TRätsel um Christkind-Post aus Taiwan
Post ans Christkind mit taiwanischen Schriftzeichen .
Jugendliche aus Taiwan fahren auf das Christkindpostamt in Himmelpforten ab. Die meisten Briefe aus dem Ausland stammen aus dem Inselstaat. Auf der Suche nach einer Erklärung.
„I’m a Tayal aboriginal kid from Taiwan“, schreibt Cian-Yu. Die Elfjährige wünscht sich einen Brief vom Weihnachtsmann. „That will be the best Christmas gift for me.“ 35 000 bis 37 000 Weihnachtsbriefe kommen pro Jahr im Christkindpostamt in Himmelpforten an. Die meisten stammen aus Deutschland, aber etwa zehn Prozent der Post an den Weihnachtsmann wird im Ausland geschrieben. Besonders fleißige Briefeschreiber sind Kinder und Jugendliche aus Taiwan.
„70 Prozent der ausländischen Post ist aus Taiwan“, sagt Wolfgang Dipper. Das sind rund 2500 Briefe. Warum das so ist, weiß der Chef des Christkindpostamtes in der Villa von Issendorff nicht. Nur so viel: Vor etwa fünf Jahren setzte dieser Trend ein.
Studierende bringen Traditionen aus Auslandssemestern mit
Erklären kann er die Beliebtheit des Himmelpfortener Christkindpostamtes in Taiwan nicht. Auffällig auch: Absender der Wunschzettel sind meist Schüler und Schülerinnen oder Studierende. Also keine kleinen Kinder, wie in Deutschland. „Sie scheinen ein Faible für Europa zu haben“, vermutet Dipper. Meist schreiben sie auf Englisch, selten auf Deutsch, manchmal auch auf Taiwanisch, aber dann stets mit englischer Übersetzung. Sie ahnen wohl, dass ansonsten die Post vielleicht unbeantwortet bliebe.
Der Generaldirektor der Taipeh-Vertretung in Hamburg, Yu-Shun Chen, hat eine Vermutung: „Es könnte daran liegen, dass Taiwan ein freies und demokratisches Land ist und dass taiwanische Studenten weltweit studieren. Wenn sie dann nach Taiwan zurückkommen, bringen sie diese Traditionen mit und pflegen sie weiter.“ Es gibt einen regen Austausch zwischen Taiwan und Deutschland. „2018 studierten bereits 2237 Studierende aus Taiwan in Deutschland. Im selben Jahr zählt das taiwanische Bildungsministerium umgekehrt 1352 Studierende aus Deutschland, die sich zu Studienzwecken in Taiwan aufhielten“, berichtet der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) auf seiner Website.
Weihnachten hat einen Stellenwert wie Halloween
Inzwischen sei Weihnachten in dem überwiegend buddhistischen und taoistischen Land „eine große Sache“, weiß auch die Sinologin Anne Schmidt, die seit 15 Jahren in der Taipeh-Vertretung arbeitet. So befinde sich Taipeh schon seit Tagen im Christmas-Fieber, weil dort gerade ein spektakulär glitzerndes „Christmasland“ eröffnet wurde. Vor 20 Jahren habe Weihnachten noch überhaupt keine Rolle gespielt, so Schmidt. Sie vermutet, dass taiwanische Studenten in Deutschland Berichte über das Christkindpostamt in Himmelpforten in der deutschen Presse gelesen haben. Schließlich gebe es in den norddeutschen Städten Hamburg, Hannover, Lübeck und Rostock Partneruniversitäten Taiwans.
Der Bremervörder Journalist Klaus Bardenhagen arbeitet seit 2009 als Taiwanreporter. „Weihnachten hat hier ungefähr einen Stellenwert wie Halloween seit ein paar Jahren in Deutschland“, sagt er, „es ist ein Anlass für Geschäftsleute, ihre Läden in der Hoffnung auf mehr Umsatz fantasievoll herauszuputzen, aber ohne tiefere Bedeutung oder Tradition.“ Da könne es schon mal sein, dass der Plastik-Weihnachtsbaum noch im März herumsteht.
Auch er wundert sich über die Menge der Post nach Himmelpforten und auch darüber, dass die Briefe meist auf Englisch geschrieben sind. „Englisch zu lernen, ist für Taiwaner genauso schwer, wie für uns Chinesisch zu lernen.“ Bardenhagen hat auf Facebook nachgefragt, woher die Begeisterung für das Christkindpostamt kommt – bisher ohne schlüssige Antwort. Ein taiwanischer User vermutet, dass es schlicht eine Hausaufgabe der Englischlehrer sei.
Um die 2500 Briefe an den Weihnachtsmann im Christkinddorf Himmelpforten kommen aus Taiwan. Fotos: Klempow
Junge Menschen aus Taiwan wünschen sich Glück und Gesundheit
Selten seien es materielle Wünsche, die aus Taiwan in Himmelpforten ankommen. Meist gehe es um Glück und Gesundheit, erzählt Wolfgang Dipper weiter, und oft schickten die Taiwaner Postkarten, keine Briefe.
Nur wenige erzählten etwas mehr über sich, wie die 14-jährige Sandy aus Tianzhong: „Ich war dieses Jahr ein braves Mädchen. Wie geht es Dir und Mrs. Claus? Und wie geht es all den Rentieren und Elfen?“, fragt sie und wünscht sich Postkarten und Sticker. Kate aus Taipei klagt, dass die Pandemie das Leben verändert habe und dass es in Taiwan zu wenige Vakzine von Pfizer gebe. Sabina bedankt sich bei „Santa“ für die wundervollen Dinge, die er verschenke. Sie alle werden Antwort aus dem 9215 Kilometer entfernten kleinen Himmelpforten auf der anderen Seite der Erdkugel bekommen.