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Oberschule Jork: Eine ganz andere Schullandschaft

Tim Barvels gehört zum ersten Jahrgang, der die Oberschule mit gymnasialem Zweig am Schulzentrum Jork abgeschlossen hat.

Tim Barvels gehört zum ersten Jahrgang, der die Oberschule mit gymnasialem Zweig am Schulzentrum Jork abgeschlossen hat.

Der erste Jahrgang hat die vor sechs Jahren eingeführte Oberschule mit gymnasialem Zweig in Jork abgeschlossen. Im Gespräch berichten Schüler, Lehrer und Eltern, wie sich die Auswahl möglicher Bildungswege und das Lernen in Jork durch diese neue Schulform verändert haben.

Von Anping Richter Mittwoch, 14.03.2018, 14:13 Uhr

Bis vor sechs Jahren hatten Jorker Schüler bei der Auswahl der weiterführenden Schule genau drei Schul-Optionen: Hauptschule, Realschule oder Gymnasium. Dann wurden zeitgleich die IGS in Buxtehude und die Oberschule mit gymnasialem Zweig in Jork eingerichtet – und plötzlich gab es viele verschiedene Möglichkeiten. Schüler und Eltern standen vor der Qual der Wahl.

Tim Barvels, der die zehnte Klasse des gymnasialen Zweigs der Oberschule in Jork letzten Sommer abgeschlossen hat und nun die elfte Klasse des Halepaghen-Gymnasiums in Buxtehude besucht, erinnert sich, wie es bei ihm vor sechs Jahren ablief: „Meine Eltern und ich haben das gemeinsam besprochen“, berichtet er. Die Oberschule mit gymnasialem Zweig, für die sie sich letztlich entscheiden, war damals brandneu am Schulzentrum Jork.

In Jork waren Realschule und Hauptschule schon in den 90er Jahren zusammengelegt worden. Doch die Schülerzahlen an den Hauptschulen sanken in ganz Niedersachsen stetig, und Jork bildete da keine Ausnahme, im Gegenteil: Eine Elterninitiative forderte damals mit Nachdruck die Einrichtung einer IGS (Integrierten Gesamtschule) am Schulzentrum Jork. Zur IGS-Gründung kam es schließlich aber nur im benachbarten Buxtehude. Zeitgleich führte das Land Niedersachsen die Oberschule als neue Regelschulform ein, Jork entschied sich für eine mit gymnasialem Zweig. Nach der zehnten Klasse können Schüler nahtlos auf die gymnasiale Oberstufe wechseln.

Tim Barvels und seine Eltern überzeugte dieses Konzept: Mathe, Englisch und Deutsch wurden in der fünften Klasse auf drei Niveaus angeboten. Er belegte in allen diesen Fächern „Z-Kurse“, wobei ‚Z’ für „Zusatzniveau“ steht, außerdem Französisch. Die drei Hauptfächer werden in Kursen auf drei verschiedenen Niveaus angeboten, Französisch auf zwei Niveaus. Von der achten Klasse an konnte Tim, weil er die Leistungsvorgaben dafür erfüllte, eine Gymnasialklasse besuchen. Bisher haben die Schülerzahlen für den gymnasialen Zweig immer ausgereicht. „Allerdings bewegen wir uns bei den Gymnasialschülern meist an der Untergrenze, die bei 16 liegt“, berichtet Schulleiterin Vera Bochdalofsky. Ähnlich sei es beim Hauptschulzweig. Insgesamt habe das allerdings Vorteile, denn in der Regel können dadurch recht kleine Klassen gebildet werden.

Mitschülern aus dem Realschulzweig bleibt die Gymnasialklasse nicht verschlossen, Hauptschülern nicht der Realschulunterricht: Wer in einem Fach besonders stark ist, kann in diesem am Unterricht der anderen Schulform teilnehmen, was dann auch im Zeugnis vermerkt wird. Auch der Unterricht in Musik und Kunst, der zum gymnasialen Curriculum gehört, ist für Schüler mit besonderem Interesse geöffnet.

Gymnasiallehrer gibt es am Schulzentrum Jork übrigens mehr, als für den gymnasialen Zweig notwendig wären. Alle Lehrer arbeiten aber in jeder Schulform, nicht nur in einer, und zwar aus Überzeugung. „Auch unsere Gymnasialkollegen arbeiten mit Hauptschülern und Inklusions-Kindern“, berichtet Alexander Eßer. Die Schulform habe eine enge Zusammenarbeit des Kollegiums bewirkt. Dadurch entstehe in den Klassenstufen ein wirkliches Jahrgangsgefühl – nicht nur bei den Schülern, sondern auch unter den Lehrern.

Als die Oberschule mit gymnasialem Zweig eingeführt werden sollte, war der Praxisbezug in der Konzeptionsphase ein ganz wichtiges Thema. Das Schulzentrum war schon immer sehr auf rechtzeitige Berufsorientierung ausgerichtet. Nun wurde diskutiert, wie das in Zukunft weitergehen sollte. „Wir haben uns dafür entschieden, den Schwerpunkt Berufsorientierung beizubehalten, denn wer nicht bis zum Abi weitermacht, braucht das, allen anderen tut es aber auch gut“, erläutert die Lehrerin Antje Pleßmann.

