Blickfang bei der Ausbildungsmesse: ein Fennek-Spähwagen der Bundeswehr. Kein Beruf für Gökhan und Tjalf, sagen die Schulfreunde. Fotos von Borstel
Der Blickfang stand unübersehbar vor dem Eingang: ein Fennek-Spähwagen, der bei den Jugendlichen für eine Lehre bei der Bundeswehr warb. Doch auch andere Unternehmen fuhren gestern schweres Geschütz auf, um die Mangelware Azubi auf sich zu lenken.
Gökhan (15) und Tjalf (14) umkreisen den Fennek-Spähpanzer der Bundeswehr mit etwas Abstand. „Aufregend, so etwas mal in echt zu sehen. Normalerweise kennt man das nur aus Filmen“, sagt Tjalf zu seinem Schulfreund. Eine Karriere bei der Bundeswehr? Das wollen die Schüler besser doch nicht. „Zu anstrengend, zu gefährlich“, sind sie sich einig. Eine Lehre im Handwerk, die könnten sie sich gut vorstellen. Nur bitte nichts im Büro.
4500 Schüler informierten sich gestern bei der 13. Ausbildungsmesse im Stadeum über regionale Betriebe und Berufschancen. Die Bandbreite der Aussteller war groß: von Chemieunternehmen über Berufsbildende Schulen, Kreditinstitute, Versicherungen und mehr. Eine Konstante: Die Messe ist seit Jahren ausgebucht, wie Stadeum-Chef Egon Ahrens vermeldete. Die Schau mit Vorträgen und Workshops bekam 2017 ein neues Image und soll sich als Marke stärker etablieren.
Zahlreiche Aussteller aus der Region stellten sich den rund 4500 Jugendlichen vor. Am besten kam an, wer sich und seinen Betrieb interaktiv präsentierte.
Die Zahl der jungen Besucher sinkt leicht, was auf den demografischen Wandel hindeutet. Das ist das Kernproblem: Für Betriebe wird es schwieriger, an geeignete Fachkräfte und Azubis zu kommen. Im Bezirk der Agentur für Arbeit Stade waren zuletzt noch 700 Jugendliche ohne einen Ausbildungsplatz. Dem standen 715 unbesetzte Lehrstellen gegenüber. 3800 Suchende auf 3500 Plätze – das ist die vorläufige Bilanz des Ausbildungsjahres 2017. Die Zahlen sinken damit zwar leicht, im bundesweiten Vergleich ist die Ausbildungsquote im Landkreis Stade jedoch weiter relativ hoch.
Ein Teil der Unvermittelten (45 Prozent) zählt zu den sogenannten Altbewerbern. Das heißt, sie haben den Abschluss vor 2017 gemacht, wie Agentur-Leiterin Dagmar Froelich erklärte. „Bis Ende September wird sich noch viel bewegen“, so Froelich. Oft fehle die Passgenauigkeit von Bewerber und Betrieb. Ihr Appell: Beiderseitig über den Tellerrand schauen. Die Fixierung der Schüler auf Berufszweige wie das Büromanagement ist jedoch ungebrochen. „Sauber und sicher soll der Job sein“, sagt Thomas Falk, Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbands Stade.
Messe-Organisatoren: Sylvia Pohl (Stadeum, von links), Dagmar Froelich (Agentur), Andreas Dammert (Schulbehörde), Marcel Lam und Katherina Renz (KVG-Azubis), Egon Ahrens (Stadeum), Katharina Braun-Müller (KVG), Tanja Thomas (AOK) sowie Thomas Falk (Arbeitgeberverband Stade).
Die Strahlkraft großer Betriebe sei ungebrochen. „Ich will zu Airbus, mir ist egal, was ich dort mache“ – solche Berufswünsche hören die Fachleute häufig. Doch selbst prominente Arbeitgeber könnten nicht mehr aus dem Vollen schöpfen wie noch vor zehn Jahren. Ein Trend verfestigt sich zudem: Interaktive Stände, an denen sich Jugendliche betätigen können oder haptische Eindrücke bekommen, sind gefragt. Die AOK hatte eine Actionwand aufgebaut, an der Schnelligkeit und Reaktionsvermögen getestet wurden. Um Aussteller ohne eine Präsentation machten die meisten Schüler dagegen einen Bogen.
Andreas Dammert von der Niedersächsischen Landesschulbehörde sieht die Eltern in der Pflicht: „Wir stellen immer wieder fest, dass es uns nicht gelingt, sie für die berufliche Orientierung zu aktivieren“, sagte Dammert. Das Wissen der Eltern über Berufe und Bewerbung bewege sich oft auf dem Stand von vor 30 Jahren. Das Dilemma: Schule stoße oft an ihre Grenzen. Das gilt vor allem für Gymnasien. Nur zwei Oberstufen aus dem Landkreis waren angemeldet. Stattdessen steigt die Zahl der Studierenden seit Jahren – und mit ihr die Abbrecherquote. Die Duale Ausbildung sei längst nichts mehr nur für Haupt- und Realschüler, plädieren deshalb die Experten.