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Ein Aussteiger aus der rechten Szene berichtet

Oliver Riek: „Hass ist extrem anstrengend“

15 Jahre lang war der Hamburger Oliver Riek „ein strammer Nationalist“. Vor vier Jahren entschloss er sich, aus der rechten Szene auszusteigen. Fotos: Leuschner

15 Jahre lang war der Hamburger Oliver Riek „ein strammer Nationalist“. Vor vier Jahren entschloss er sich, aus der rechten Szene auszusteigen. Fotos: Leuschner

Oliver Riek war 15 Jahre lang „ein strammer Nationalist“. Seit 2017 arbeitet er mit Kurswechsel zusammen, einem Verein, der Neonazis beim Ausstieg hilft. 2018 holte der Filmemacher Emanuel Rotstein den 38-Jährigen vor die Kamera. Ausgerechnet ein Jude.

Samstag, 01.06.2019, 12:00 Uhr

Von Heike Leuschner

Oliver Riek wartet am vereinbarten Treffpunkt in der Hamburger City. Seine dunklen Haare sind sorgfältig gescheitelt, er trägt eine Jeans und einen warmen Anorak an diesem trübkalten Frühlingstag. Seine Augen wirken offen, freundlich, sein Händedruck fest. Als er Minuten später in einem Restaurant an der Binnenalster eine chinesisch-stämmige Kollegin herzlich umarmt, fällt es schwer, zu glauben, was er kurz danach offenbart.

„,Schindlers Liste‘ war für uns ein Unterhaltungsfilm. Für jeden Juden, der im Film getötet wurde, gab es einen Schnaps.“ Bei ihm habe die dramatische Geschichte nichts ausgelöst. „Ich dachte, das trifft die Richtigen.“ Rückblickend sei die Filmerfahrung, die in seine zweijährige Zeit bei einer Hamburger Burschenschaft fällt, eine der extremsten für ihn gewesen.

Riek hält kurz inne, dann fängt er an, sein jüngeres Ich zu sezieren. „Vom Typ her bin ich immer der Eigenbrötler gewesen, der gerne lieber alleine war als in zu großer Gesellschaft.“ Aufgewachsen ist er in Finkenwerder, mit einer sozialdemokratischen Mutter und einer sechs Jahre älteren Schwester. Seinen Vater kannte er „nur dem Namen nach“.

Mit 15 begann er, sich Fragen zu stellen: Was ist Deutschland? Wer sind wir? Was bedeutet Schwarz-Rot-Gold? Antworten suchte er in Geschichtsbüchern und Zeitschriften. Eine besondere Faszination übte sein längst verstorbener Großvater auf ihn aus, ein Unteroffizier bei der Wehrmacht, der seinen Weg durch Europa in der Zeit des Zweiten Weltkriegs mit einem Fotoapparat dokumentiert und fein säuberlich in ein Album eingeklebt habe. „Mein Opa hat sich zu einer Integrationsfigur für mich entwickelt“, sinniert Riek. „Vielleicht auch wegen fehlender Vaterfigur.“

Mit 17 wollte Riek Bäcker werden. Während der Ausbildung freundete er sich mit einem älteren Konditor an. „Der hat mein Wissen erkannt und weiter in eine bestimmte Richtung gelenkt.“ Ein Bekannter des Arbeitskollegen habe ihm Zutritt zu einer vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestuften Burschenschaft verschafft. Die erste Begegnung fand auf dem Grundstück eines Mitglieds statt.

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„Die waren furchtbar nett, alle im Anzug, kultiviertes Auftreten, eloquent“, erinnert sich Riek, „nichts, was man sich unter einer rechten Vereinigung vorstellt.“ Der Junge aus einfachen Verhältnissen lernte Ärzte, Anwälte, Banker, Lehrer kennen und fühlte sich respektiert. „Was die gut können, ist, einen ganz sanft in eine bestimmte politische Richtung zu lenken.“ Noch am selben Abend wurde er aufgenommen. Fux heißt der Aspirantenstatus, der zwei Jahre währt. Holocaustleugnung stand auf dem Stundenplan und alles andere, womit Neonazis den Nationalsozialismus bagatellisieren, glorifizieren, verharmlosen. „Ich hab das in mir aufgenommen wie ein Schwamm.“

