Moderatoren lümmeln auf der Couch
Moderator Nils Bomhoff (links) und Geschäftsführer Arno Heinisch (rechts) im Studio ihrer Show „MoinMoin“ des Senders Rocket Beans TV . Philipp Hannappel
Rocket Beans TV aus Hamburg: Erster unabhängiger und interaktiver Online-Sender sendet 24 Stunden am Tag ein Programm.
Es heißt, junge Menschen schauen immer weniger Fernsehen, sondern konsumieren vorrangig Webvideos. Dass beides auch irgendwie gemeinsam geht, beweist der Sender Rocket Beans TV aus Hamburg. Fünf Fernsehmacher wagten Anfang des Jahres den Schritt und starteten den ersten unabhängigen und interaktiven Online-Sender – 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Für Gamer. Und Nerds.
Das ist Rocket Beans TV: Zwei Moderatoren lümmeln auf einer Ledercouch und spielen ein Videospiel, ein Fußballspiel, es heißt „Fifa 15“. Die Füße haben sie hochgelegt. Sie reden über Baseballkappen, lesen private SMS in der Show, reden über den HSV. Doch eigentlich spielen sie Fußball. Der Ausschnitt der Folge „Road to Division One“ hat auf der Videoplattform Youtube über 35 000 Aufrufe, die gesamte Show über 45 Minuten 8100. Zum Vergleich: die Tagesschau vom gleichen Tag haben gerade mal 2400 Zuschauer geschaut.
Nicht jeder hat Lust darauf Moderatoren dabei zu beobachten, wie sie Videospiele spielen. Rocket Beans TV ist anders, auf jeden Fall. Und speziell. Doch während viele Fernsehformate die junge Zielgruppe nicht mehr erreichen, schaffen die Hamburger genau das. Mit wachsendem Erfolg. Sie haben interaktive Formate geschaffen, die in der Live-Unterhaltung Pionierarbeit leisten und zeigen, wie modernes Fernsehen heute aussehen kann. Von der Community gesteuert. Das ist der Kern des Ganzen. Erst kürzlich erhielten sie den Deutschen Webvideopreis.
Rocket Beans TV produziert sowohl aufgezeichnete Unterhaltungsformate, wie auch Liveformate, die sie auf der Streaming-Plattform „Twitch“ senden. 24 Stunden am Tag ist der Sender online. Im Anschluss landen alle Inhalte als Video-on-Demand auf YouTube, sodass die Formate auch nachträglich geschaut werden können. Fast alle Livesendungen leben von den Kommentaren und Ideen der Rezipienten. Auch über die Liveformate hinaus werden die Zuschauer interaktiv über verschiedene Social-Media-Plattformen eingebunden. Zum Programm gehören vor allem Spieleformate, in denen verschiedene Arten von Videospielen gespielt und vorgestellt werden. Die Macher sehen Rocket Beans TV aber nicht als Spielesender. Nicht nur. Es geht auch um Fußball, um aktuelle Themen, auch Bücher werden bei Rocket Beans TV besprochen.
Seit über zehn Monaten sind die Bohnen, wie sie sich selber nennen, jetzt auf Sendung. Durchschnittlich hat der Sender im Abendprogramm 19 000 Live-Zuschauer. In der Spitze sind es bis zu 50 000 Zuschauer. Am Tag kommt Rocket Beans TV auf insgesamt 120 000 Unique Visitors (also Besucher), bei einer Verweildauer auf der Seite von durchschnittlich 120 Minuten. Die durchschnittlichen Videoaufrufe bei YouTube pro Monat liegen bei 7,9 Millionen. Auf Twitch folgen den Bohnen bereits 209 064 Menschen. Bei YouTube sind es 338 171 Abonnenten. Es sind vor allem Männer zwischen 25 und 34 Jahren, die live zuschauen.
Auch das ist Rocket Beans TV. Es ist halb elf Uhr am Morgen. Moderator Nils Bomhoff sitzt live im Studio und erzählt. Über Halloween, darüber, mit wem er gerne mal reden würde, über Cola, über die letzte Party. Er erzählt einfach. Die Themen bekommt er von der Community. Sie schreiben ihm im Internet ihre Vorschläge und der Moderator greift sie auf.
Die Sendung heißt „#MoinMoin“ und ist das tägliche Morgenmagazin. Es ist aktuell, spontan und völlig ohne Grenzen. „In der Sendung gehe ich interaktiv mit dem Publikum durch den Tag und rede über aktuelle Themen und der Verlauf der Sendung entwickelt sich gerne spontan und dynamisch“, so Bomhoff. Nils Bomhoff ist ein Kumpeltyp, so wie er da sitzt und erzählt, ganz entspannt, wie in seinem Wohnzimmer. Er ist einer von uns, denken sich die Zuschauer. Bei Rocket Beans TV moderiert er seit Sendestart mehrere Formate.
