lokstedt, entsteht derzeit das Wohnquartier „Tarpenbeker Ufer“: Auf 118 000 Quadratmetern werden 950 Wohneinheiten gebaut, in denen 2000 bis 3000 Menschen leben sollen. Damit erhöht sich die Einwohnerzahl Groß Borstels um 25 bis 30 Prozent. Weil das Stadtentwicklungsprojekt mit dem Namen Groß Borstel 25 anfangs für massive Proteste sorgte, sollen zwei Quartiersmanager die Integration im Stadtteil sichern. Doch damit nicht genug: Auf dem ehemaligen Strüver-Gelände, direkt neben der Flüchtlingsunterkunft Pehmöllers Garten, soll zudem das Projekt Groß Borstel 31 mit 400 weiteren Wohnungen entstehen. „Es geht den meisten gar nicht darum, ob es dem Stadtteil dient oder schön ist – ich glaube, das muss man einfach akzeptieren, wenn man in einer Stadt lebt“, so Braun. „Das Problem ist eher der Verkehr. Schon jetzt herrscht in der Borsteler Chaussee jeden Morgen Stau.“

Das liegt auch daran, dass Groß Borstel an den öffentlichen Nahverkehr nur mit Bussen angebunden ist – in Brauns Augen das einzige Manko des Stadtteils. „Wir träumen ja immer noch davon, dass es mal eine Verlängerung der U5 bis nach Groß Borstel gibt“, sagt er.

„Wenn die Einwohnerzahl auf 12 000 bis 14 000 Menschen steigt, müsste das für den HVV doch eigentlich super sinnvoll sein.“ So lange das noch Wunschträume sind, schwingt Braun sich im Notfall aufs Rad. „Man kann an der Kollau und der Alster entlang in die Stadt fahren“, verrät er. „Bis ins Miniatur Wunderland brauche ich nur 25 Minuten und muss nur über fünf Ampeln.“

Wäre es denn eigentlich denkbar, dass es im Miniatur Wunderland eines Tages einen Nachbau von Groß Borstel gibt? „Wenn man es genau nimmt, gibt es den schon, und zwar in Form meines Hauses“, grinst Braun. „Als wir den Flughafen eröffnet haben, haben meine Mitarbeiter mich damit überrascht. Direkt neben dem Flughafen befindet sich eine Kleingartensiedlung aus Groß Borstel und daneben steht mein Haus. Keine Ahnung, wann die bei mir waren, aber das ist wirklich original nachgebaut – selbst wie der Garten angelegt ist. Abgesehen von der Tatsache, dass meine Frau auf der Terrasse neben einem gut aussehenden, muskulösen Mann sitzt, von dem ich immer noch nicht weiß, wer das ist, war ich total gerührt.“

{picture1s} Zur Struktur

Einwohnerzahl: 8499

Fläche: 4,5 Quadratkilometer

Migrationsanteil 2019: 16,9 Prozent (Hamburger Durchschnitt 17,3 Prozent)

Durchschnittliches Einkommen: 42 631 Euro jährlich (Hamburger Durchschnitt 39 054 Euro)

Kriminalitätsrate 2018: 591 Straftaten (Hamburger Durchschnitt etwa 2065)

Mietspiegel: 13,48 Euro pro Quadratmeter (Hamburger Durchschnitt: 13,26 Euro)

Zur Geschichte

1325: Erste urkundliche Erwähnung: Groß Borstel kommt durch Kauf in den Besitz des Klosters Herwardeshude.

1530: Nach Auflösung des Klosters gelangt Groß Borstel in den Besitz des Klosters St. Johannis.

Mitte des 17. Jahrhunderts: Als es innerhalb der Stadtmauern immer enger wird, ziehen viele wohlhabende Hamburger nach Groß Borstel. So entstehen die vier Lustgärten Pehmöllers Garten, Brödermanns Kohlgarten, Petersenpark und Frustbergpark, von denen heute nur noch letzterer erhalten ist.

1830: Nach Neueinteilung der hamburgischen Landgebiete gehört Groß Borstel zur Landherrenschaft der Geestlande.

1889: Der Kommunalverein wird gegründet.

Um 1900: Groß Borstel hat keine 1500 Einwohner, aber 15 Gaststätten. Die Hamburger Stadtbevölkerung sucht in den Gartenlokalen und Tanzsälen Erholung.

1912: Bau der Luftschiffhalle, der Vorreiter für den heutigen Hamburger Flughafen.

1913: Eingemeindung von Groß Borstel.

1927: Fritz Schumacher erbaut in der Borsteler Chaussee 301 das erste staatliche Altenheim in Hamburg.

1956: Bau der Kirche St. Peter durch den Architekten Otto Andersen.

1982: Das Eppendorfer Moor wird unter Naturschutz gestellt.

2017: Baubeginn des Siedlungsprojekts Groß Borstel 25.

Das Le Marrakech in der Gert-Marcus-Straße ist eine Institution in Groß Borstel: Möbelhaus und Restaurant in einem, zieht es Gäste aus ganz Hamburg an – vor allem zur Oriental Night mit Büfett und Bauchtanz jeden Freitag und Sonnabend.

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