Oliver Holtermann: Als Milchbauer aufs Huhn gekommen
aus Harsefeld ist einer von deutschlandweit acht Landwirten , die mit einer Legehennenhaltung der höchsten Tierschutzbund-Stufe starten. Für ihn ist es ein Schritt zurück zu der Form der Landwirtschaft, mit der sich der 40
Bauernhof-Idylle mag jeder, weiß Oliver Holtermann. Doch die ist in der Landwirtschaft schwer zu halten. Deshalb steigt der 40-Jährige jetzt um: Von der Milch auf Legehennen – mit dem Siegel des Deutschen Tierschutzbundes und für mehr Tierwohl.
Neubau, Neuanfang und neue Tiere: Es ist kein kleiner Schritt, den Oliver Holtermann wagt. Er geht ihn ganz bewusst jetzt, weil er sich einmal gesagt hat, „mit 40 Jahren will ich spätestens wissen, wo es hingeht“, sagt er. Die Richtung, in die die Landwirtschaft mit der Milchkuhhaltung geht, gefällt ihm nicht. „Kein Landwirt möchte 500 Kühe halten“, ist sich Holtermann sicher. Es seien wirtschaftliche Zwänge, die dazu geführt hätten, dass alles immer größer und industrieller wird, wo eigentlich das Tierwohl an erster Stelle stehen soll.
Der durchschnittliche Jahres-Milchertrag einer Kuh hat sich seit 1980 quasi verdoppelt. Der Einnahmeseite stehen erheblich höhere Ausgaben gegenüber, rechnet Holtermann vor. „Auch die Kosten für den Stallbau pro Platz sind doppelt so hoch“, sagt der Landwirtschaftsmeister. Das liege unter anderem daran, dass viel mehr Technik eingebaut wird – auch eine Auswirkung der heute großen Tierzahlen. Wenn so hohe Investitionskosten getilgt werden müssten, wachse der Gewinn nicht mit.
Holtermann hat seinen 2004 ausgebauten Kuhstall inzwischen verpachtet. Behalten hat er die Biogasanlage, die seit 2011 auf dem Hof steht. Das neue Stallgebäude für Legehennen am Horster Weg in Harsefeld soll am 20. Oktober feierlich eingeweiht werden. Von 10 bis 16 Uhr wird es ein buntes Programm geben, zu dem alle Interessierten eingeladen sind. Verstecken will Holtermann nichts. Auch später, wenn die Tiere eingezogen sind, wird es durch eine extra eingebaute Fensterfront im oberen Bereich des Stalls die Gelegenheit geben, zu jeder Tageszeit unangemeldet vorbeizukommen und ins Innere zu blicken. Schulklassen und Gruppen bis 50 Personen seien ebenfalls willkommen, so Holtermann. Auf den acht Hektar großen Freilaufflächen ist der Drahtzaun auch für Passanten problemlos zu durchblicken.
In der Ausbildung hatte der Harsefelder Landwirt schon einmal Kontakt zur Hühnerhaltung. Vieles aber hat er sich jetzt neu angelesen, Lehrgänge besucht, unter anderem vom Deutschen Tierschutzbund. Die ersten Kontakte waren nicht ganz ohne Vorurteile: „Ich dachte, da sitzen alle in selbst gestrickten Wollpullis“, gesteht Holtermann lachend. Aber Landwirt und Tierschützer haben eine gemeinsame Basis gefunden, die anders bisher nicht erreicht werden konnte. „Die Politik hat es bis heute nicht geschafft, gesetzlich geregelte Verbesserungen für die Tiere zu schaffen, geschweige denn eine solide Tierschutzkennzeichnung zu etablieren. Initiativen der Branche, wie die Initiative Tierwohl, sind aus Tierschutzsicht gescheitert“, erklärt Thomas Schröder, Präsident des Deutschen Tierschutzbundes, die Gründe für die Einführung eines eigenen Siegels. Der Tierschutz gehe den Weg mit dem eigenen Siegel weiter, „um jetzt und sofort die Situation der Tiere zu verbessern und ein spürbares Mehr an Tierschutz zu realisieren“.
