Sänger Jochen Distelmeyer: „Hamburg ist immer in meinem Herzen“
Der Blumfeld-Musiker Jochen Distelmeyer tritt am Sonntag, 28. August, in der Hamburger Kampnagelfabrik auf. Foto: Sven Sindt
Sänger Jochen Distelmeyer wohnt inzwischen in Berlin, hat aber die meiste Zeit seines Lebens in Hamburg verbracht. 1990 gründete er dort seine Band Blumfeld, die das Aushängeschild der Schule war. Sein drittes Soloalbum „Gefühlte Wahrheiten“ ist kürzlich erschienen.
Von Dagmar Leischow
Ihr Album heißt „Gefühlte Wahrheiten“. Sind Sie eher ein Bauch- als ein Kopfmensch?
Ja. Ich glaube, durch das Musikmachen ist man einfach eng mit seiner Gefühlswelt, mit seiner Intuition verbunden. Abgesehen davon haben wir alle ständig mit gefühlten Wahrheiten zu tun. Selbst in vermeintlich rationalen Überlegungen wird unser Bezug zur Wirklichkeit durch unsere Empfindungen entscheidend geprägt und gesteuert. Keine unserer Wahrnehmungen oder Einschätzungen ist frei davon.
Sie kommen gerade in Ihren Liebesliedern sehr gefühlsbetont rüber. Ist es leichter, Emotionen in Songs zu legen, statt über sie zu reden?
Sowohl privat als auch als Musiker geht es mir eigentlich immer darum, möglichst offen und ehrlich zu sein. Ich spreche über alles, was mich berührt oder beschäftigt. Wie gesagt: Empfindungen sind für mich eng mit der Außenwahrnehmung der Welt, die uns umgibt, verbunden. Es ist hilfreich, all diesen Schichten Aufmerksamkeit zu schenken. Um Verständnis für sich selber zu entwickeln und zu wissen, wo man steht.
Viele Männer scheinen sich damit allerdings schwerzutun. In England gilt Suizid als häufigste Todesursache bei Männern unter 45.
Ich weiß nicht, ob eine Trennung nach Geschlechtern wirklich Sinn macht. Oft habe ich den Eindruck, dass es Frauen auch nicht so leichtfällt, über ihre tiefen Empfindungen zu sprechen. Das ist eher ein gesamtgesellschaftliches Problem der modernen Industrienationen, begünstigt durch den Kapitalismus. In Stücken wie „Zurück zu mir“ beschreibe ich ja, dass sich die Menschen schon seit längerem von sich selbst entfremdet und in einer Hybris der Spezies verloren haben. Sie sind die ganze Zeit nur auf einer Metaebene unterwegs. Dadurch wird ihre Gefühlswelt, die durchaus schmerzvoll sein kann, ausgeschlossen. Mit Hilfe dieses Abwehr- und Verdrängungsmechanismus suggeriert man sich und anderen, unverletzlich zu sein. Grenzenlos belastbar. So verlieren die Menschen das Bewusstsein dafür, was sie wirklich brauchen.
Was ist denn Ihrer Ansicht nach unverzichtbar?
Etwas zu essen und zu trinken. Wir alle benötigen Liebe, Anerkennung, Freundschaft, Wärme, ein Dach über dem Kopf. Die Gewichtung ist natürlich von Typ zu Typ unterschiedlich.
Und wie wichtig ist die Natur für den Homo sapiens?
Wir sind ein Teil der Natur und brauchen sie. Was ich während der Pandemie in Berlin beobachtet habe: Dass viele Leute auf einmal Hunde hatten und mit ihnen spazieren gingen. Nicht nur Single-Haushalte, sondern auch Familien. Durch ihre Tiere suchten sie den Kontakt zum Kreatürlichen ihrer eigenen Existenz.
Das hält die Menschen jedoch nicht davon ab, die Natur zu ruinieren und auf eine Klimakatastrophe zuzusteuern.
So machen wir uns selber kaputt. Wir dürfen Umweltschutz nicht unabhängig von uns betrachten. Wenn wir trotz steigender Population unseren Verbrauch nicht senken, sondern die begrenzten Ressourcen weiterhin verballern, dann entziehen wir uns unsere Lebensgrundlage.
Sie verhehlen nicht, was Sie denken. Das war schon zu Blumfeld-Zeiten so. In den Neunzigerjahren hieß es, Sie machen mit Ihrer Band Musik für Intellektuelle. Wie stehen Sie dazu?
Auf der einen Seite sollte dieses Image wohl dem Rechnung tragen, was uns ausgezeichnet hat. Andererseits spiegelte es latente Intellektuellenfeindlichkeit wider. Mit diesem etwas banalen Branding versuchten die Leute, sich das vom Leibe zu halten, was uns tatsächlich hervorstechen ließ: Wir haben in unseren Liedern offen von uns erzählt. Das war seinerzeit in der Bundesrepublik nicht üblich. In der deutschsprachigen Popkultur fand es allenfalls auf eine sehr klischeehafte Art statt.
Gruppen wie Blumfeld oder Die Sterne galten als Vertreter der Hamburger Schule. Was hat diese Musikbewegung verändert?
Nicht nur in Hamburg, auch in Berlin oder Köln gab es Bands, die einen Punk-Background hatten und gleichzeitig popaffin waren. Durch sie wurde überhaupt erst ein Publikum für diese Art von Musik geschaffen.
