„So ein Leistungsniveau muss man erstmal schaffen“
Dr. Christin Siebert und ihre Kollegen betreuen Haller am Athleticum. Foto: Scholz
Ist Tim Haller „sporttauglich“? Der Sportler lässt sich am Universitätsklinikum Eppendorf (UKE) untersuchen. Mit dem Ergebnis, dass sich seine Spastik nicht wesentlich verschlechtert hat.
Tim Haller sitzt in einem lichtdurchfluteten Raum, auf der anderen Seite des Schreibtischs: Dr. Christin Siebert. Siebert ist Fachärztin für Orthopädie und Unfallchirurgie am „Athleticum“ des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf. Hier wird Haller einmal im Jahr sportmedizinisch untersucht und ist in guter Gesellschaft. Die Ärzte betreuen unter anderem Fußball-Mannschaften des HSV, Hamburgs Kaderreiter und viele weitere Sportler. Denn das Athleticum kooperiert mit dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB): Einmal im Jahr müssen alle Bundeskadersportler zur medizinischen Grunduntersuchung. Wie Tim Haller, der seit 2016 am UKE betreut wird.
„Es geht dabei um die Frage, ob er im Rahmen seiner körperlichen Fähigkeiten sporttauglich ist oder aber anderen ergänzende Untersuchungen und Behandlungen notwendig sind“, sagt Siebert. Untersucht wird Haller von Kopf bis Fuß: der Haltungs- und Bewegungsapparat, also Rücken, Arme, Beine und Füße, außerdem Zähne, Hals, Lymphknoten, Ohren, Lunge, Herz, Blut und Urin. Das Ergebnis: „Tim ist auf einem guten Trainingsstand“, sagt Siebert. Ein guter Indikator dafür sei die Herzfrequenz, die sich von 2016 bis 2018 kaum verändert habe und „sportlertypisch“ niedrig sei. Die Herzfrequenz bei Haller lag im Bereich von 53 bis 56 Schlägen pro Minute.
Im Belastungs-EKG habe er auf dem Ergometer bis 200 Watt „beschwerdefrei“ in die Pedale treten können, sagt Siebert. Dass Haller auf einem guten Leistungsniveau sei, belegen auch andere Werte, die ihm eine gute Herz-Kreislauffunktion, einen niedrigen Körperfett-Anteil und eine gute Muskelmasse bescheinigen – sowie eine gute Lungenkapazität, die trotz eines allergischen Asthmas voll leistungsfähig sei. „Er kann bedenkenlos Leistungssport betreiben.“
Vor zwei Jahren jedoch wurde bei Haller ein Eisen-Mangel festgestellt, der seine Leistungsfähigkeit insofern beeinflusst hat, dass das Blut weniger Sauerstoff transportieren konnte. Das UKE empfahl eine Substitution, die Zufuhr der Stoffe, und eine Ernährungsberatung. Bei Sportlern besteht aufgrund der erhöhten körperlichen Anforderungen ein Mehrbedarf an Mineral- und Spurenelementen. Die Ergebnisse der Untersuchungen geben die Ärzte über eine Datenbank an den DOSB weiter.
Siebert, Mannschaftsärztin zweier Fußball-Oberligisten, ist beeindruckt von Hallers Disziplin: „So ein Leistungsniveau muss man neben dem Job erstmal schaffen.“ Haller, der als Fahrzeugpfleger in Harsefeld arbeitet, bewege sich geschmeidiger als mancher ihrer Fußballer.
Die rechtsseitige Spastik, sagt Siebert, habe sich nicht wesentlich verschlechtert. Bei einer Spastik ist die Muskelspannung erhöht und das kann zu muskulären Verhärtungen führen. So sei es wichtig gewesen, dass Haller sich muskulär besser aufgestellt habe, sagt Siebert. Schließlich ist bei Bewegungen immer das Zusammenspiel gegensätzlich wirkender Muskeln notwendig – nach dem Prinzip Spieler und Gegenspieler. Funktioniert das nicht, kann es zu Fehlhaltungen kommen. Bei Haller sei aufgrund der Spastik der rechten Körperhälfte ein gezieltes Training notwendig, um den Ist-Zustand zu halten und muskulären Dysbalancen vorzubeugen, sagt Siebert. Das aber wirke sich positiv auf Körperhaltung, Herz-Kreislaufsystem und Wohlbefinden aus.