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Montblanc: Der Preis spielt überhaupt keine Rolle

Mit Hilfe einer Lupe wird der Füllfederhalter noch einmal ausgiebig inspiziert. Montblanc

Mit Hilfe einer Lupe wird der Füllfederhalter noch einmal ausgiebig inspiziert. Montblanc

Die Hände sind wohlverpackt in grauen Samt-Handschuhen. Alles andere wäre fatal. Sabine Bach hat den Füllfederhalter auf ihre linke Handinnenfläche drapiert, mit der rechten Hand streicht sie sanft über die Diamanten. In ihren ruhigen Bewegungen stecken Respekt und Hochachtung. Vorsichtig legt sie das Modell zurück in sein Kästchen. Es ist ganz leise in den edlen Räumen des Artisan Ateliers: zu Besuch beim Edel-Fabrikanten Montblanc in Hamburg – da wo alles anfing.

Montag, 15.04.2013, 19:55 Uhr

Die Goldschmiedemeisterin Sabine Bach betrachtet das Objekt, das nun wieder wohlbehütet in seinem Kästchen weilt. Es ist der Prototyp für eine Serie von gerade mal drei Füllfederhaltern. Die Beijing Opera Mask Limited Edition. Preis pro Exemplar: 120 000 Euro. Das gesamte Gehäuse, die Kappe und die Feder wurden aus 18 Karat Gelbgold gefertigt. Die Edition ist eine Hommage an die berühmte Oper in Peking. Auf der Kappe ergeben schwarze Saphire, Diamanten und Rubine das Bild einer Maske. Über Tage wurden 2000 Edelsteine am Mikroskop in filigraner Handarbeit zusammengesetzt. Insgesamt dauerte es rund 18 Monate, den Prototypen plus drei Exemplare für den asiatischen Markt herzustellen.

Im Artisan Atelier von Montblanc erfüllen 60 speziell ausgebildete Handwerker alle Wünsche ihrer Kunden. Sie sind Meister ihres Fachs. Seit gut 16 Jahren fertigen sie streng limitierte Editionen an oder lassen Unikate nach den Wünschen ihrer wohlhabenden Auftraggeber bauen. Zweitgenanntes erfährt bei Montblanc größte Diskretion. Der einzige bekannte Kunde ist Mario Barth, der sich einen Füllfederhalter mit dem Olympiastadion in Berlin und einem Mikro verzieren ließ. Während die eigentliche Produktionszeit für einen solchen Stift nur etwa ein bis vier Monate beträgt, kann der Design-Prozess bis zu zwei Jahren dauern. Auch die Werkzeuge werden individuell gefertigt. Die Designer arbeiten mit für Schreibwerzeug ungewöhnlichen Materialien, zum Beispiel mit Holz, Mammut oder Porzellan. „Wir merken, dass viele unserer Kunden etwas Individuelles haben wollen“, so Sabine Bach, stellvertretende Leiterin des Ateliers. Der Preis spielt oftmals keine Rolle. Los geht es ab 250 000 Euro. Über eine installierte Videokamera über einem Schreibtisch kann der Kunde die Herstellung seines Unikats von zu Hause aus verfolgen.

Die streng limitierten Serien sind absolut nicht massenkompatibel – allein schon wegen ihres Wertes. Die Preise reichen von 10 000 bis 200 000 Euro und höher, je nach Auflage. Die Menge wird ganz bewusst gewählt. „Wir haben magische Zahlen“, erklärt Sabine Bach. Eine Edition mit der Sagreda Familia wurde auf 125 Stück limitiert, weil die berühmte Kathedrale von Antoni Gaudi 125 Jahre im Bau war, die Auflage einer Serie zum Valentinstag wurde auf 14 Stück begrenzt. Die Editionen werden meist Verstorbenen oder Künstlern gewidmet. Charlie Chaplin bekam eine, genau wie John Lennon, Prinz Rainer III, Mahatma Gandhi oder Gustav Eiffel.

Seit über 100 Jahren ist der Name Montblanc Synonym für vollendete Schreibkultur. Montblanc wurde 1906 in Hamburg von drei Geschäftsleuten gegründet und kontinuierlich ausgebaut. Heute steht Montblanc weltweit für exquisite, handgefertigte Schreibgeräte, Schmuck und Uhren und das in über 70 Ländern. Merkmal: der weiße Stern, inspiriert durch den schneebedeckten Gipfel des höchsten Bergs Europas, des Mont Blanc. Das Unternehmen ist stolz auf seine Geschichte. Überall in den Fluren hängen große Persönlichkeiten der Welt, die von Montblanc überzeugt sind. Es sind viele.

Seit 1924 der bekannteste Füllfederhalter der Welt erstmals hergestellt wurde, blieben in der Hamburger Montblanc Manufaktur bis heute viele der über hundert einzelnen Schritte nahezu unverändert. Die meisten Arbeitsabläufe werden von Hand ausgeführt – von den aufwendigen Gravuren der 18-Karat-Goldfeder über das Polieren aller Oberflächen bis hin zum Testen des fertigen Schreibgerätes. Besonderes Augenmerk liegt bei Montblanc auf der Fertigung der Feder. Alleine 35 Schritte braucht es bis zur fertigen Goldfeder.

Wer den großen Produktionsraum der Federfertigung betritt, dem fällt sofort auf: Hier arbeiten viele Frauen. Nur Frauen. „Das geht auf eine alte Tradition zurück. Füher wurde die Arbeit in der Federfertigung auch Hausfrauen-Schicht genannt“, so Stefan Friedrich, stellvertretender Leiter der Abteilung. Die ausgebildeten Mitarbeiterinnen machen aus 14 Karat Goldbändern Ein-Gramm-Federn, das Herzstück eines Montblanc-Füllers. Jeder Vorgang wird von einem anderen Mitarbeiter ausgeführt. 50 an der Zahl arbeiten hier.

Ausstanzen, Prägen, Pressen, Schneiden, Polieren, Schleifen – alles passiert hier in Handarbeit. Bis zu drei Minuten brauchen die Damen alleine beim Facettenschliff. Immer wieder drehen sie die Feder an der Rolle, bis sie den richtigen Schliff hat. Im letzten Schritt wird gemalt. Der Schreibraum ist mit einer Tür vom restlichen Produktionsablauf abgetrennt. Hier muss es ruhig sein, erklärt Stefan Friedrich. Denn die Frauen müssen es hören können, wenn eine Feder beim Schreiben kratzt. Vorsichtig zeichnen zwei Frauen Kreise, Striche und Linien auf ein weißes Papier. Wie im Artisan Artelier ist hier wieder diese gewisse Stimmung zu spüren: Respekt und Hochachtung vor einem Füllfederhalter.

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