Wollten Sie Punkrock in Pop überführen, als Sie 1990 Blumfeld gegründet haben?
Damals war die Musik relativ nichtssagend, sie bewegte sich irgendwo zwischen Schlager, Deutschrock und Fun-Punk. Das war nicht unbedingt das, worauf wir als punk- und popsozialisierte Typen Lust hatten. Für Blumfeld waren die Wipers eine entscheidende Band. Sie klangen zwar wie eine Punkband, drückten aber viel tiefere Gefühle aus. Wie Soulmusiker. Ihre harten Gitarrenakkorde hatten schon fast eine sinfonische Dimension. Das hatte mehr mit Joni Mitchell zu tun als mit Punkrock.
2007 haben Sie Blumfeld aufgelöst, 2018 gingen Sie abermals auf Tournee. Wird es vielleicht sogar ein neues Blumfeld-Album geben?
Was ich sagen kann: Wir alle haben es über die Maßen genossen, wieder auf Tour zu sein. Jeder Abend war ein Fest. In diesem Spirit sind wir auseinandergegangen. Ich denke, alle haben Bock, zumindest noch mal zu touren. Dass bei den Proben neue Stücke entstehen könnten, schließe ich auf keinen Fall aus. Geplant ist allerdings nichts.
Sie begeistern sich seit frühester Kindheit für Musik. Haben Sie sich eigentlich jemals als Straßenmusiker versucht?
Während und vor allem nach meinem Zivildienst habe ich in Hamburg in der S-Bahn oder in der Mönckebergstraße gespielt. Aber nicht allzu regelmäßig. Straßenmusik war einer von verschiedenen Jobs, mit denen ich mich über Wasser gehalten habe.
Sie sind in Bielefeld aufgewachsen. Warum haben Sie sich eine Zivildienststelle in Hamburg gesucht?
Zu dem Zeitpunkt war Berlin für mich nicht so attraktiv. Ich war stark geprägt von Punkmusik und New Wave aus Hamburg. Besonders von den Musikern des Labels Zickzack, das Alfred Hilsberg gegründet hatte. Dort habe ich dann später selber Musik mit Blumfeld veröffentlicht.
Kommen wir noch einmal zu Ihrem Zivildienst zurück. Wie bewerten Sie Ihren Einsatz aus heutiger Sicht?
Ich habe individuelle Schwerbehindertenbetreuung übernommen. Vorrangig kümmerte ich mich um Multiple-Sklerose-Patienten. Für mich war es eine gute Erfahrung, Menschen zu helfen, die ich vorher gar nicht kannte. Ich denke, das sehen viele Jugendliche, die sich für ein soziales Jahr entscheiden, genauso.
Wenn Sie jetzt zurückblicken, haben Sie die meiste Zeit Ihres Lebens in Hamburg verbracht. Wie stark hat Sie diese Stadt geprägt?
Hamburg war und ist ein großer Einfluss. In dieser Stadt habe ich die ersten sozialen Erfahrungen außerhalb meines Heimatortes gesammelt, ich verdanke ihr, den Leuten und meinem Freundeskreis sehr viel. Hamburg ist immer in meinem Herzen, daran wird sich nie etwas ändern. In Berlin fühle ich mich nun ebenfalls zu Hause. Aber auf eine andere Art.
Sie wohnen mittlerweile seit zehn Jahren in Berlin. Inwiefern hat Sie das als Musiker verändert?
Ich habe meine musikalische Entwicklung einfach fortgesetzt. Für mich ist „Gefühlte Wahrheiten“ das Ergebnis einer längeren Reise, die im Grunde schon mit der Blumfeld-Platte „Verbotene Früchte“ begann. Ortsunabhängig habe ich eine kleinere, vermeintlich leisere Spielweise erarbeitet. Obwohl Berlin einen schon dazu verleitet, größer zu werden. Weil die Stadt so riesig ist, muss man auf fettere Bässe setzen oder schrillere Klamotten tragen, um überhaupt gehört und gesehen zu werden. Umso glücklicher bin ich, dass ich trotzdem nicht von meinem Kurs abgewichen bin.
Jochen Distelmeyer tritt am Sonntag, 28. August, 20.30 Uhr, in der Hamburger Kampnagelfabrik auf.
Persönlich...
Zuhause... fühle ich mich im Kreis meiner Lieben.
Für einen Lieblingsort in Hamburg... kann ich mich nicht entscheiden. Es gibt einfach zu viele. Zum Beispiel den Stintfang mit Blick auf den Hafen oder Planten un Blomen.
Erfolg... ist für mich kein Kriterium, um glücklich zu sein.
Geld... bedeutet mir Sicherheit, wenn ich es habe.
Wenn ich nicht Musiker wäre..., säße ich nicht hier.
Zum Entspannen... lade ich mir Freunde ein und koche.
Zur Person
Jochen Distelmeyer wurde am 24. Juli 1967 in Bielefeld geboren. 1990 gründete er in Hamburg seine Band Blumfeld, deren Debütalbum „Ich-Maschine“ 1991 erschien und die sich 2007 auflöste. Danach konzentrierte sich der Musiker auf seine Solokarriere. 2009 erschien seine erste Platte „Heavy“. 2015 veröffentlichte der Wahlberliner seinen Roman „Otis“. Sein Album „Gefühlte Wahrheiten“ kam gerade heraus.