Grundpfeiler des Programms sind Tierschutzstandards wie etwa ein deutlich erhöhtes Platzangebot, geeignete Beschäftigungsmaterialien in ausreichenden Mengen, Strukturierung der Haltungsumgebung und im Premiumstandard „Kontakt zu Außenklima“, also Freilauf unter freiem Himmel und in nicht beheizten Wintergärten. Die Einhaltung der Standards wird in unangekündigten Kontrollen durch unabhängige Zertifizierungsgesellschaften viermal im Jahr überprüft. Dazu kommt die Selbstverpflichtung des Landwirts, jeden Tag eine Anzahl von Tieren nach festgelegten Fragebögen zu untersuchen und den Gesundheitsstatus zu bewerten. Die ausgefüllten Bögen müssen eingeschickt werden. Oliver Holtermann sieht in dieser bürokratischen Zusatzarbeit durchaus Positives: „Es ist gut, wenn man nicht nur in seinem eigenen Saft schwimmt, sondern dazu angehalten wird, die Audits ernst zu nehmen“, sagt er.
Ein Blick in den zertifizierten Stall , in den Anfang November Hühner einziehen sollen. Noch sind die Fenster im Dach verhängt.
„Premium Eier für Harsefeld“ ist der Werbespruch, mit dem sich Holtermann an seine zukünftigen Kunden wendet. Zertifizierte Eier mit Futter ohne Gentechnik, 50 Prozent kleinere Herdengröße gegenüber Freilandhaltung, eine größere effektive Auslauffläche und weniger Keimbelastung sowie mehr Lebensqualität sind für ihn wichtige Argumente. Aber es geht für den Landwirt, der seit 17 Jahren einen eigenen Hof betreibt, noch um eine andere Sache: den Preis und die regionale Vermarktung. „Ich möchte endlich einmal die Rechnung schreiben“, sagt er und erklärt danach, was er mit der Aussage meint. Mit der Lieferpflicht, die jeder Landwirt bei einer Molkerei eingehen muss, steht nicht fest, was es für den angelieferten Liter Milch für Geld gibt. Der Auszahlungspreis wird meist erst nach der Lieferung festgesetzt und orientiert sich an Referenzpreisen und Marktinformationssystemen. „Der Landwirt bekommt, was die Molkerei über hat, du bist das letzte Glied in der Kette. Dabei müsste der Produzent doch selbst der Preisbestimmer sein“, sagt Holtermann. Er jedenfalls freut sich darauf, wenn er über die erste vom Kunden bezahlte Rechnung „sofortige Anerkennung“ erfährt.
12 000 Legehennen werden auf dem Hof Holtermann am Horster Weg einziehen. Das ist keine kleine Tierzahl. Sie werden in Gruppen untergebracht. Auch die Eier rollen am Fließband aus der Halle. Statt Idylle gibt es Tierschutz: Die Premiumhaltung aus Tiersicht beginnt mit dem Verbot von Schnabelkupieren, geht über Picksteine, große Fenster im Dach und Sandbäder zum Gang in den Wintergarten und zu den riesigen Toren. Dahinter ist die Freilandfläche. Die im Internet für jeden einsehbaren Richtlinien für die Vergabe des Siegels zeigen die Unterschiede zu anderen Haltungsformen.
„Für mich ist es eines der größten Bedürfnisse, nicht zu industrialisieren“, sagt Oliver Holtermann. Davon leben können muss seine Familie mit zwei Kindern schon. Dabei helfen soll auch ein anderer Gedanke für Wirtschaftlichkeit. Die Kosten für den Neubau des Legehennenstalls und des eingezäunten Außengeländes liegen deutlich unter denen, die ein Ausbau um 300 Kühe in der Milchviehhaltung bedeutet hätte.
