Neu Wulmstorf: Frust hinter der Rathaus-Fassade
Hinter den Kulissen des Neu Wulmstorfer Rathauses gärt es. Der Verwaltung laufen viele Mitarbeiter weg. Die Gründe sind vielfältig. Foto Michaelis
Die Gemeinde tut sich zunehmend schwer, ihr Personal im eigenen Hause zu halten. Frust über mangelnde Aufstiegschancen und die Bezahlung sorgen für eine hohe Fluktuation in der Verwaltung. Große Nachbarn wie Hamburg oder Stade werben die Mitarbeiter ab.
Gemeinhin gilt Neu Wulmstorfs Verwaltung als eine der modernsten im Landkreis Harburg. Beim Thema papierloses Rathaus, digitale Verwaltung und beim Einsatz Neuer Medien ist die Gemeinde weit vorn und Vorbild für andere Kommunen. Beim Personal allerdings läuft es derzeit weniger rund im Rathaus. Schon der regelmäßige Blick ins Internetportal der Gemeinde zeigt: Die Verwaltung sucht ständig Mitarbeiter, die ihr offenbar immer öfter abhanden kommen.
Auch der Ratspolitik ist das Problem bekannt und wird, wie bei Personalangelegenheiten üblich, nicht öffentlich diskutiert. Unter der Hand aber berichten auch Rathausmitarbeiter von Frust und schlechter Stimmung, die vor allem auf der Ebene der Sachbearbeiter herrsche. Verschärft hat sich die Lage demnach Anfang vergangenen Jahres. Um eine Führungskraft, die ihren Weggang angekündigt hatte, zum Bleiben zu bewegen, gewährte die Gemeinde ihr erstmals eine sogenannte Haltungspauschale – ein an die Person gebundener Aufschlag aufs Gehalt, der so lange gezahlt wird, wie der Mitarbeiter im Hause bleibt.
Das zog im Rathaus Kreise: Jemand kündigte an, weggehen zu wollen, und schon bekam er die Haltungspauschale, berichtet ein Insider. Aber eben nicht für jeden. Auf der unteren Ebene wurden die Ansinnen meist abgelehnt – mit der Folge, dass sich so mancher in seiner Arbeit nicht mehr gewürdigt fühlte. Zwölf Mitarbeiter haben allein 2017 das Neu Wulmstorfer Rathaus verlassen, bestätigt Neu Wulmstorfs Bürgermeister Wolf Rosenzweig auf Nachfrage. Allerdings nicht alle aus Frust. Vier haben sich auf andere Stellen beworben, drei haben die Probezeit nicht überstanden, drei sind in Rente gegangen, einer hat sich selbstständig gemacht und einer ist in seine alte Heimat zurückgezogen, erklärt Rosenzweig die vergleichsweise hohe Zahl. So hat die Gemeinde beim Personal im Jahr 2017 465 000 Euro gespart – nicht nur, aber auch durch die vielen Weggänge, die nicht sofort nachbesetzt werden konnten.
Die Unabhängige Wählergemeinschaft UWG will dieser Entwicklung nicht tatenlos zusehen. Nachdem UWG-Fraktionschef Jan Lüdemann jüngst auch noch einen schriftlichen „Hilfeschrei“ aus der unteren Verwaltungsebene bekommen hat mit der Bitte, sich zu kümmern, um die Situation für die verbleibenden Mitarbeiter zu verbessern, sei er schwer besorgt, so Lüdemann. Die UWG habe der Haltungspauschale von Anfang an nicht zugestimmt, sagt Lüdemann. „Es ist genau das eingetreten, was wir befürchtet haben. So etwas ist nicht gerecht und gibt böses Blut.“
Der Bürgermeister indes sieht andere Gründe als Hauptursache der hohen Fluktuation. Es seien zwei Dinge, die da zusammenkommen, erklärt der Rathauschef gegenüber dem TAGEBLATT. Zum einen biete eine kleine Verwaltung wie die Neu Wulmstorfer mit ihren rund 80 Mitarbeitern keine Aufstiegsmöglichkeiten, es gebe ohnehin nur noch ganz wenig Verwaltungsfachkräfte, und die größeren Städte wie Stade oder Hamburg schrieben höherwertige Stellen aus, zahlten mehr bei gleicher Qualifikation und lockten die Mitarbeiter damit von den kleineren Kommunen weg, weiß Rosenzweig. „Die Kommunen werben sich gegenseitig die Leute ab, und wir finden keinen Nachwuchs mehr.“
Mittlerweile stelle Neu Wulmstorf schon Bürokaufleute ein, die dann hausintern für die Verwaltungsarbeit weiterqualifiziert werden. Und im Moment habe die Gemeinde leider auch keine Möglichkeit, gute Leistungen der Mitarbeiter zu belohnen, stellt der Rathauschef fest. Die Haltungspauschale habe die Gemeinde schon wieder abgeschafft, „das machen wir nicht mehr, das ist ungerecht“, räumt Rosenzweig ein.
Zwar gibt es im Öffentlichen Dienst das Instrument der sogenannten Leistungsorientierten Bezahlung, kurz LOB. Dabei wird, ähnlich wie in der Freien Wirtschaft üblich, mit den Mitarbeitern eine Zielvereinbarung geschlossen. Wird das Ziel erreicht, gibt es eine Prämie.
Über die Einführung der LOB diskutiere die Verwaltung bereits seit geraumer Zeit, aber noch gebe es keine Einigung mit dem Personalrat, weiß der Bürgermeister. „Das Instrument liegt hier, aber wir können es leider nicht nutzen.“