Bomhoff ist einer der fünf Gründungsmitglieder von Rocket Beans TV. Dazu gehören noch die Moderatoren Daniel Budiman, Etienne Gardé und Simon Krätschmer, sowie Geschäftsführer Arno Heinisch. Sie alle kommen aus der Fernsehbranche, haben teilweise gemeinsame Spielershows umgesetzt. Als ihr gemeinsames Format „Game One“ abgesetzt wurde, ergriffen sie die Chance und starteten mit ihrem eigenen Sender durch. Schon die abgesetzte Sendung wurde von ihrem Produktionsunternehmen „Rocket Beans Entertainment“ produziert, mit dem sie 2011 auch den Grimme Online Award gewannen. Für die MTV-Mutter Viacom war es die mit Abstand erfolgreichste Eigenproduktion. Dennoch war irgendwann Schluss. Doch die Rocket Beans sollte es weiter geben.
Voll Null auf Hundert. Von einem auf den anderen Tag gingen sie mit ihrem 24-Stunden-Kanal auf Sendung. „Im Rückblick ist es für uns gut gelaufen, damals war es aber ein großes Risiko für uns“, sagt Nils Bomhoff. Doch die Community unterstützte sie, spendete, packte mit an. Auch das ist einmalig. Mit wenig Budget und teilweise holprigen Voraussetzungen sendeten sie am 15. Januar erstmals – und von da an immer. Das ist jetzt zehn Monate her. Seitdem ist vieles professioneller geworden, aus einem Hauptstudio und einem Raum im Keller sind mittlerweile vier sendertaugliche Räume geworden. Sowieso, es wirkt, als wolle die Fernsehcrew die ganze kleine Straße im süßen Hamburg-Eimsbüttel aufkaufen. Stück für Stück breiten sie sich auf die nächsten Häuser aus. Aus 25 Mitarbeitern wurden 40. „Wir sind organisch aus uns herausgewachsen“, erklärt Arno Heinisch. Auch das sei ein großer Vorteil gegenüber anderen Sendern. 20 Jahre ist der Hamburger mittlerweile in der Medienbranche tätig. Nun hat er bei Rocket Beans TV den Überblick. Er ist der Einzige, der nie vor der Kamera ist. „Ich habe als Geschäftsführer mehr als genug andere Baustellen zu bearbeiten und es zieht mich auch einfach nicht vor die Kamera.“
Die fünf Gründer kennen sich aus in der Branche und wissen, was dort manchmal schief läuft. Gemeinsam wollen sie den Sender kontinuierlich besser machen. „Unser Anspruch ist es, uns von Tag zu Tag weiter zu verbessern und zu professionalisieren“, sagt Heinisch. Viele Ansätze sind neu, ehrlicher, und nah am Zuschauer dran. „Unser Sender ist absichtlich anders. Wir sind innovativ, hochgradig interaktiv und neu, und wir wagen alles. Aber unsere To-do-Liste ist endlos lang und wir haben noch viel Arbeit vor uns.“
Derzeit planen die Bohnen eine interaktive Quizshow. Die Idee: Es können 15 000 Zuschauer in Echtzeit mitspielen. „Bei uns sind die Wege recht kurz, wenn jemand aus der Redaktion eine Idee hat, dann sind wir gerne bereit es auszuprobieren“, so Nils Bomhoff. „Wir sind in einer Luxussituation. Wir haben unsere eigene Marke, keiner redet uns rein.“ Die Rechte an allen Formaten liegen komplett bei Rocket Beans Entertainment. Aus diesem Grunde sind die Möglichkeiten für Werbung und Kooperationen umfangreich, von Product-Placement zu Sponsoring oder Platzierung von Content. „Wichtig ist, dass wir unsere Zuschauer nicht für blöd verkaufen“, erklärt Heinisch. „Immer wieder sind YouTuber in der Kritik, weil sie ihre Werbung nicht kennzeichnen“, so Nils Bomhoff. „Wir machen daraus kein Geheimnis, wir erklären es ganz einfach.“ Die Gründer haben die Erfahrung gemacht, dass die Zuschauer den transparenten Umgang mit Sponsoren und Werbung nicht nur tolerieren, sondern sich mit ihrem Sender sogar freuen. Mehr Budget für mehr Inhalt. Ein großer Teil des Anfangskapitals kam von den Zuschauern selber, die über verschiedene Plattformen gespendet haben. Auch das ist einmalig.
Da überrascht es irgendwie nicht, dass die Jungs gar nicht so scharf darauf sind, dass Rocket Beans TV nicht mehr nur online zu sehen ist. „Unseren Zuschauern ist es egal, ob es sich um TV oder einen Internet-Stream handelt. Es geht darum, wie und wo sie das Bewegtbild sehen können und das geht heute eben auf diversen Geräten, dem SmartTV, dem Tablet, dem Handy, unabhängig davon, ob es „echtes TV“ oder eben ein Internetstream ist“, so Arno Heinisch.
Die Zuschauer schauen einfach zu. Bei allem. Ob die Moderatoren Eis essen, über Halloween quatschen oder Computerspiele spielen. Sie wollen Rocket Beans TV uneingeschränkt gucken, wann immer sie wollen, wo sie wollen, wie sie wollen. Und wenn ihnen etwas nicht passt, dann wird es geändert.