„Persönliche Begegnungen finde ich spannender und schöner“
„Das muss was mit Liebe zu tun haben“: Der Schweizer Schauspieler Christian Kohlund ist in dritter Ehe schon seit mehr als 30 Jahren mit der ehemaligen Schlagersängerin Elke Best verheiratet. Foto: Georg Wendt/dpa
Während die Kollegen im Bergedorfer Theater Haus im Park mit den Proben beginnen, nimmt sich „Traumhotel“-Star Christian Kohlund Zeit für ein Interview. Der Schauspieler mit der unverwechselbaren Stimme Zeit erzählt aus seinem Leben und von frischen Projekten.
Christian Kohlund ist zu Gast im Bergedorfer Theater Haus im Park. Dort wird das Theaterstück „Die Netzwelt“ aufgeführt, bevor es am Mittwoch, 24. Januar, ab 20 Uhr auf der Buxtehuder Halepaghen-Bühne zu erleben ist. Wer Christian Kohlund in einer neuen Rolle sehen möchte, kann das schon Donnerstagabend: Ab 20.15 Uhr verstärkt er als neues Familienmitglied den Cast der ZDF-Serie „Der Bergdoktor“
TAGEBLATT: Herr Kohlund, in Ihrem aktuellen Theaterstück geht es um die „Netzwelt“ – eine technisch optimierte Version des heutigen Internets, in der die Kunden ihre geheimsten Wünsche wahr werden lassen können – bis hin zu Pädophilie und Mord. Und es geht um die Frage: Ist in der Fantasie alles erlaubt? Was hat Sie daran gereizt, die Rolle des „Netzwelt“-Chefs Sims zu spielen?
Kohlund: Das Stück behandelt ein Thema, das uns alle angeht. Vordergründig geht es zwar um Pädophilie und Mord, aber letztlich doch auch um das grundsätzliche Phänomen, dass eine ganze Gesellschaft – vor allem viele Jugendliche – abtaucht in eine virtuelle Welt. Man fragt sich, was die Menschen da suchen. Womit sie in der realen Welt nicht klarkommen. Das ist ein hochspannendes Thema in einem preisgekrönten Theaterstück, was zu unendlich viel Diskussionen Anlass gibt. Neben dem gesellschaftlichen Aspekt gibt es auch noch einen persönlichen: Das Publikum kennt mich ja eher von Rollen mit positivem Charakter. Aber ich bin Schauspieler, und es war und ist für mich interessant, unterschiedliche Rollen zu spielen. Die Figur Sims finde ich deshalb aufregend, weil sie trotz allem, was man an ihr verurteilen muss, ja immer noch ein Mensch ist.
Sie sagen, Sie sehen vor allem für Jugendliche Gefahren durch die virtuellen Möglichkeiten?
Auf jeden Fall. Mir fallen als abschreckendes Beispiel E-Sports-Veranstaltungen ein; da kämpfen zwei Mannschaften virtuell gegeneinander, und Zehntausende Kids schauen ihnen dabei zu. Diese E-Sports-Stars sind echte Superstars, die verdienen richtig viel Geld; das ist in meinen Augen eine völlig entartete Angelegenheit. Diesen Blick in die Zukunft finde ich absolut beängstigend. Denn so wie der Mensch gestrickt ist: Ich habe Angst, dass er sich verliert.
Um sich in der virtuellen Welt zu verlieren, braucht es ja auch gar keine Extra-Veranstaltungen. Das Smartphone hat Kinder und Jugendliche täglich im Griff.
Ja. Schrecklich. Viele sehen auch vieles nicht mehr, die Schönheit von Dingen um uns herum. Als ich den Zürich-Krimi gedreht habe (Mini-Serie der ARD; Anm. der Red.), haben wir auch Drehtage in Prag gehabt. Eine unglaublich tolle Stadt. Auf einmal kommen 300 Koreaner auf mich zu, alle mit Handy in der Hand. Die haben nicht nach links oder rechts geguckt, die wunderschönen Bauten nicht gesehen, sondern die ganze Zeit nur in das Gerät gestarrt. Oder in München am Fußgängerübergang, da sehe ich andauernd die hübschesten jungen Frauen, die nur mit ihrem Handy beschäftigt sind. Es ist ein Trauerspiel.