HARSEFELD/BONN. Der Deutsche Tierschutzbund zieht für das erste Halbjahr 2018 ein positives Fazit für das Tierschutzlabel „Für mehr Tierschutz“ und blickt optimistisch bis zum Jahresende: Mehr als 240 landwirtschaftliche Betriebe, eine wachsende Zahl an Vertriebspartnern und 30 Markenlizenznehmer belegten den Wachstumstrend für das zweistufige Label und sorgten dafür, dass immer mehr Tiere von besseren Haltungsbedingungen profitieren.
Mit seinem Tierschutzlabel kennzeichnet der Deutsche Tierschutzbund nicht nur Eier. Insbesondere zufrieden ist der Verband auch mit dem Tierschutzlabel in der Premiumstufe für Mastschweine. Auch das Label für Milchkühe sei erfolgreich angelaufen.
Mehr als die Hälfte der landwirtschaftlichen Betriebe sind für die Premiumstufe des Tierschutzlabels zertifiziert. Das heißt, dass den Tieren in diesen Betrieben ein Auslauf ins Freie dauerhaft zur Verfügung steht. Aber auch die Tiere in der Einstiegsstufe haben mehr Platz und mehr Beschäftigungsmaterial.
Das Tierschutzlabel „Für mehr Tierschutz“ des Deutschen Tierschutzbundes ist seit fünf Jahren auf dem Markt. Die ersten Grundlagen in der Entwicklung des Labels wurden an der Universität Göttingen in der Initiativgruppe „Tierwohl-Label“ erarbeitet. Mit der Übernahme der Trägerschaft für das Label durch den Deutschen Tierschutzbund 2011 nahm auch der Labelbeirat – bestehend unter anderem aus Vertretern der Wissenschaft, der Landwirtschaft, der Vermarkter und des Handels – seine begleitende Tätigkeit auf. Die Erarbeitung der Standardsetzung erfolgt in Facharbeitsgruppen. Das Tierschutzlabel wird auch mit Forschungsprojekten und Studien in seiner Entwicklung begleitet.
Anlässlich des „Welt-Ei-Tages“, in diesem Jahr am kommenden Freitag, 12. Oktober, macht der Deutsche Tierschutzbund regelmäßig darauf aufmerksam, dass nach wie vor viele Legehennen in Käfigen gehalten werden. Die Haltungsform ist ab 2025 verboten. Diese Eier werden hauptsächlich in Produkten mit Ei verarbeitet, eine Kennzeichnung nach Haltungsform ist hier nicht verpflichtend.
Eine große Zahl an Verbrauchern wisse nicht, dass viele Hennen auch nach der Abschaffung der konventionellen Legebatterien nach wie vor in sogenannten Kleingruppenkäfigen lebten, in denen sie nur geringfügig mehr Platz haben, erklärt Thomas Schröder, Präsident des Deutschen Tierschutzbundes, in einer Mitteilung an die Presse.
Die Kleingruppenkäfige seien zwar mit einer Sitzstange sowie je einem Bereich zur Eiablage und zum Scharren ausgestattet, würden den Verhaltensansprüchen der Hennen aber in keiner Weise gerecht. „Dabei haben die Verbraucher schon klar gezeigt, dass Eier aus Käfighaltung gekennzeichnet mit der Ziffer 3 nicht gewünscht sind: In den Supermärkten sind sie als frische Schaleneier nicht mehr zu finden“, so Schröder. Der Großteil der Käfigeier komme heute in Nudeln, Backmischungen, Kuchen oder anderen Fertigprodukten zum Einsatz.
Am Sonnabend, 20. Oktober, von 10 bis 16 Uhr, findet ein Fest zum Start des Angebots „Premium Eier aus Harsefeld“ auf dem Hof Holtermann, Horster Weg 1a, statt. Es gibt ein buntes Programm für Kinder und eine kleine Landmaschinenausstellung. Für das leibliche Wohl ist gesorgt.
<p><em>Ein Blick in den zertifizierten Stall , in den Anfang November Hühner einziehen sollen. Noch sind die Fenster im Dach verhängt.</em></p>