In dieser Zeit machte Riek einen extremen Satz nach rechts. Er verabscheute Ausländer und versuchte, Kollegen in der Berufsschule auf die rechte Seite zu ziehen. Mit Judenwitzen fing es an. Lachte einer, machte er weiter, leugnete offen den Holocaust: „Sechs Millionen Juden zu vernichten, so etwas ist schon aus logistischen Gründen gar nicht möglich.“ Einmal bekam er eine Ansichtskarte vom Konzentrationslager Theresienstadt in die Hände – mit Blumen vor einer Baracke. „So etwas kann doch kein Vernichtungslager sein“, habe er damals gesagt. Was er einst im Schulunterricht gelernt hatte, kritische Auseinandersetzungen mit der Nazi-Zeit – „das war alles Käse, vom Staat vorgegebenes Wissen, das vom internationalen Finanzjudentum und den Amerikanern gestreut wurde, um uns Deutsche klein zu halten“.

Mit seiner Burschenschaft reiste Riek zu geheimen Veteranentreffen. „Rein in den Bus, in die Pampa zu irgendeinem Gasthof. Da wurde dann ein SS-Mann eingeladen, der vom Krieg erzählt hat. Solche Leute haben wir gefeiert wie Popstars.“ Riek ließ sich Autogramme von ihnen geben. Zwei Jahre lang ordnete er sich der, wie er sagt, „fast sektenartigen, sehr streng-hierarchischen Struktur der Burschenschaft“ unter. Dann musste – und wollte – er zur Bundeswehr. Die Burschenschaft schloss ihn kurz darauf aus – „weil ich nicht mehr zu den Treffen kommen konnte. Ungehorsam wurde nicht geduldet“.

An seiner rechten Gesinnung änderte das nichts. Er wählte NPD. Mitglied wurde er nicht. Aus Angst um seinen Job als Restaurantfachmann in der Spitzenhotellerie. Äußerlich wollte er mit den Neonazis mit ihren Glatzen und Springerstiefeln nie etwas gemein haben: „Ich fand die NPD plump, unkreativ, intellektuell in keiner Weise mit anderen Parteien vergleichbar. Skinheads waren gut dafür, um auf der Straße Terz zu machen, und wenn sie Ausländer verprügelt hatten, fanden wir das als Burschenschaft auch toll. Wir selber hätten das aber nicht gemacht. Das ist das Credo von Burschenschaften, die wollen keine PR.“

Selbst sei er nie gewalttätig geworden oder ins Visier der Polizei geraten. Trotzdem sieht er sich als Täter: „Ich bin ja nicht in die rechte Szene eingestiegen, weil ich verführt wurde. Ich wollte das ja ganz bewusst.“ Statt zu prügeln, ignorierte Riek fremdländisch aussehende Menschen. Sie waren für ihn Abschaum. „Ich habe irgendwann so einen Blick entwickelt, wer ein Ausländer ist. Manchmal hab ich mich gefragt, wie viele sind das überhaupt. Passt das Verhältnis noch, oder müssen wir Deutsche etwas tun?“ Riek schweigt einen Moment. Dann schüttelt er den Kopf. „Hass“, sagt er heute, „Hass ist extrem anstrengend.“

Während seiner Bundeswehrzeit arbeitete Riek im Offizierskasino. Er entdeckte seine Liebe zur Gastronomie. Der Mittzwanziger begann eine Ausbildung – ausgerechnet in einem Hamburger Hotel, das sich der Inklusion und Integration verschrieben hat. Es sei schwer gewesen, seine Gesinnung vor den Kollegen zu verbergen. „Ich bin auch ein paar Mal angeeckt.“ Rückblickend betrachtet er diese Lehrzeit als Anfang vom Ausstieg. „Wenn man den Kontakt zur Szene nicht mehr hat, fängt man an, die Welt wieder so wahrzunehmen, wie sie wirklich ist.“

Ein langer und schmerzhafter Prozess: „Eigentlich wollte ich in meiner Welt weiterleben, und die Welt da draußen nur rudimentär zulassen.“ Klar, habe er auch Ausländer kennengelernt. Und sich sogar mit einigen angefreundet. „Aber die anderen fand ich weiter scheiße“, sagt Riek. „Ich bin nicht mein halbes Leben rechtsradikal, und dann macht es plötzlich Klick.“

Und dann erlebte er ihn doch – diesen einen, für ihn ausschlaggebenden Moment. Es war Weihnachten 2015, Riek stand mit seiner damaligen Freundin vor der Tür und rauchte. Da sei ein syrisches Mädchen aus der Nachbarschaft vorbeigekommen, habe dem Paar schöne Weihnachten gewünscht und Gebäck geschenkt. „Da hab ich tatsächlich gedacht: Jetzt ist Schluss, jetzt räum ich mein Leben auf.“

Seinen Weg aus der Radikalität habe er zunächst ganz allein bestritten. Er sei durch die Gegend geirrt, habe nachts in seinem Auto gesessen und nachgedacht: „Warum find ich Ausländer eigentlich scheiße?“ Der Hamburger spricht von einem „jahrelangen Konflikt mit sich selbst“.

