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Schellfischposten: Die Kneipe und „Inas Nacht“

Mehr als 100 Sendungen von „Inas Nacht“ wurden aus der Seemannskneipe „Zum Schellfischposten“ in der Carsten-Rehder-Straße 62 bisher vom NDR übertragen.

Mehr als 100 Sendungen von „Inas Nacht“ wurden aus der Seemannskneipe „Zum Schellfischposten“ in der Carsten-Rehder-Straße 62 bisher vom NDR übertragen.

Mehr als 100 Sendungen von „Inas Nacht“, der Late-Night-Talk im NDR, wurden von hier gesendet. Doch im normalen Leben findet im „Schellfischposten“ am alten Holzhafen ein ganz normaler Gastronomiebetrieb statt. Hamburgischer kann es kaum sein.

Montag, 20.02.2017, 15:54 Uhr

Von Martin Sonnleitner

Es ist gemütlich warm hier im tiefen Winter, aus der Musikbox tönen Seemannslieder, die Gäste schunkeln ein wenig und klatschen in die Hände. An der Wand hängen Schiffsgemälde, mitten in der Kneipe steht ein riesiger ausrangierter Schiffsmast. Es ist Sonntagnachmittag, und die Kneipe, gleich um die Ecke des Fischmarktes, ist gut besucht. „Es ist kleiner als man denkt“, flachst Wirtin Ursula „Ulla“ Müller. In der Tat ist es eng, winklig und voller Utensilien; gerade wenn Tische und Tresen besetzt sind, muss man sich hier seinen Weg bahnen.

Ursula Müller führt den Laden in zweiter Generation. Übernommen hat ihn die 65-Jährige von ihrem Vater, der sich 1962 einen Kindheitstraum erfüllt und die alte Seemannskneipe in Hamburg übernommen hatte. Sie ist elf Jahre alt, als die Familie eine Wohnung direkt über dem „Schellfischposten“ bezieht. Ihr Vater hält die Seemannskneipe gut in Schuss – bis zu seinem plötzlichen Tod 1987. Dann geht es erst mal bergab.

Zunächst übernahm eine Angestellte den Betrieb. „Die war selbst ihr bester Gast“, erinnert sich Ulla Müller. Sie hatte einen Trümmerhaufen hinterlassen. Am Ende ist es ihr Mann Uwe, selbst Seemann, der sich in der Pflicht sieht, den Treffpunkt für Seefahrer und Hafenarbeiter zu retten, was gelang.

Ende des 19. Jahrhunderts hatte der „Schellfischposten“ zum ersten mal seine Pforten geöffnet. Es ist somit wohl Hamburgs älteste Hafenkneipe. Damals war hier die Endstation der Straßenbahn, die Arbeiter kamen von der nahen Schellfischbahn nach dem Schichtende zum Absacker her. „Es war wie ein Warteraum“, so Ulla Müller. Dennoch ging es wie heute immer moderat zu. „Es war ein Schankraum, einfach gehalten.“ Nun sei man sehr bemüht, den alten Charme aufrechtzuerhalten.

„Ob jung oder alt, ob arm oder reich, im Schellfischposten sind alle gleich“ steht über der Theke der Einraum-Kneipe geschrieben. Es kommen Stammgäste, hier trifft der Schiffslotse auf den Büromitarbeiter. Der „Schellfischposten“ öffnet mittags um 12 Uhr, sonntags schon um 8, wegen des Fischmarktes. Auch Niels, 30, aus Osnabrück ist mit Freundin und zwei Freunden hier, abends geht es ins Musical. „Es ist mindestens genauso gut wie bei Ina Müller“, sagt er leicht angetrunken. Dietmar Rech, 72, kommt schon seit Jahrzehnten her. Der pensionierte Gymnasiallehrer betont: „Solche schönen alten Kneipen gibt es nicht mehr sooft.“

Jedes Mal entdecke er etwas Neues. Die Wände und Decken sind vollbehängt mit Mitbringseln, die Seeleute von den sieben Weltmeeren angeschleppt haben. Ein riesiger Schildkrötenpanzer ist dabei, ein Alligator, ein Schrumpfkopf oder ein Bild einer Südsee-Schönheit. „Viele haben im Seemannsheim um die Ecke auf ihr nächstes Schiff gewartet“, berichtet Müller, sie wollten sich im „Schellfischposten“ verewigen. Dann wird Müller melancholisch: „Es gibt keine Hafenstadt, wo riesige Containerfrachter oder Passagierschiffe direkt in die Stadt reinfahren.“ Sie beneide ihre Gäste, die dieses Flair im Sommer auch auf der großen Terrasse bestaunen können.

Die Wirtin erzählt weiter, wie sich die Szene rund um die Kneipe in all den Jahrzehnten verändert hat: „Früher war es schmuddelig, berühmt für Kriminalserien.“ Wo heute schräg gegenüber ein adrettes Hotel steht, sei früher eine Ruine, das „Mörderhaus“ genannt, gewesen. Müller: „Es ist heute ein guter Mix aus Wohnungen, Gastronomie und Arbeiten.“ Auch die alten Fischhallen seien schließlich noch da. „Wenn ich nachts nach getaner Arbeit nach Hause gehe, fangen die Fischhändler an“, fängt sie die Atmosphäre auf.

Im „Schellfischposten“ arbeiten neben Müller noch fünf Kolleginnen, nur Frauen, es gibt drei Sorten Bier, Schnäpse und zu essen Snacks wie Fischbrötchen. Wenn „Inas Nacht“ läuft, wird die Kneipe sogar kurzfristig zur Bühne. „Frau Müller, machst mir noch ’n Bier?“, brüllt Ina Müller dann über die Theke.

 

Wirtin Ulla Müller hinter ihrem Tresen der urigen Seemannskneipe „Zum Schellfischposten“. Fotos Sonnleitner

Wirtin Ulla Müller hinter ihrem Tresen der urigen Seemannskneipe „Zum Schellfischposten“. Fotos Sonnleitner

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