Aus der Sicht von Schulleiterin Vera Bochdalofsky bietet die Berufsorientierung mit zwei Praktika während der Mittelstufe den Vorteil, dass Zehntklässler der Oberschule Jork ihren weiteren Werdegang viel bewusster angehen können: „Sie sind wesentlich zielorientierter, weil sie sich schon intensiv damit beschäftigt haben, wie sie ihr Berufsleben eines Tages gestalten möchten.“

Von den Absolventen des ersten Jahrgangs seien zwei auf die Oberstufe der Halepaghenschule gegangen. Mehrere andere hätten sich „gezielt und mit fundierten Begründungen“ für ein Fachgymnasium entschieden. Ein anderer Schüler, der die Schule bis zum Abitur hätte weitermachen können, habe sich für eine Ausbildung entschieden. „Anders als am Gymnasium werden unsere Schüler nicht einfach ins nächste Schuljahr gespült, sie müssen sich bewusst entscheiden“, ergänzt Antje Pleßmann. Symbolisch sei es auch nicht unwichtig, dass alle am Ende der zehnten Klasse ein Zeugnis in die Hand bekommen und ihren Abschluss mit einem Ball feiern.

In Klasse fünf beginnt die Oberschule in Jork mit drei Klassen, mit zunehmender Differenzierung des Unterrichts werden es dann später sechs Parallelklassen für drei Schulformen. Trotzdem wird auch viel klassenübergreifend gearbeitet, auch Klassenfahrten werden mit mehreren Klassen zusammen unternommen. „Das fördert das soziale Lernen“, sagt die Schulleiterin. Zudem profitierten auch die Gymnasialschüler davon, dass es an der Schule spezialisierte Hauswirtschafts- und Techniklehrer gebe.

Der Lehrplan des gymnasialen Zweigs unterscheidet sich nicht von dem des Gymnasiums. Allerdings sei die Oberschule in Jork mit ihren fast 400 Schülern besser ausgestattet als die meisten Gymnasien im Umkreis, weiß Vera Bochdalofsky: „Die Gemeinde Jork als Schulträger hat unsere Oberschule sehr im Fokus, das ist in der Ausstattung und Pflege deutlich merkbar.“ So gebe es in allen Räumen Smartboards und gut bestückte Computerräume mit stets hervorragend gewarteter IT.

„Für mich ist die Oberschule mit gymnasialem Zweig ein Erfolgsmodell für Jork“, sagt Carolin von Rönn. Sie ist Elternvertreterin, hat bereits eine Tochter an der Schule und hat vor, ihre jüngere Tochter, die jetzt die vierte Grundschulklasse besucht, ebenfalls hier anzumelden. Damals hatte Carolin von Rönn zu den Eltern in Jork gehört, die sich für eine IGS-Gründung stark machten. Jetzt ist sie von dem Konzept der Oberschule überzeugt. Vor allem der Schwerpunkt Berufsorientierung gefällt ihr: „Es ist schön, zu sehen, wie sehr die Schüler durch die Praktika reifen.“

Ihre ältere Tochter sei eine Kann-Kandidatin für das Gymnasium gewesen. „Wir hatten aber das Gefühl, dass sie hier mehr Zeit haben würde, sich entspannt in ihrem eigenen Tempo zu entwickeln.“ Das habe gut geklappt. Ihre Tochter gehe ihren Weg in Ruhe und werde aus ihrer Sicht auch gut für den späteren Besuch einer gymnasialen Oberstufe vorbereitet. Bei der jüngeren Tochter will Carolin von Rönn deshalb „Wiederholungstäterin aus Überzeugung“ werden.

Für Tim Barvels, der die Oberschulzeit jetzt hinter sich hat, war der Wechsel zur gymnasialen Oberstufe schon eine große Umstellung: „Hier in Jork essen Schüler und Lehrer in der Pause zusammen ihr Brötchen und quatschen, an der Halepaghen-Schule ist das nicht so vertraut.“ Er kannte keine Lehrer und habe zuerst nicht gewusst, welche Kurse er belegen und wählen sollte. „Ich habe mich dann aber von Leuten an der Schule, die ich kannte, beraten lassen“, berichtet Tim Barvels. Die Zeit drängte, denn er gehört noch zum G-8-Jahrgang und muss mit zwei Oberstufenjahren auskommen. Der nächste Jahrgang wird wieder G 9 sein, also neun Jahre bis zum Abitur zur Verfügung haben.

Die Lehrer in Jork haben beobachtet, dass jetzt, wo die Grundschulen in Niedersachsen keine Schullaufbahnempfehlung mehr geben, noch mehr Eltern ihre Kinder auf das Gymnasium schicken. Das liege möglicherweise auch daran, dass viele Eltern das Gymnasium schon aus Gründen der Tradition mehr im Kopf haben. An der Oberschule mit gymnasialem Zweig, sagt Alexander Eßer, könnten auch Schüler, die nach der vierten Klasse nicht klare Kandidaten fürs Gymnasium sind, sich noch in Ruhe weiterentwickeln. So habe eine Schülerin, die mit einem nicht so guten Zeugnis in Klasse fünf anfing, sich inzwischen berappelt. Jetzt gehe sie gern zur Schule und habe die Möglichkeit, in der achten Klassenstufe die Gymnasialklasse zu besuchen.

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