Sie haben das Blatt geprägt
Der scheidende Buxtehuder Lokalchef Rainer Schwartau (links) und sein Stader Kollege Peter von Allwörden . Foto von Borstel
Mit Peter von Allwörden und Rainer Schwartau verlassen die beiden Lokalchefs zum Jahresende das TAGEBLATT, die die Zeitung lange Zeit geprägt haben.
Der Buxtehuder Redaktionsleiter Schwartau geht in den Ruhestand, und der Stader Lokalchef von Allwörden wird dem TAGEBLATT als freier Autor erhalten bleiben. Die beiden Journalisten haben deshalb noch einmal sieben Fragen zu ihrer Arbeit beantwortet.
Rainer Schwartau
Was war die wichtigste Geschichte in diesen 30 Jahren?
Wenn ich eine herausheben möchte, dann wohl die über die Zustände in der Ausländerbehörde beim Landkreis im April 2012 mit der Überschrift „Die Angst beim Gang ins Kreishaus“. Es ging unter anderem um die Erlebnisse der Familie Mahmoud im Zuge ihrer Aufenthaltsgenehmigung. Betroffene, Flüchtlingsrat, Hilfsorganisationen und Fachanwälte gaben dem Kreis im Umgang mit Flüchtlingen ein katastrophales Zeugnis. Nach der Geschichte bildete sich die BI Menschenwürde. Auch wenn Landrat Michael Roesberg damals alle Vorwürfe zurückwies, hat sich in der Behörde inzwischen doch einiges verändert.
Gab es eine Story, die Sie gehört, aber nie geschrieben haben?
Im Zuge der Missbrauchsvorwürfe gegen einen Apenser Diakon, der 2008 zwei unter 14-Jährige aus einer Pfadfindergruppe sexuell missbraucht hatte, wurde erzählt, dass es schon Jahre vorher einen solchen Vorfall gegeben haben soll. Doch die Beteiligten hatten den Fall unter den Teppich gekehrt; selbst 2008 im Zuge des sehr ordentlichen Umgangs mit dem neuen Fall, mochte uns gegenüber niemand zu dem alten Fall etwas bestätigen. Den inoffiziellen Aussagen nach ist der frühere Diakon lediglich versetzt worden und soll sogar mit Jugendlichen weiter gearbeitet haben. Wir haben dies meiner Erinnerung nach allenfalls mit einem Nebensatz erwähnt, da wir keine bestätigten Infos hatten; was daran wahr ist, bleibt also schwer zu sagen.
Bei wem und für was müssten Sie sich noch entschuldigen?
Beim ehemaligen Stadtdirektor Christian Herrmann. Wir haben ihn damals in vielen Dingen scharf kritisiert, teils sicher auch zu Recht, aber im Rückblick muss ich sagen, hat er vieles richtig gemacht, sich vor allem um die zentralen Dinge gekümmert und vieles andere seine Mitarbeiter selbst machen und auch darstellen lassen.
Was war die skurrilste Geschichte aus Ihrer Feder?
Es war keine Geschichte, die geschrieben wurde, obwohl sie es wert gewesen wäre. Ich hatte über ein Haus an der B 73 geschrieben, das ein damaliger CDU-Ratsherr vermietet hatte an eine Hundepensions-Betreiberin. Der Haken: Eine Wohnnutzung war illegal, das Haus lag im Landschaftsschutzgebiet. In einem Kommentar hatte ich mich dafür eingesetzt, dass eine Ausnahme gemacht wird, frei nach dem Estering-Motto, wenn es illegal ist, legalisieren wir es. Daraufhin lud mich Stadtdirektorin Annegret Kruse ein. Im Rathaus erwartete mich neben Kruse eine Riege aus einem guten halben Dutzend Amtsleitern, die mir auf Zuruf der Stadtdirektorin erklären mussten, wie daneben ich lag. Im Nachhinein erzählten sie mir dann unter der Hand, wie peinlich für sie die Situation gewesen sei, weil sie eigentlich meiner Meinung waren.
Erzählen Sie uns den lustigsten Moment in 32 Jahren TAGEBLATT?
Es war ein Termin beim Buxtehuder Amtsgericht. Ich wollte gerade das Gebäude betreten, da kam mir ein Mann entgegengestürmt. Freundlich öffnete ich ihm die Tür, um ihn nicht aufzuhalten. Erst als ich unmittelbar darauf einen Wachmann in die gleiche Richtung stürzen sah, wurde mir klar, dass ich mich gerade als Fluchthelfer betätigt hatte. Der Mann, der von der Anklagebank weggelaufen war, blieb übrigens in einem Graben im Stadtpark stecken. Der Prozess konnte fortgesetzt werden, eine Extra-Strafe bekam er nicht, flüchten – ohne Schaden anzurichten – ist nicht strafbar.
Beim Blick auf den Journalismus gestern und heute: War früher alles besser?
Sicher nicht. Es gibt eine Anekdote aus meiner Ausbildungszeit, als ich im Rahmen des Volontariats in der Politik-Redaktion der Nordsee-Zeitung ein Praktikum gemacht habe. An einem Tag sollte ich selbstständig die Seite 1 bauen und mit Nachrichten bestücken. Unter anderem kam eine Meldung über den Ticker, US- Präsident Ronald Reagan hatte sich am Knie verletzt. Ich warf sie weg, wen interessiert schon das Knie von Reagan. Am nächsten Tag machte mich der Chefredakteur lang, ob ich angesichts des gerade gestorbenen Kremlführers Andropow die Bedeutung nicht erkannt hatte. Alle anderen Zeitungen hatten die Meldung. Es ist diese Art von Konformismus und Oberflächlichkeit in den Medien, die mir Sorgen macht, und dies wird nicht geringer.