Heißt das auch, dass Sie in Ihrem alltäglichen Leben nur wenig Gebrauch von Computer und Smartphone machen?
Meine Generation erlebt ja den kompletten Übergang von der analogen zur digitalen Welt. Wir wissen, dass analog lange wunderbar funktioniert hat, gleichzeitig verschließen wir uns der neuen Welt nicht. Ich persönlich lasse mich von der Technologie nicht verführen, sondern ich benutze sie ganz bewusst, um meine Lebensqualität zu erhöhen. Diese Technologie ist ein Gewinn für mich, wenn ich etwas recherchieren muss oder kurzfristig etwas wissen will.
Glauben Sie, dass dieses intensive Eintauchen in eine virtuelle Welt Auswirkungen auf menschliche Beziehungen hat?
Ja, zum Beispiel diese ganze Unverbindlichkeit; mit dieser Haltung gehen viele junge Leute auch in ihre Beziehungen. „Ich parshippe jetzt“, den Spruch kennt man ja, und dass sich dort angeblich alle paar Sekunden jemand in jemand anderen verliebt. Das ist dann eine ganze Gesellschaft, die – davon kann man wohl ausgehen – sich von Anfang an anlügt. Die machen sich selber was vor.
Vermissen Sie die Zeit, als Menschen sich noch auf die klassische Art und Weise kennengelernt haben?
Ja. Ich bin wirklich nicht in der Vergangenheit verhaftet oder irgendwie stehengeblieben, trotzdem schaue ich manchmal mit ein bisschen Trauer zurück. Gerade, was das Kennenlernen betrifft. Wenn ich an die Schulzeit denke; wie ich mit dem Zug nach Zürich gefahren bin und ein tolles Mädchen gesehen und am nächsten Morgen geguckt habe, ob sie vielleicht wieder denselben Zug genommen hat – das war schön.
Im Film funktioniert das ja immer noch so.
Ja, im Kino funktioniert das immer noch. Zum Glück! Das wundert mich jedes Mal wahnsinnig – wenn die gleichen jungen Leute, die nicht von ihrem Handy wegzukriegen sind, sich für einen ganz klassischen Liebesfilm begeistern können…
Die Sehnsüchte scheinen dieselben geblieben zu sein. Aber die Verhaltensweisen haben sich geändert.
Ja, leider. Durch die „MeToo“-Debatte wird das alles noch verschärft werden. Männer, die eigentlich eine Frau freundlich ansprechen würden, werden sich das jetzt vielleicht zweimal überlegen. Ich finde selbstverständlich richtig, dass es diese Aktion gibt und übergriffigen Männern Einhalt geboten werden soll. Aber zwischenmenschlich geht auch ein Zauber verloren, denn das Kennenlernen ohne moderne Technologien war nun einmal aufregender, spannender – einfach schöner.
Horrorfilme, Gewaltvideos, Pornos – das Internet ist nicht zu kontrollieren. Wobei wir wieder bei der „Netzwelt“ wären.
Genau, und mir stellt sich darum auch die Frage: Warum ist es sogar möglich, zum Mond zu fliegen, aber nicht, das Internet schärfer zu regulieren? Denn da lauern enorme Gefahren für unsere Kinder. Und es ist nicht richtig, wenn der Staat die Verantwortung den Eltern zuschanzt: Die sind doch hilflos, was sollen sie denn machen? In dem Moment, wo du deinen Sohn oder deine Tochter zur Schule schickst, bricht eine Lawine von außen über das Kind herein.
Sie stammen aus einer echten Künstlerdynastie. Beide Eltern Schauspieler. Davor viele Kunstmaler. Gab es je eine andere Option für Sie, als Schauspieler zu werden?
Nein. Mich hat alles im Bereich des Theaters wahnsinnig interessiert. Und auch vom Naturell her passte es einfach.
Sie haben angefangen als klassischer Theaterschauspieler, haben am renommierten Max-Reinhardt-Seminar in Wien studiert. Wie kam es, dass Sie Mitte der 80er Jahre in der „Schwarzwaldklinik“ und ab 2004 zehn Jahre im „Traumhotel“ beheimatet waren?
