Pastor knackt den Geheimcode
Gesamtkunstwerk: Die vier Bilder an der Empore der Arp-Schnitger-Orgel von 1685/1687 in der St. Martini et Nicolai-Kirche in Steinkirchen zeigen die biblischen Motive „Engel und Jakob“ und „David und Goliath“ (link Seite) sowie „Taufe Jesu“
Die Orgeln im Alten Land waren und sind lediglich als Gesamtkunstwerk zu verstehen: Pastor Olaf Prigge ist überzeugt, dass der berühmte Orgelbauer Arp Schnitger (1648 - 1719) Einfluss auf die Bilder an den Emporen genommen hat – nicht nur in der Kirche in Steinkirchen.
Kurzum: Die Orgeln und ihre Bilder zeugen vom Kampf um das „wahre Christentum“, die Orgelmusik diente im 17./18. Jahrhundert dem Lobpreis Gottes. Jetzt hat Pastor Prigge den geheimnisvollen Bild-Text-Code entschlüsselt.
{picture1s} Ganz bewusst seien im Barock die Orgeln auf die Westseite der Kirche(n) gesetzt worden – dem Altar gegenüber, vorher war ihr Platz an der Nordwand, sagte der Pastor bei seinem Vortrag über das Bildprogramm an der Orgelempore der St. Martini et Nicolai-Kirche in Steinkirchen. Kreiskantor Martin Böcker begleitete ihn bei seinem Vortrag an der Orgel und spielte Werke von Dieterich Buxtehude, Vincent Lübeck und Johann Jacob Froberger.
Mit ihrer himmlischen Engelsmusik durchfluteten sie die Kirche (und die Gläubigen). Die Orgel war, so der Pastor mit Verweis das im Jahr 1650 in Rom erschienene Buch „Musurgia universalis“ von Athanasius Kircher, ein Spiegelbild der Weltenorgel. Diese stand für das Schöpfungswerk Gottes. Kurzum: Gott selbst war in diesem Weltbild der Orgelbauer und der Organist, beim Spiel erklang die Harmonie der Schöpfung. Und damit war klar: Musik dient(e) dem Lobpreis Gottes. Damit stand die Orgel symbolisch für die vollkommene Ordnung, Abbild göttlicher Harmonie, was sich auch im Titelkupfer widerspiegelte.
Die Bedeutung der vier Bilder an der Empore in Steinkirchen sei ohne einen Blick in die theologischen Schriften jener Zeit nicht zu verstehen. Links ist zum Beispiel der biblische Kampf David gegen Goliath zu sehen. Dieser stehe für den Kampf um die wahre, lutherische Kirche und das wahre Christentum. Woher weiß Prigge das? Das Erbauungsbuch „Vom wahren Christentum“ von Johann Arndt war seinerzeit auch im Alten Land verbreitet. „Singet und spielet dem Herrn in eurem Herzen“, zitierte Arndt den Apostel Paulus. Und so steht der Auszug aus dem Epheserbrief auch auf der rechten Texttafel in der Steinkirchener Kirche. Das heißt: Theologische Propagandaparolen schmückten die Kirche.
„Jakob und Engel“ stehen für die ansichtige Erfahrung des Glaubens, vom Leiden bis zur Freude, durch die Musik. Die „Taufe Jesu“ steht symbolisch für die Stimme von oben. Die „Frau am Brunnen“ ist eine Kopie eines Werkes von Francesco Trevisani (1656 - 1746), hat Prigge herausgefunden. Der Italiener Trevisani war ein Maler des Spätbarocks. Kurzum: Die Kunst des Papstmalers war im Alten Land beliebt – in Form einer günstigen Kopie und „leider nicht so erotisch wie das Original“. Hier geht es darum, zum Glauben zu finden.
In den beiden Texttafeln in der Mitte werden die Kirchen- (links) und die Seelenmusik (rechts) in Bezug auf die Orgel hergeleitet. „Lobet Gott mit Saiten und Pfeifen. Lobet ihn mit hellen Cymbeln, lobet ihn mit wohlklingenden Cymbeln. Alles was Odem hat lobe den Herrn. Halleluja“, steht auf der rechten Tafel. Das ist eine Anspielung auf den 150. Psalm. Dort heißt es: „Lobet den Herrn in seinem Heiligtum, lobet ihn mit Psalter und Harfen, mit Pauken und Reigen, mit Seiten und Pfeifen, mit hellen Zimbeln.“ Das heißt: Das Orgelspiel in den Altländer Kirchen diente auch der Verinnerlichung des Glaubens. Es galt, mit der himmlischen Engelsmusik die Herzen anzuspielen. Der Verweis auf die Bibel war letztlich auch eine Rechtfertigung für den Kauf der neuen und sehr teuren Schnitger-Orgeln.
Prigge verwies auf den Streit unter Theologen jener Zeit. So hatte der Theologe Theophil Großgebauer 1661 seine Kampfschrift „Wächterstimme aus dem verwüsteten Zion“ veröffentlicht, laut der nur Gemeindegesang zulässig sei. „Weh denen, die des Morgens früh auf sind, dem Saufen nachzugehen und sitzen bis in die Nacht, dass sie der Wein erhitzt und haben Harfen, Zithern, Pauken, Pfeifen und Wein zu ihrem Wohlleben, aber sehen nicht auf das Werk des Herrn und schauen nicht auf das Werk seiner Hände“, zitierte Großgebauer aus Jesaja 5,11.
Doch andere lutherische Theologen, wie etwa der Otterndorfer Pastor Hector Mithobius mit „Psalmodia Christiana“ (1665) und Philipp Jacob Spener (1635 - 1705), ein Vertreter des Pietismus, hielten kraftvoll dagegen. Spener betonte, dass „die instrumental=music nicht eben verboten ist, sondern wo sie recht gebraucht wird, ist sie ein geheiligtes Instrument göttlichen lobes“.
Für Prigge ist klar, dass Aufbau der Orgel (Weltenorgel) sowie die in Bild und Text deutlich werdenden Glaubensgrundlagen an der Orgelempore nicht nur in Steinkirchen – auch, wenn diese hier erst 1691 erfolgt ist – einer tieferen Konzeption zugrunde liegen.
Orgelbauer Schnitger habe auch Einfluss auf die künstlerische Ausschmückung der Kirchen genommen, Bildmotive aus Steinkirchen finden sich auch in Jork und in Neuenfelde (Jesu Taufe und Frau am Brunnen). Prigge ist überzeugt: „Schnitger wollte ein Gesamtkunstwerk schaffen. Er wirkte mit allen Sinnen.“