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Neue Regeln: Abseits, Anstoß und härtere Strafen

Vor der Fußballsaison hat der DFB Regeländerungen vorgenommen. Offiziell heißt es, dass die Spielregeln einfacher und verständlicher gemacht wurden. Regelauslegungen führten in der jungen Saison aber schon im Landkreis Stade für Verwirrung und Verärgerung.

Von Jan Bröhan Donnerstag, 08.09.2016, 20:32 Uhr

Das TAGEBLATT hat zusammen mit Stephan Wetzel, Vorsitzender Kreisschiedsrichterausschuss und Schiedsrichter-Beobachter, die wichtigsten Änderungen unter die Lupe genommen.

Bezirksliga-Aufsteiger TSV Eintracht Immenbeck kann schon ein Lied anstimmen von den Neuregelungen. Gleich in den ersten beiden Saisonspielen hat die Eintracht zwei Elfmeter bekommen, beide Male fälschlicherweise. Gegen den FC Land Wursten verlor der TSV mit 1:3, also war das Elfmetertor ohne Folgen. Gegen den MTV Bokel gewann der TSV nach 0:2-Rückstand noch mit 3:2. Der Verlierer erhob Einspruch, dieser wurde vom Bezirkssportgericht trotz falscher Regelauslegung des Schiedsrichters zurückgewiesen. Begründung: Es war der 1:2-Anschlusstreffer und somit weniger relevant, weil es kein siegbringendes Tor war. Hätte die Fehlentscheidung zum Ausgleich oder Siegtreffer geführt, wäre das Spiel neu angesetzt worden. In beiden Fällen hatte der Schiedsrichter auf Elfmeter für Immenbeck entschieden, weil sich ein Gegenspieler im Strafraum verbal gegenüber dem Schiedsrichter beschwert hatte. „Diese Regel wurde aber nie geändert“, sagt Stephan Wetzel, in solchen Fällen hat der Schiedsrichter wie eh und je schlicht die Möglichkeit, dem Motzer eine Gelbe Karte zu zeigen und auf indirekten Freistoß zu entscheiden. „In diesen beiden Fällen haben die Schiedsrichter wohl die Neuauslegung der Regel 12 überinterpretiert“, vermutet Wetzel. Für die Schiedsrichter, gerade in den unteren Ligen, seien die neuen Regeln mit den vielen feinen Definitionen „schon ziemlich haarig“, so Wetzel. Er wisse auch schon von Fällen, in denen Schiedsrichter sich bei Fehlentscheidungen und anschließenden Protesten mit den neuen Regeln einfach rausgeredet hätten.

„90 Prozent der Änderungen kommen im täglichen Gebrauch aber kaum vor“, sagt Wetzel. Die wichtigsten Neuregelungen sind folgende:

Die erwähnte Regel 12 – Fouls und unsportliches Betragen: Diese Regel hat vier Unterpunkte. Einer beschäftigt sich mit „körperlichen Vergehen“ gegen Spieler, Mitspieler, Auswechselspieler, Teamoffizielle und Spieloffizielle. Hier vermutet Wetzel die „Überinterpretationen“ in den beiden Immenbeck-Spielen. Die Betonung liegt auf „körperlich“.

„Sehr interessant“, so Wetzel, sei der Unterpunkt „Verhindern einer offensichtlichen Torchance im Strafraum“. Es gibt nicht mehr zwangsläufig die oft kritisierte Dreifach-Bestrafung: dass der Übeltäter mit Rot vom Platz fliegt. Begründung: Durch den Strafstoß wird die Torchance wieder hergestellt. Zu beachten gilt aber: Der Verteidiger muss klar erkennbar versucht haben, den Ball zu spielen. Zieht oder stößt er, nimmt er die Hand oder nimmt ein grobes Foulspiel vor, um das Tor zu verhindern, sieht der Spieler weiterhin Rot.

Regel 11 – Abseits: Ab sofort können nur noch Körperteile Abseits herstellen oder aufheben, mit denen auch reguläre Tore erzielt werden dürfen. So weit, so gut. Etwas komplizierter wird es beim Unterpunkt „Ort der Freistoß-Ausführung“. Wetzel gibt ein Beispiel: Wenn der Stürmer aus einer Abseitsposition aus der gegnerischen Hälfte die Mittellinie überquert, um einen Pass eines Mitspielers anzunehmen, gibt es einen Freistoß für den Gegner in der eigenen Spielhälfte des Stürmers, der aus der Abseitsposition kam.