Was raten Sie Ihrem Nachfolger?
Dem guten TAGEBLATT-Stil zu folgen und den Blick auf die „kleinen“ Leute zu bewahren.
Peter von Allwörden
Was war die wichtigste Geschichte in diesen 30 Jahren?
Es gab nicht die wichtigste Geschichte, sondern viele wichtige Geschichten – oder zumindest halte ich sie dafür. Dazu gehört sicher in Stade die Hotel-Ansiedlung am Stadeum, die bis heute nicht realisiert ist und die zu viel Unruhe geführt hat. Dazu gehören die Kraftwerksplanungen auf Bützflethersand von Electrabel, Eon und Dow. Bis heute steht keines. Dazu gehört aber auch die Geschichte von dem Stader Anwalt, der Mandantengelder unterschlagen hat und wenige Jahre nach der Wende in die neuen Bundesländer ging. Es gibt noch viel mehr solcher Geschichten. Sie alle zu nennen, sprengt aber diesen Rahmen.
Gab es eine Story, die Sie gehört, aber nie geschrieben haben?
Davon gibt es einige, aber weil ich sie nie geschrieben habe, werde ich sie auch jetzt nicht erzählen. Das hat etwas mit Verlässlichkeit zu tun. Im Grundsatz waren das immer Geschichten, die sich auf der Gerüchteebene bewegten und sich nicht erhärten ließen. Außerdem fragst du dich als Journalist immer, wie weit du gehen darfst und ob du mit deiner Berichterstattung Menschen ins Unglück stürzen könntest. Das ist am Ende immer ein Abwägungsprozess mit einer nicht geringen Verantwortung. Ein rücksichtsloser, nur an der Auflage orientierter Skandaljournalismus passt nicht in mein Selbstverständnis von journalistischer Arbeit und zum TAGEBLATT.
Bei wem und für was müssten Sie sich noch entschuldigen?
Da fällt mir spontan niemand ein. Ja, vielleicht entschuldige ich mich nochmals bei der Familie des früheren sozialdemokratischen Bundestagsabgeordneten Dr. Wolfgang Schwenk. In einem Nachruf beschrieb ich ihn als ruhigen Politiker, der zuweilen etwas schwierig im Umgang gewesen sei. Das war am 11. Mai 2011. Zwei Tage später entschuldigte ich mich im TAGEBLATT für diese und noch eine zweite, etwas despektierliche Formulierung. Da hatte mir die nötige sprachliche Sensibilität gefehlt. Sicher gibt es noch andere Menschen, die sich durch meine Berichterstattung nicht gut behandelt fühlten. Aber entschuldigen muss ich mich deshalb nicht. Es gehört zum Job, nicht immer von allen Menschen geliebt zu werden.
Was war die skurrilste Geschichte aus Ihrer Feder?
Da fallen mir zwei Geschichten ein: Einmal die von dem Berner Sennenhund aus Hahle, der eigenständig mit dem Bus vom Pferdemarkt nach Hause gefahren ist, nachdem sein Herrchen ihn verloren hatte. Sein Vorteil: Der Busfahrer kannte den Hund. Die zweite Geschichte ist eine Reportage über die Stader Schlaraffen – eine an sich schon kuriose Vereinigung von ursprünglich einmal Gauklern und Schauspielern. Die haben etwas verrückte eigene Rituale und auch eine eigene Sprache. Sie sind ebenso liebens- und bemerkenswert mit ihrer eigenen kleinen Parallelwelt.
Erzählen Sie uns den lustigsten Moment in 30 Jahren TAGEBLATT.
Es gibt viele solcher Momente: Lustig war sicher, als ein ehemaliger Kollege – seinen Namen nenne ich bewusst nicht – einmal so dermaßen auf dem Schützenfrühstück in Stade versackte, dass eine freundliche und routinierte Kollegin seinen Bericht schrieb. Keiner hat das gemerkt. Das ist echte Professionalität.
Beim Blick auf den Journalismus gestern und heute: War früher alles besser?
Nein, es war früher bestimmt nicht alles besser. Nach wie vor, also früher wie heute, gibt es unterschiedliche journalistische Grundhaltungen und Schwerpunkte. Da gibt es den Nachrichtenjournalismus, den analytisch kommentierenden Journalismus und natürlich den teils banalen Unterhaltungsjournalismus. Als lokale Tageszeitung muss man – früher wie heute – von allem etwas bieten. Ich glaube, dass in heutiger Zeit der bei der Orientierung im Wust der Informationsvielfalt behilfliche Journalismus wichtiger ist denn je. Das bedeutet aber gute Recherche und Berichterstattung und Analyse auf hohem Niveau.
Was raten Sie Ihrem Nachfolger?
Dem muss ich eigentlich nichts raten. Der weiß schon, wie er seinen Job richtig zu machen hat. Vielleicht nur so viel: Vertrauen aufbauen, ehrlich sein, aber die nötige Distanz nicht verlieren.