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Neuenfelder Pella Sietas-Werft erobert die Arktis

Unterwegs im Arktischen Ozean: Die „Baupläne“ für einen eisgängigen Schlepper, ein eisbrechendes Hochsee-Rettungsschiff und einen eisgängigen Tonnenleger (von links) liegen bei der Pella Sietas-Werft in Neuenfelde bereits in den Schubladen.

Unterwegs im Arktischen Ozean: Die „Baupläne“ für einen eisgängigen Schlepper, ein eisbrechendes Hochsee-Rettungsschiff und einen eisgängigen Tonnenleger (von links) liegen bei der Pella Sietas-Werft in Neuenfelde bereits in den Schubladen.

Die Pella Sietas-Werft könnten vom Klimawandel profitieren: Das Eis in der Arktis schmilzt, die Nordost- und die Nordwestpassage könnten sich in der Zukunft zu wichtigen Schifffahrtsrouten entwickeln. Und die Neuenfelder bauen die dafür nötigen Schiffe.

Von Björn Vasel Montag, 23.10.2017, 07:00 Uhr

Der Arktische Ozean ist aufgrund von Wetter und Eis ein sehr anspruchsvolles Revier und erfordert arktis-taugliche Spezialschiffe zur Sicherung der kommerziellen Seefahrt. Bei diesem Geschäft wollen die Neufelder ganz vorn mitmischen. Deshalb bringen die Ingenieure der Pella Sietas-Werft in Neuenfelde ihr Wissen mittlerweile bei drei internationalen Forschungsprojekten ein, berichtete die Pella Sietas-Direktorin Natallia Dean beim Nautischen Verein Niederelbe in Stade. Mit Partnern wie der Technischen Universität (TUHH) in Hamburg-Harburg und der Norwegian University of Science and Technology (NTNU) in Trondheim werden weitere Grundlagen für den Bau von eisgehenden Schiffen und Offshore-Technik in Polargebieten gelegt.

Pella Sietas-Direktorin Natallia Dean vor einem weiteren Block für ein Kreuzfahrtschiff der Meyer Werft.

Damit nicht genug: Die Schiffbauer auf der bereits im Jahr 1635 gegründeten und Anfang 2014 von Pella Shipyard aus St. Petersburg (Russland) geretteten Werft bringen ihr Know-how auch bei der Entwicklung eines Brennstoffzellen-Antriebs für ein Flusskreuzfahrtschiff ein, sagt Dean. Mit an Bord sind unter anderem die Meyer und die Neptun Werft, Viking River Cruise und Hadag. „Die drei Forschungsprojekte sind eine Investition in unsere Zukunft“, sagt Dean. Bei Eisgängigkeit und Schiffsantrieb mit Brennstoffzellen „werden wir zu den Ersten gehören“.

Ein erstes Schiff für das Nordmeer könnte sofort auf Kiel gelegt werden. Das zuständige Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle habe bereits den Bau einer Lifting and Mooring Vessel (Tonnenleger) für den russischen Markt genehmigt. Das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle („Bafa“) muss aufgrund der EU-Sanktionen gegen Russland infolge der Ukraine-Krise unter anderem den Export von Spezialschiffen genehmigen. Der Auftrag fehle noch. Das 108 Meter lange Schiff kann mehr Aufgaben als ein klassischer Tonnenleger erfüllen, es verfügt unter anderem über einen Hubschrauberlandeplatz und ein Lazarett. Mehrzweckschiffe wie dieses legen die Tonnen an einer Schifffahrtsroute aus, sie übernehmen aber nicht nur Verkehrssicherungsaufgaben sowie Aufsichts- und Kontrollfahrten, sondern auch Material- und Personentransporte oder kommen anderen Schiffen bei Havarien zur Hilfe. Mit dem Tonnenleger hätten die Schiffbauer aus Neuenfelder bei der Sicherung der Nordostroute – gegenüber der heute üblichen Strecke durch den Suezkanal spart die Passage beispielsweise auf der Fahrt von Japan nach Rotterdam rund 3400 Seemeilen oder zehn Tage – die Nase vorne. Weitere Spezialschiffe für den Rohstoffsektor könnten folgen.