Regel 5 – Schiedsrichter: Hier gibt es vier Unterpunkte. Die beiden wichtigsten sind laut Wetzel, die „Entscheidungsgewalt des Schiedsrichters“ und die „Zeitspanne Disziplinarmaßnahmen“. Dieser Regeln sollte sich jeder Spieler bewusst sein. „Neu ist, dass ich schon bei der Platzabname, also schon beim ersten Betreten des Spielfelds, Entscheidungsgewalt habe“, sagt Wetzel und gibt ein lebhaftes Beispiel: Er, Wetzel, kommt auf eine Sportanlage und schreitet als erstes mit seinen Assistenten über das Spielfeld, einer der sich warmmachenden Fußballer sieht ihn und sagt deutlich verständlich: „Ach du scheiße, der dumme Wetzel schon wieder“ – dann darf er, der Schiri Wetzel, diesen Spieler schon lange vorm Anpfiff bestrafen.

Regel 4 – Ausrüstung der Spieler: Neu ist, dass ein Fußballer einen verlorenen Bolzer erst bei der nächsten Spielunterbrechung wieder anziehen muss – nicht mehr sofort. „Wenn also der technisch versierte Mittelfeldspieler X im Zweikampf an der Mittellinie seinen Schuh verliert, aber am Ball bleibt, könnte er theoretisch noch ein Solo hinlegen und ohne Schuh ein Tor erzielen“, sagt Wetzel. Erst dann ist das Spiel unterbrochen und der Torschütze darf sich nach dem Jubel wieder voll präparieren.

Regel 3 – Spieler: Hier gibt es „gravierende Änderungen“ unter dem Unterpunkt „Vergehen von Auswechselspielern und Teamoffiziellen“. Zuerst, so Wetzel, müsse man wissen, dass dies nun alle betrifft, die auf dem Spielbericht gelistet sind – also auch einen Physiotherapeuten beispielsweise. Und wenn irgendein Teamoffizieller ins Spielgeschehen eingreift, gibt es direkten Freistoß oder Strafstoß. „Wenn also ein Auswechselspieler, der sich hinter dem eigenen Tor warmmacht, einen Schuss des Gegners im Strafraum stoppt – so nach dem Motto: der wär’ ja eh vorbeigegangen – kann der Schiri auf Elfmeter entscheiden“, erklärt Wetzel.

Andersherum kann der Schiri auf Vorteil und Tor entscheiden, wenn der Ball nach der Berührung des Auswechselspielers ins eigene Tor kullert – wenn kein Spieler des eigenen, verteidigenden Teams behindert wurde.

Regel 8 – Beginn und Fortsetzung des Spiels: Eine entscheidende neue Regel und dazu so leicht ersichtlich für jeden Fan, findet Wetzel. Und weil es auch einfach geht, hier der DFB-Wortlaut zum Anstoß: Der Ball muss sich eindeutig bewegen, um im Spiel zu sein, und darf in jede Richtung gespielt werden.

Im Topspiel der Fußball-Bezirksliga zwischen dem VfL Güldenstern Stade und dem FC Land Wursten am vergangenen Spieltag (Foto) gab es auch eine kuriose Szene zu beobachten, in der das Schiedsrichtergespann im Mittelpunkt stand. Und sogleich war bei so manchem Zuschauer zu hören: Das sind die neuen Regeln... Aber nein, keine neue Regeln, nur eine etwas wirre Schiedsrichter-Hin-und-Her-Entscheidung.
Was war also geschehen? Schiedsrichter Sören Kubica hatte sich während der zweiten Halbzeit unglücklich verletzt und tauschte kurz vor Spielende daraufhin seinen Platz mit einem seiner Assistenten, weil er nicht mehr über den ganzen Platz laufen konnte. Der Assistent, jetzt leitender Schiedsrichter, entschied dann kurz darauf auf Tor für den FC Land Wursten. Stades Torhüter Patrick Bartsch konnte beim Hochspringen im Fünf-Meter-Raum den Ball nicht fangen und der an seiner Seite mit hoch gesprungene FC-Stürmer Faruk Arslan drosch den freien Ball ins Tor. Die Stader protestierten heftig, wurde ihr Torhüter doch in seinem Allerheiligsten behindert. Schiedsrichter Sören Kubica, jetzt Assistent und auf Höhe der Szene, beorderte seinen Assistenten, jetzt Schiri, zu sich. Daraufhin wurde das Tor wieder aberkannt und auf Freistoß für Bartsch entschieden.
Weil im allgemeinen Bewusstsein der Fußball-Bevölkerung die „Legende“, wie Wetzel diese Annahme nennt, verankert ist, dass der Torhüter im Fünf-Meter-Raum Narrenfreiheit genießt, vermuteten einige Stader Zuschauer auch gleich eine neue Regel hinter dem gegebenen Tor. Fakt ist aber: Wenn der FC-Stürmer nur neben Bartsch hochspringt, ohne ihn ernsthaft am Fangen zu stören, hätte das Tor gegeben werden müssen. (jan)

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