2017 schrieb Riek einen Brief an die Hamburger Morgenpost. Die Zeitung druckte seine Ausstiegsgeschichte. Auch andere Medien wurden auf den Aussteiger aufmerksam. Der Hamburger Verein Kurswechsel, der ausstiegswillige Neonazis auf ihrem Weg berät und sich der Bildungsarbeit verschrieben hat, begleitet Riek seit zwei Jahren. Der Aussteiger unterstützt den Verein, indem er sich für Bildungsseminare zur Verfügung stellt. „Wir machen das nur im Seminarkontext“, erklärt Sozialpädagoge Johannes Kropp. Die Seminarteilnehmer, Studenten der Sozialpädagogik, würden auf die Konfrontation mit dem Ex-Nazi genauso vorbereitet wie Riek auf die Studierenden. „Wer Probleme mit Ollis Biografie hat, muss an solchen Seminarbausteinen nicht teilnehmen.“ Kropp selbst ist überzeugt davon, dass keiner Ein- und Ausstiegsfaktoren authentischer darstellen kann als ein Aussteiger selbst.

Mit dieser Fähigkeit hat Oliver Riek auch Emanuel Rotstein beeindruckt. Der jüdische Dokumentarfilmemacher aus München lernte den Hamburger für die Produktion des 45-Minüters „Total Control – Im Bann der Seelenfänger“ kennen. Rotstein hat für seine TV-Dokumentation unter anderem einen ehemaligen Sektenführer, zwei Ex-Dschihadisten, ein Stasi-Opfer – und Oliver Riek als Aussteiger aus der rechten Szene porträtiert.

Die Begegnung mit dem Hamburger beschreibt Rotstein als „unglaublich offen und freundschaftlich, von Anfang an auf Augenhöhe“. Den fast Gleichaltrigen für seinen früheren Judenhass zu meiden oder gar zu verachten, lag dem Filmemacher fern: „Wir haben zwei Möglichkeiten, wir können uns zurückziehen und in unserer Filterblase verweilen. Aber ich glaube, dass man dadurch nichts lernt.“ Rotstein will mit seinen Filmen das Gegenteil erreichen. Menschen eine Stimme geben, die andere Ansichten haben oder hatten. „Ich glaube, Menschen auszugrenzen, weil sie eine andere politische Haltung haben, ist falsch. So werden wir sie nie erreichen. Wir müssen mit ihnen sprechen.“

In Oliver Rieks Fall sei es ihm ein besonderes Anliegen gewesen, weil er den Weg zum größten Teil allein gegangen sei. „Für mich ist Oliver ein Paradebeispiel dafür, wie man von einer ganz extremen Gesinnung, in der man anderen Menschen das Existenzrecht abspricht, zu einem sehr offenen Menschen wird, der andere unterstützen möchte.“

Es sind Sätze wie diese, die Oliver Riek bestärken. „Ich bin durch damit; ich bin nicht mehr gefährdet“, ist der Vater eines kleinen Sohnes überzeugt. Nicht jeder glaubt ihm das. „Einmal hat jemand zu mir gesagt: ‚Egal, was du tust, du wirst immer ein Rechtsradikaler bleiben, genau wie ein Alkoholiker immer ein Alkoholiker bleibt‘.“ Der 38-Jährige hält dagegen: „Wer einmal blind gewesen ist, wird es nicht wieder werden.“

Rieks Augen sind wach. Nach den Jahren der einseitigen Sichtweise habe er sich vorgenommen, jedes Thema für sich zu betrachten und zu beurteilen. „Ich fühle mich dadurch frei.“ Und wenn er heute auf die rechte Szene schaut? „Man tut sich leichter, sich von denen mit Glatzen und Springerstiefeln zu distanzieren, die sind verroht. Viel gefährlicher sind diejenigen, die eher subtil agieren, intelligent auftreten. Alltagsrassismus zu bagatellisieren, das, was die AfD so salonfähig macht, das ist das eigentlich Gefährliche.“

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