Postfiliale zieht ins frühere Möbelhaus Jähnichen
Eigentümer Hans-Joachim Jähnichen, Mitarbeiterin Sandra Ropers und Ortsbürgermeisterin Astrid Bade (SPD; rechts) geben in der neuen Postfiliale im Ex-Möbelhaus Jähnichen in Neukloster den ersten Brief auf. Foto Vasel
Hedendorf und Neukloster haben wieder eine Postfiliale – in einem Haus mit Geschichte. Am Dienstag hat Ortsbürgermeisterin Astrid Bade mit Hauseigentümer Hans-Joachim Jähnichen in dem früheren Möbelhaus Jähnichen den ersten Brief aufgegeben.
Seit Anfang Oktober mussten die Bürger nach Buxtehude oder Horneburg fahren.
Weil Hedendorf/Neukloster mehr als 2000 Einwohner hat, muss die Deutsche Post AG/DHL laut der Postuniversaldienstleistungsverordnung die Grundversorgung vorhalten. Im Herbst 2016 hatte Andreas Hofmann von der GHB ComputerWelt an der Kringelstraße/B 73 die Zusammenarbeit mit Post/DHL beendet. Bei ihm war der Staatskonzern untergekommen, nachdem die Poststation bei Elektro Bremer in der Moorstraße in Neukloster im Juli 2015 – nach fünf Jahren – geschlossen hatte; auch in der Tankstelle Völksen, beim Bäcker oder in dem ehemaligen Kiosk war die Post schon untergebracht.
Die Ortsbürgermeisterinnen Astrid Bade (SPD, Neukloster) und Birgit Butter (CDU, Hedendorf) hatten bei den konstituierenden Sitzungen der Ortsräte gefordert, dass die Post AG ihrer Pflicht zur Grundversorgung endlich wieder nachkommt. „Wir brauchen eine fußläufig erreichbare Postfiliale, viele Ältere haben kein Auto mehr, auch die Geschäftsleute müssen ihre Briefe und Pakete vor Ort loswerden können. Ich freue mich, dass es geklappt hat“, sagte Bade bei der offiziellen Eröffnung. Der Service ist auf ein Minimum beschränkt. Postbank-Dienstleistungen gibt es nicht. Die Kunden können lediglich Briefe, Einschreiben und (EU-) Pakete abgeben – und Brief- und Paketmarken kaufen.
Es ist ein Haus mit einer bewegten Geschichte und das letzte Relikt des pulsierenden Ausflugstourismus um 1900 in Neukloster. Hedendorf und Neukloster waren Luftkurorte. Die Gastronomie rund um den Neukloster Forst mit seinen Teichen – unter anderem mit den Lokalen „Zur Waldlust“ (Ex-Jähnichen) am Pfingstmarktplatz, „Seeburg“ und „Klosterkrug“ am Mühlenteich, dem großen Kurhotel „Paterborn“ am Mühlenbach, dem „Gasthaus zum Bahnhof“ (Ötting) sowie „Walhalla“ und „Zur Eiche“ in Hedendorf florierten.
Der Fremdenverkehr boomte. Im Lokal „Zur Waldlust“ (ab 1960 das „Möbelhaus Jähnichen“) feierten bis zu 1200 Personen, in dem 1886 errichteten Kurhotel „Paterborn“ bedienten die Kellner ihre Gäste sogar im Frack, während Militärkapellen aufspielten. Der Eisenbahnanschluss von 1881 hatte den Aufschwung erst ermöglicht, Extrazüge brachten sonntags bis zu 1200 Gäste aus Hamburg nach Neukloster.
Das heutige Gebäude war 1925/1926 vom Wirt der Gaststätte „Zur Waldlust“, Johann Dammann, als Ausflugslokal errichtet worden – als Ersatz für den Vorgängerbau. Der war am 28. Juli 1925 Opfer der Flammen geworden. Das Feuer war in der Küche ausgebrochen. Es griff auf das Lokal mit dem 1893 erbauten Tanzsalon und 13 reetgedeckte Häuser in der Bergstraße über.
Die Dammanns waren eigentlich Landwirte, ihre Hofstelle war 1806 an den Ortsrand verlegt worden; auf der Rückseite des Ausstellungstraktes mit den Schaufenstern sind noch Reste der Torbögen der Scheune zu erkennen. Bauzinsen von 12 bis 16 Prozent brachen ihnen das Genick, auch der neue Betreiber Carl Nicolaisen hielt nicht lange durch. Im Jahr 1932 schloss das Lokal. Die Nationalsozialisten übernahmen das Haus als Landjahrlager. Junge Männer aus dem Rheinland mussten auf Bauernhöfen der Umgebung ein Pflichtjahr ableisten. Im Zweiten Weltkrieg gab es einen Ausguck und eine Scheinwerferstation der Luftabwehr auf dem Dach. Nach dem Krieg zogen erst die Briten, später die Maschinenfabrik Hesse ein. 1960 eröffnete das „Möbelhaus Jähnichen“ seine Pforten, das Hauptgebäude wurde aufgestockt, der markante Wotan-Kopf an der Hauptfassade verschwand. 2008 wurde die Ausstellungsfläche verkleinert, neue Mieter zogen ein. Der Verkauf lief aus.
Der heutige Eigentümer und Bewohner, Hans-Joachim Jähnichen, will das ortsbildprägende Gebäude erhalten. Es ist nicht denkmalgeschützt. Wohnungen sind an die Stadt vermietet, ein Teil der Gewerbeflächen an die Jugendwerkstatt „Walze“ und ihren Verschenkmarkt sowie einen Handwerksbetrieb; außerdem ist die Fahrradwerkstatt der Flüchtlingshilfe hier untergekommen. 2014 war noch ein Verkauf im Gespräch. Ein chinesischer Gastronom und ein Wohnungsbauunternehmen hatten ihr Interesse bekundet. Letzteres wollte das Haus auf dem fast 3500 Quadratmeter großen Grundstück abreißen. Auf den Saal (244 Quadratmeter) hatte jüngst ein Bäcker – nach dem Auszug des Bridge-Clubs – ein Auge geworfen. Die Pläne zerschlugen sich aufgrund der Kosten. Jähnichen hofft, den Saal wieder vermieten zu können.
Ortsbürgermeisterin Bade hatte „Möbel Jähnichen“ als Standort für die Post ins Gespräch gebracht. Es gebe Parkplätze und sei fußläufig erreichbar. Die Post hofft weiter, dass sie ein örtliches Geschäft als Kooperationspartner findet. So lange muss der Staatskonzern mieten – und das Angebot mit eigenem Personal sichern.
Öffnungszeiten
Die Postfiliale an der Cuxhavener Straße 100 (B 73) im ehemaligen „Möbelhaus Jähnichen“ – auf Höhe des Pfingstmarktplatzes – ist montags bis sonnabends von 10.30 Uhr bis 12.30 Uhr geöffnet. Die Kunden können Briefe, Einschreiben und (EU-) Pakete sowie DHL-Pakete abgeben und Brief- und Paketmarken kaufen.
Die Ansichtskarte zeigt den Vorgängerbau um 1900 . Die Gaststätte „Zur Waldlust“ in Neukloster war ein Ausflugslokal direkt am Forst. Seit der Eröffnung der Eisenbahnlinie im Jahr 1881 brummte das Geschäft.
1923/1926 war das Lokal nach einem Großfeuer neu errichtet worden, im Jahr 1932 schloss die Gaststätte „Zur Waldlust“ für immer; dieses Foto zeigt das Landjahrlager um 1936. Möbel Jähnichen zog im Jahr 1960 ein.