Praxistag: Schüler arbeiten in regionalen Betrieben mit
Arbeiten Hand in Hand bei der Reparatur von Motoren: Schüler Leo Löhn (links) und Landmaschinenmechaniker Dennis Wiede. Fotos Beneke
In der Werkstatt der Motorklinik Hoops fühlt er sich wohl: Jeden Dienstag arbeitet Zehntklässler Leo Löhn von der Harsefelder Selma-Lagerlöf-Oberschule in dem Buxtehuder Handwerksbetrieb. Im Sommer startet er dort eine Ausbildung.
Lehrer Jörg Wilke organisiert den Praxistag und hat damit schon etlichen Jugendlichen den Sprung ins Berufsleben ermöglicht.
Seit zwei Jahren verbringt Leo Löhn aus Harsefeld jeden Dienstag in der Motorklinik Hoops in Buxtehude. Vorher absolvierte er zwei Praktika in dem Automobilbetrieb. „Ich fand es immer gut“, sagt der Zehntklässler. Schon als Kind hat der 16-Jährige mit einem Bekannten seiner Eltern an Bootsmotoren geschraubt. Dann bekam er den Rat: „Das musst du richtig machen. Geh mal zu Hoops.“ Jetzt absolviert Leo Löhn Woche für Woche einen kompletten Arbeitstag in der Firma, muss pendeln. „Der Job ist mir das wert“, sagt er. Von Anfang an war er voll integriert, half beim Auseinanderschrauben, Reparieren und Zusammensetzen von Motoren und ging mit auf Montage. „Ich mache alles, was anfällt“, erzählt der Zehntklässler. „Das Arbeitsklima hier ist super.“
Dass er schon während der Schulzeit praktische Einblicke in die Berufswelt sammeln kann, verdankt der Hauptschüler seinem Lehrer Jörg Wilke. Er hat den Praxistag vor sechs Jahren als feste Einrichtung für die Neunt- und Zehntklässler an der Selma-Lagerlöf-Oberschule in Harsefeld installiert: „Wir wollen Wirtschaft simulieren.“ Dazu gehört auch ein Arbeitsvertrag, der von beiden Parteien unterschrieben wird. Jede Woche besucht der Pädagoge seine Schützlinge, erlebt ihre Entwicklung hautnah. Das Projekt sei eine einmalige Gelegenheit für die Schüler, ihre potenziellen späteren Ausbilder kennenzulernen – und für die Unternehmer eine Chance, die Fachkräfte von morgen zu treffen. 25 Schüler nutzen das Angebot im Moment. Fünf bis acht finden Jahr für Jahr über den Praxistag eine Lehrstelle. Ergänzt wird die Arbeit in den Betrieben durch persönliches Coaching und Bewerbungstraining durch Jörg Wilke. „Die Konstanz ist das Entscheidende“, sagt er.
Wenn ein Schüler den Praxistag nutzen möchte, wendet er sich an den Lehrer. Den Wunschbetrieb muss er sich selbst suchen. Damit zeige der Jugendliche schon eine wichtige Leistung, sagt Jörg Wilke: „Er muss sich umsehen, welche Betriebe am Markt sind und wer ausbildet.“ Jörg Wilke besucht die Firmen, klärt mit ihnen die Formalitäten. Ob Sanitär, Garten- und Landschaftsbau, Kinderbetreuung, Gesundheitswesen oder Schädlingsbekämpfung – in vielen Branchen haben die Schüler Partner gefunden.
Haben den Praxistag in der Motorklinik möglich gemacht: Lehrer Jörg Wilke (links) und Unternehmer Stefan Hoops.
Mit dem Praxistag soll ihre Ausbildungsfähigkeit gefördert werden. Die Ziele: ein Motivationsschub für das Lernen und ein gestärktes Sozialverhalten. Die Jugendlichen erhalten in Abstimmung zwischen Lehrern und Unternehmen eine Schulnote. Im Arbeitsalltag werde schnell klar, ob Schüler und Job zusammenpassen. Das Unternehmen zu wechseln, sei keine Schande. Wenn der Schritt erzwungen wird, weil die Schüler die Spielregeln nicht einhalten, macht sich das jedoch auch im Zeugnis bemerkbar. Die Bedingungen sind realitätsnah. Es gilt eine dreiwöchige Kündigungsfrist. Bei Krankheit müssen sich die Jugendlichen in den Betrieben und in der Schule abmelden. Bei Leo Löhn muss sich Jörg Wilke keine Sorgen machen: „Er will diesen Job und diesen Betrieb.“ Der 16-Jährige beweist Engagement und Fingerspitzengefühl, hat schon bei Regen in einer Kiesgrube an Motoren geschraubt.
„Ich freue mich auf diesen Tag in der Woche immer besonders“, sagt der Zehntklässler. Hier sehe er, was er leiste. „Ich war schon immer eher der Arbeiter.“ Dass auch schriftliche Aufgaben wie das Führen eines Berichtsheftes dazugehören, versteht sich von selbst. Einen anderen Betrieb könne er sich nicht vorstellen, sagt Leo Löhn: „Nirgendwo finde ich diese Vielfalt.“
Leo Löhns Einsatz hat sich ausgezahlt. Schon in der achten Klasse absolvierte er ein Schulpraktikum in der Motorklinik Hoops, kam später in den Ferien wieder. „Leo war immer hier“, sagt Chef Stefan Hoops und lacht. „Das läuft perfekt.“ Nach dem Ende seiner Schulzeit im August dieses Jahres beginnt er in der Motorklinik Hoops eine Ausbildung zum Feinwerkmechaniker. Schon vor Beginn des zehnten Schuljahres hatte er das Angebot erhalten.
Für den Firmenchef ist der in der Region einzigartige Praxistag eine „absolut sinnvolle“ Einrichtung. Der Fachkräftemangel schlage voll durch. Im vergangenen Jahr habe Stefan Hoops keinen Lehrling eingestellt, weil es schlicht keinen passenden Bewerber gab. Wenn Jugendliche und Betriebe sich frühzeitig kennenlernen und ein Pädagoge die Entwicklung begleite, sei das von Vorteil. „Mich wundert, dass auf dieses Modell vorher noch nie jemand gekommen ist“, sagt Stefan Hoops.