Schlickberge bedrohen Tjalk
Im Jahr 2007 wurde die Tjalk „Annemarie“ in Hahnöfersand Ost mit einem Kran in die Binnenelbe gesetzt. Foto: Vasel
Unterwasser-Schlickberge bedrohen die Tjalk „Annemarie“ und die Hafenanlagen. Der Grund: Zwei Mal verkantete sich bereits der Anleger durch die wachsenden Schlickberge, die Halterungen wurden herausgerissen.
Auch der Rumpf könnte – beispielsweise durch Festfrieren im Schlick – beschädigt werden. Eberhard Becker, Vorstandsvorsitzender der neuen Maritimen Bürgerstiftung Niederelbe sprach am Donnerstagabend bei einem Besuch der Politik an Bord Tacheles: Ohne Ausbaggerung müsse sich die schöne „Annemarie“ einen neuen Heimathafen suchen.
Das hat Eberhard Becker bei der Sitzung des Ausschusses für Wirtschaft, Tourismus und Kultur deutlich gemacht. Michael Eble (CDU) war sich mit Vertretern aller Fraktionen einig, dass die Gemeinde Jork es nicht so weit kommen lassen dürfe. Schließlich soll die 1893 in Holland gebaute und von 1925 bis 1938 von dem Obstbauer Johann Barfels aus Höhen zum Transport von Obst von der Lühe zum Markt am Hamburger Messberg genutzte Tjalk ab 2020 eines der 20 Zeitfenster (Vermittlungs- und Lernorte) des Hollerweg-Projektes werden, unterstrich FDP-Ratsfrau Silvia Hotopp-Prigge.
Die Kommune will jetzt den Landkreis Stade als untere Denkmalschutz- und Naturschutzbehörde, die neue Maritime Bürgerstiftung Niederelbe – jetzt Eigentümerin des Schiffes – mit ihrem Betreiberverein Borsteler Hafen und den Unterhaltungsverband Altes Land (Eigentümerin der Binnenelbe) an einen Tisch bringen. Letzterer müsste allerdings lediglich ausbaggern, wenn der Wasserabfluss von der Marsch über die Hauptwettern, den Hafen und die Hahnöfer Binnenelbe in die Elbe gefährdet wäre.
Im Mittelpunkt stand allerdings die Vorstellung der neuen Maritimen Bürgerstiftung Niederelbe durch Becker. Diese hat die schöne „Annemarie“ übernommen und ist jetzt Eigentümerin, der 2003 gegründete Verein Borsteler Hafen fungiert jetzt als Betreiberverein. Der Pachtvertrag für den Hafenbereich mit der Gemeinde Jork läuft noch zehn Jahre. Seit 2007 liegt die Tjalk im Hafen, eine Handvoll Männer um Eberhard Becker hat das schwimmende Denkmal restauriert. 365 000 Euro hat der Verein bereits in die Restaurierung des Schiffs investiert – an Eigenleistungen sowie über Zuschüssen und Spenden. Und so können die Schifffahrtsinteressierten hinab in den Bauch der schönen „Annemarie“ steigen, um die Maschine zu bewundern oder Vorträge über Schiff, Hafen und Schifffahrt und Natur in der Borsteler Binnenelbe zu hören. Die „Annemarie“ sei ein Leuchtturmprojekt, Handel, Gastronomie und Tourismus profitierten. 2200 Besucher gehen jedes Jahr an Bord. Von Ende April bis Mitte Oktober ist dienstags von 10 bis 12 Uhr und donnerstags von 14 bis 16 Uhr für Ausflügler und Touristen geöffnet.
Doch die Aktiven seien alle im (hohen) Rentenalter. Ehrenamtliche (mit Kenntnis maritimer Technik) fehlten. Auch damit das Schiff nicht irgendwann nach einer Auflösung des Vereins mit heute 44 Mitgliedern einfach verkauft wird, sei die Stiftung aus der Taufe gehoben worden. Becker gelang, die Reeder und Werftbetreiber Rudolf Sommerfeld (Jöhnk Werft), Petra Heinrich und Arnd Becker sowie den früheren Leiter des Kehdinger Küstenschiffahrtsmuseums, Volker von Bargen, für Vorstand, Geschäftsführung und Kuratorium mit an Bord zu holen und die erforderlichen 25 000 Euro als Stiftungskapital einzuwerben.
Doch die Maritime Bürgerstiftung Niederelbe soll sich nicht um den Erhalt der Tjalk in Jork-Borstel kümmern. Becker & Co. sehen ähnliche Probleme bei den anderen Vereinen und Eignern alter Schiffe – von Buxtehude bis Freiburg. So könne die neue Bürgerstiftung auch zu einer Dachorganisation werden und weitere Zustifter ihre Schiffe, Häfen, Seezeichen und Dokumente einbringen und so für kommende Generationen sichern. Eine Stiftung komme leichter an Geld, ist sich Becker sicher.
Stiftungszweck sei allerdings nicht nur Erhalt und Pflege von Schiffen, Fähren und Hafenanlagen, sondern auch wissenschaftliche Aufarbeitung von maritimen Archivalien und die Vermittlung von Wissen – an Ausflügler, Schüler und Touristen. Beckers Traum ist, dafür das Motorschiff „MS Reinhard“, heute als Wohnschiff genutzt, zu kaufen und umzubauen. Gespräche mit Geldgebern laufen. Als eine Art schwimmendes Schifffahrtsinstitut soll es an der Niederelbe von Hafen zu Hafen fahren – für Forschung und Wissensvermittlung mit Vorträgen, zwölf sind zurzeit im Angebot, sowie Kulturveranstaltungen. Becker: „Wir werden alles tun, um unser maritimes Erbe zu sichern.“
Der Hafen von Borstel wurde 1651 erstmals urkundlich erwähnt. Er entstand nach der Sturmflut 1412, als nach dem Untergang von Zesterfleth das Kirchspiel nach Borstel verlegt wurde. Seit 1790 haben einmastige Tjalken den Hafen angelaufen. Im 19. und 20. Jahrhundert ankerten bis zu 70 Schiffe, um Obst oder Ziegel von Borstel nach Hamburg und anderswo zu transportieren. 1970 wurde der Hafen im Zuge des Baus des neuen Hauptdeiches von der Elbe abgetrennt und stillgelegt – eine Folge der Sturmflut von 1962.