Wenn die Dicke und Fläche des Eises in der Arktis weiter schwinden, werde die Nordostpassage als kürzeste Schiffsroute nach Ostasien zur Standardroute. „Und unsere Schiffe sichern den Schiffsverkehr“, sagt Dean.

Ansicht des Saugbaggers , den Pella Sietas ab 2018 für die Wasser- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes baut.

Auf der Werft geht es weiter bergauf: Ende 2018/Anfang 2019 sollen auf der Werft rund 280 Mitarbeiter beschäftigt sein. Dean und ihr Team suchen Schiffbauer, Schweißer und Elektriker für die Fertigung. Der Bau des Laderaumsaugbaggers beginnt Anfang nächsten Jahres mit der Kiellegung, im Frühjahr 2019 soll der Neubau an die Wasser- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes ausgeliefert werden. Bei einer EU-weiten Ausschreibung hatten die Neuenfelder Ende 2016 den Zuschlag bekommen.

Der Bagger – deutlich größer als die beiden 2010/2012 für Möbius (heute Strabag) gebauten Schiffe vom Typ 180a – wird 132 Meter lang und 23 Meter breit sein, die Geschwindigkeit wird bei 13 Knoten liegen. Der Tiefgang beträgt 6,80 Meter. Beim Baggern wird das Schiff allerdings lediglich mit zwei Knoten unterwegs sein. 95 Millionen Euro wird der Neubau laut Bund kosten. Angetrieben wird der Bagger diesel-elektrisch, das ist umweltfreundlicher als etwa Schweröl und erlaubt den küstennahen Einsatz auf der Elbe. Mit dem Saugrüssel kann der Bagger den Sand und Schlick aus einer Tiefe von zehn bis 25 Metern wie ein riesiger Unterwasserstaubsauger in seinen Bauch saugen. Dean hofft auf Anschlussanträge für das „technische Wunderwerk“. Doch auch kleinere Bagger für nur 30 Millionen Euro habe Pella Sietas dank der Kooperation mit Komatsu nun im Angebot. Ein Riesen-Nassbagger wird auf einen mit Anker- und Verfahrpfählen ausgerüsteten Ponton montiert. Aqua-Digger können auch in sehr flachen Gewässern und bei hartem Sediment zum Einsatz kommen.

Blick in eine der Produktionshallen bei Pella Sietas.

Um die Fertigung auf der Werft auszulasten, hat die Geschäftsführerin seit 2014 weitere Aufträge auch im Anlagenanbau an Land gezogen: So hat die Werft im Sommer den ersten von vier Frischwassererzeugern für Kreuzfahrtschiffe für das finnische Unternehmen Wärtsilä abgeliefert.

Mindestens bis 2020 werden auch noch Blöcke für Kreuzfahrtschiffe der Meyer Werft an der Este gebaut – einige bis zu 1100 Tonnen schwer. Die Neuenfelder hoffen derzeit auf den Auftrag für eine Fähre, angetrieben mit LNG. Gespräche liefen. „Nassbaggerei und kleine Passagierschiffe, das sind sehr gute Marktnischen“, sagt Dean und verweist auf das Know-how bei Hafenfähren und RoRo-Schiffen durch den Bau von Fähren für die Wyker Dampfschiffs-Reederei und die Hadag.

Blick in eine der Produktionshallen bei Pella Sietas.

Rund 60 Ingenieure arbeiten in Neuenfelde, so Dean. Pella Sietas sei mittlerweile die einzige Werft in Hamburg, die „alle schiffbaulichen Leistungen – von der Entwicklung bis zum Bau – aus einer Hand anbietet“. Die Zahl der Mitarbeiter werde langfristig die 300 nicht überschreiten – auch, um die Beschäftigung zu sichern.

Neuenfelder Pella Sietas-Werft erobert die Arktis

Blick in eine der Produktionshallen bei Pella Sietas.

Blick in eine der Produktionshallen bei Pella Sietas.

Blick in eine der Produktionshallen bei Pella Sietas.

Blick in eine der Produktionshallen bei Pella Sietas.

Ansicht des Saugbaggers , den Pella Sietas ab 2018 für die Wasser- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes baut.

Ansicht des Saugbaggers , den Pella Sietas ab 2018 für die Wasser- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes baut.

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