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Sattlermeisterin kann richtig vom Leder ziehen

Im wahrsten Sinne des Wortes eine „pfriemelige“ Arbeit: Sonja Weidig arbeitet mit einem Pfriem an einem neu gefüllten Sattel. Fotos Lepél

Im wahrsten Sinne des Wortes eine „pfriemelige“ Arbeit: Sonja Weidig arbeitet mit einem Pfriem an einem neu gefüllten Sattel. Fotos Lepél

Schon der Großvater war Sattlermeister. Die 34-jährige Sonja Weidig ist aber nicht nur selbst sattelfest und beschäftigt sich mit Pferdeequipment. Als Feintäschnerin hat sie zudem eine eigene Taschenkollektion entworfen.

Von Sabine Lepél Dienstag, 01.01.2019, 11:00 Uhr

Beim Eintreten in Weidigs Geschäft an der Neugrabener Bahnhofstraße kommt einem der Duft von robustem Leder entgegen, denn der Laden ist zugleich ihre Werkstatt. An einer Wand hängen die Sättel, gegenüber stapelt sich das Handwerkszeug: sogenannte Schwertahlen und Pfrieme zum Vorstechen in das für gewöhnliche Nadeln undurchdringliche Leder, das Halbmondmesser zum Auftrennen von Nähten, Zier- und Schlageisen, Beschläge, Nieten.

Für Sonja Weidig und ihre Auszubildende Mareike Strauch gibt es viel zu tun. Hier muss ein Gurt angenäht, dort ein Riemen ersetzt werden. Ein Sattel soll neu gefüttert werden, bei einem anderer soll ein neues Kopfeisen eingenäht werden. Und außerdem muss eine vorbestellte Tasche unbedingt noch fertig werden.

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Sonja Weidig ist nicht nur Sattlerin. Sie ist Sattlermeisterin. Die Einzige in ganz Hamburg. Und ihre kleine Werkstatt in Neugraben ist außerdem der einzige Ausbildungsbetrieb für Reitsportsattler und Feintäschner in der Hansestadt. Sattlerei und Feintäschnerei in einem – das gibt es nicht nur in Hamburg sehr selten.

In ihrer Täschnerei fertigen Sattler- und Feintäschnermeisterin Weidig und die bei ihr angestellte gelernte Feintäschnerin Irina Dickmann per Hand hochwertige Lederwaren aus ausgesuchten Materialien an. Es gibt maßgefertigte Gürtel, Börsen, Etuis, Schreibtischunterlagen, Kosmetiktäschchen und vieles mehr. Gefertigt wird nach eigenem Design oder nach Kundenwunsch. „Bei der Fertigung legen wir großen Wert auf eine sorgfältige Verarbeitung, damit wir ein langlebiges Handwerksprodukt garantieren können“, sagt Weidig, die nur pflanzlich gegerbtes Leder aus Deutschland verwendet.

Oft kommen Kunden aber auch einfach nur in den Laden an der Neugrabener Bahnhofstraße, um etwas reparieren zu lassen. Damit lässt sich zwar nicht viel Geld verdienen, aber dennoch erledigen Sonja Weidig und ihr gut eingespieltes Team auch solche Aufträge gern: „Das passt zu unserem Gedanken von Nachhaltigkeit“, sagt die Chefin.

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Weil eine Sattlermeisterin heutzutage mobil sein muss, fährt Weidig außerdem regelmäßig zu den Reiterhöfen der Region, um sich vor Ort um die Sättel ihrer Kundschaft zu kümmern. Wenn ein Sattel drückt, sieht die Sattlermeisterin am lebenden Objekt am besten, wo sich die Schwachstelle der Auflage befindet. Sie tastet den Rücken des Pferdes ab und polstert den Sattel entsprechend auf. „Sonst drohen Verspannungen, und das Wohlbefinden des Pferdes leidet erheblich“, sagt Weidig. Die Anfertigung neuer Sättel lohnt sich nicht mehr, daher lebt Weidig vornehmlich von den Reparaturen und Anpassungen der Produkte großer industrieller Hersteller.

Bei der Sattler-Ausbildung muss zwischen drei Fachrichtungen unterschieden werden: Fahrzeugsattlerei, Reitsportsattlerei und Feintäschnerei. In der Fachrichtung Fahrzeugsattlerei werden Innenausstattungen, Verdecke und Planen für Fahrzeuge hergestellt. Die Fahrzeugsattler arbeiten häufig in der industriellen Produktion und fertigen Sitze, Seiten- und Dachverkleidungen für Fahrzeuge an oder führen Restaurierungsarbeiten an alten Fahrzeugen durch.

In der Fachrichtung Reitsportsattlerei werden Ausrüstung für Zug-, Reit- und Tragtiere entworfen, angefertigt und angepasst. Auch das Herstellen und Reparieren von Sportartikeln und die Maßanfertigung von Sportbekleidung und Ausrüstungen aus Leder gehören zu den Lerninhalten.

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In der Fachrichtung Feintäschnerei spielen dagegen Modeströmungen und aktuelle Designs eine große Rolle. Taschen, Kleinlederwaren, Koffer, Reise- und Spezialtaschen werden nach Kundenwünschen, Vorgaben oder eigenen Ideen entworfen, hergestellt und repariert.

„Für mich ist mein Beruf Leidenschaft“, sagt Sonja Weidig. Und genauso leidenschaftlich wie sie ihre Taschen liebt, liebt sie Pferde. „Mir ist es eine Herzensangelegenheit, dass die Pferde ordentlich passende Sättel haben“, sagt die passionierte Reiterin.

Weidig ist mit Pferden groß geworden, und dass die Sättel ordentlich auf den Pferden liegen müssen, hat sie schon als Kind von ihrem verstorbenen Großvater Karl Oeltjen gelernt. Er war nicht nur ebenfalls Sattlermeister, sondern zudem ein erfahrener und anerkannter Pferdeausbilder, Reitlehrer, Richter und Fahrlehrer für Gespanne. Sonja Weidig war oft bei ihm in der Werkstatt und deshalb war ihr schon zu Schulzeiten klar, dass sie nach dem Abitur in die Fußstapfen des Opas treten würde. Sie absolvierte eine Ausbildung bei dem traditionsreichen Betrieb „Reit- und Sattelzeuge Höpfner“ in Hannover. Es folgte eine Zeit im Ausland. „Natürlich mit Pferden“, wie die Mutter von zwei kleinen Kindern sagt. Zurück in Hamburg arbeitete sie in verantwortlicher Stelle als Werkstattleiterin in einer renommierten Hamburger Täschnerei. 2010 bestand sie die Prüfung als Sattler- und Feintäschnermeisterin, 2011 machte sich die damals 27-Jährige mit der Sattlerei in Neugraben selbstständig. Und auch, wenn sie beruflich ständig am Riemen reißen und vom Leder ziehen muss, hat sie diesen Schritt bisher nicht bereut: „So habe ich ein Arbeitsumfeld, das nett, freundlich und familiär ist“, sagt sie. „Das war und ist mir immer wichtiger gewesen als der reine wirtschaftliche Gewinn.“

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