Man muss das auseinanderhalten. Beim „Traumhotel“ weiß man von vornherein, dass es sich um reine Unterhaltung handelt, die ein großes Publikum gerne sieht. Dieses Publikum – zu dem übrigens sämtliche Gesellschaftsschichten gehören – will zur Entspannung einfach tolle Bilder sehen und Geschichten, die nicht belasten. Persönlich war die Zeit für mich eine Bereicherung, so außerordentliche Dinge in den schönsten Ländern der Welt erleben zu dürfen.
Sie waren beruflich auf Bali, in der Karibik, in Brasilien, an den herrlichsten Orten und Stränden der Welt. Wo macht man dann noch mit der Familie Urlaub?
Meine Frau und die Kids habe ich, so oft es ging, mitgenommen auf meine beruflichen Reisen.
In welchen Formaten sind Sie in diesem Jahr zu sehen?
Zunächst im „Zürich-Krimi“, der am 8. und 15. Februar in der ARD ausgestrahlt wird; da spiele ich einen alten desillusionierten Anwalt. Außerdem bin ich als neues Familienmitglied im „Bergdoktor“ dabei; die erste Folge wird am 18. Januar im ZDF ausgestrahlt.
Halten Sie sich fit?
Fitnessstudios sind gar nicht meins. Ich spiele gerne Golf, habe schon auf der ganzen Welt gespielt; ich kann es zwar nicht besonders gut, aber es entspannt mich immer sehr, diese drei, vier Stunden in der Natur. Außerdem bin ich oft und gern mit meinem Hund Eddy spazieren gegangen. Er ist leider vor ein paar Tagen gestorben, das schmerzt mich sehr. Da muss ich jetzt erst einmal trauern, nach unseren 13 gemeinsamen Jahren. Ich hatte Eddy immer dabei, bei jedem Dreh.
Sie sind schon lange verheiratet, mit der ehemaligen Schlagersängerin Elke Best, und nehmen Ihre Frau oft mit zu Dreharbeiten. Was ist das Geheimnis Ihrer Ehe?
Das muss was mit Liebe zu tun haben (lacht). Und mit einem grundsätzlichen Einverständnis zur anderen Person, und zwar auch in Phasen, wenn diese Person sich weiterentwickelt. Das ist ja oft ein Problem in Partnerschaften, dass das Verständnis fehlt, wenn einer sich verändert. Mit unseren zwei Kindern waren wir immer eine eingeschworene Gemeinschaft. Ich hätte gar nicht arbeiten können, wenn meine Frau nicht all die Jahrzehnte die Stellung im Privaten gehalten hätte. Und ich war nie der Typ Schauspieler, der seine Rollen zu Hause weitergespielt hat. Ich war nie abgehoben.
Dann darf man Sie sich also nicht vorstellen, wie Sie manchmal mit rotem Schal, dem obligatorischen Künstler-Accessoire, Rollen lernend durch die eigenen vier Wände gewandelt sind?
Doch! (lacht) Weil – das sah einfach unheimlich gut aus.
Seit langem ist Christian Kohlund, geboren 1960 in Basel, im leichten Genre beheimatet; er spielte in zahlreichen Fernsehfilmen und Unterhaltungsserien mit, unter anderem in der „Schwarzwaldklinik“ und im „Traumhotel“. Jetzt ist er in „Die Netzwelt“ zu sehen – ein packendes Stück über Technologie und menschliches Begehren im virtuellen Zeitalter. Es befasst sich mit Fragen wie: Wessen Gesetz gilt im Internet? Was hat Vorrang, das Recht auf Privatsphäre oder die Notwendigkeit der Überwachung? Wann wird aus der Kontrolle der intimsten Vorlieben Zensur? Karten für die Vorstellung auf der Buxtehuder Halepaghen-Bühne gibt es ab 15,50 Euro. Die Aufführung beginnt um 20 Uhr, eine Einführung mit der Chefdramaturgin Anja Del Caro ab 19 Uhr.