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Stade: Weichen fürs Industriegleis gestellt

Sie machen den Weg frei (von links): Bürgermeisterin Silvia Nieber, Hans-Jürgen Haase von der Landesbehörde für Straßenbau sowie die Bahnvertreter Sven Krüger und Kay Schatkowski im Rathaus. Foto Strüning

Sie machen den Weg frei (von links): Bürgermeisterin Silvia Nieber, Hans-Jürgen Haase von der Landesbehörde für Straßenbau sowie die Bahnvertreter Sven Krüger und Kay Schatkowski im Rathaus. Foto Strüning

Gute Laune im Stader Rathaus: Am Montag haben Vertreter der Deutschen Bahn, des Landes und der Stadt einen Vertrag unterschrieben, dass parallel zum Bau des 5. Abschnittes der A 26 ein Industriegleis geplant wird. Das soll mehrere Vorteile bringen.

Von Lars Strüning Montag, 04.07.2016, 18:16 Uhr

15 Millionen Euro lässt sich die Stadt diese integrierte Lösung kosten. Mit dem 3,5 Kilometer langen Industriegleis will sie mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen: Das Industriegebiet in Bützfleth wird besser an die Bahnhauptstrecke zwischen Hamburg und Cuxhaven angeschlossen, die Stadt vom Güterverkehr befreit und der Verkehrsfluss verbessert, weil vier Bahnübergänge wegfallen würden. Der pragmatischen Lösung sind seit 2013 viele komplizierte Gespräche vorausgegangen.

Klar war dabei: Wenn die Stadt jetzt nicht gehandelt hätte, wäre die Option, das Gleis zu verlegen, auf absehbare Zeit nicht mehr umsetzbar gewesen.

2013 mischte sich die Stadt mit der ungewöhnlichen Idee ein, die Pläne für die neue Güterbahnverbindung mit denen für die Autobahn zu verquicken. Das traf weder bei der planenden Landesbehörde als auch bei der DB Netz AG auf große Freude. Kaum jemand habe an die Umsetzung des Projekts geglaubt, sagte Daniela Behrens (SPD), Staatssekretärin im Niedersächsischen Verkehrsministerium. Das Problem: Der fünfte Bauabschnitt der Autobahn, der von Stade aus an die A 20 bei Drochtersen führen soll, war längst gezeichnet. Behrens: „Die Stadt war etwas spät dran, das war nicht ideal.“

Um so wichtiger sei der Tag der Vertragsunterzeichnung. Nicht hoch genug, so Behrens, sei der Beitrag der Stadt zu würdigen, die bis zu 15 Millionen Euro bereitstellen will, um die Mehrkosten für Planung und Umsetzung ihrer Wünsche zu tragen.

Das Geld, so Bürgermeisterin Silvia Nieber im TAGEBLATT-Gespräch, wird die Stadt die nächsten Jahre peu á peu auf die hohe Kante legen. 2021, so die Hoffnung am Montag, könnte der erste Spatenstich für Autobahn und Industriegleis ins Erdreich getrieben werden. Als Bauzeit sind sechs Jahre fixiert.

Anerkennung fand das Vorpreschen der Stadt bei der DB Netz AG. Als „relativ seltenes Thema“ beschrieb es Kay Schatkowski, der Leiter der Produktionsdurchführung. Er sprach von einer einmaligen Chance und davon, dass „wir ein stückweit Geschichte in der Region schreiben“.

Die Vorteile der Stadt: Sie bekommt für den Hafen Bützfleth eine leistungsfähige Hinterlandanbindung. Das freut die ansässigen Firmen, könnte neue Ansiedlungen anlocken und hält die Option für einen Ausbau des Hafens offen. Der Güterverkehr rollt nicht mehr quer durch die Stadt. Das jetzige Gleis wird entwidmet.

Anwohner müssen weniger Lärm ertragen, vier Bahnübergänge könnten aufgelöst werden, so zum Beispiel in der Altländer Straße, Am Staatsarchiv oder an der Schwinge-Brücke. Das erhöht den Verkehrsfluss.

20 Unternehmen aus der Region unterstützen das Projekt. Volker Richter, Geschäftsführer von Aluminium Oxid Stade (AOS), gehört zu ihnen. „Ich bin sehr froh, dass die Entscheidung so gefallen ist.“ Durch die neue Trasse sei Bützflethersand besser an das überregionale Netz angebunden. Das neue Angebot werde die Nachfrage verstärken, Güter per Bahn zum Kunden zu bringen, sei „voll im Trend“.

Markus Schlichtung von der Firma Elbclearing denkt schon weiter: Vom Industriebahnhof Brunshausen vor den Toren der Dow könnte ein ungefähr drei Kilometer langer zusätzlicher Schienenstrang auch das nördliche Gebiet mit Hafen und AOS besser anbinden.

Der Seehafen habe „glänzende Perspektiven“, ließ Enak Ferlemann (CDU) in seinem Grußwort mitteilen. Die Güterumfahrungsbahn gehöre dazu. Ferlemann, Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium: „Dieses Vorhaben halte ich für notwendig und unterstütze es gerne.“

Viele Menschen in Stade werden schlucken, wenn sie die Summe von 15 Millionen Euro wahrnehmen, mit der die Stadt das Industriegleis-Projekt finanzieren muss. Doch die Stadt macht es richtig. Vielleicht ist die am Montag geschlossene Vereinbarung das wichtigste Datum in diesem Jahr. Es ist ein Datum mit Perspektive, vielleicht sogar für die regionalen Geschichtsbücher.

Ohne die Verlegung des Industriegleises raus aus der Stadt und hin zur A 26 hätte sowohl das Industriegebiet Stade-Nord auf Bützflethersand als auch der Hafen kaum Entwicklungsperspektiven. Eine gute Verkehrsanbindung über Autobahn und leistungsfähigem Gleis für den Güterverkehr sind wichtige Standortfaktoren und bringen Vorteile im Wettbewerb mit anderen Wirtschaftsräumen. Außerdem wird die Stadt vom Güterverkehr befreit. Nervige Staus gerade in der Altländer Straße gehören dann der Vergangenheit an. Und: Auch die gefährlichen Güter aus der Chemieindustrie rollen nicht mehr quer durch die Stadt oder müssen am alten Güterbahnhof rangiert werden.

Bezeichnend für die Stadt: Bei den wirklich wichtigen Themen zieht die Politik an einem Strang. So fiel der Beschluss, die Summe für das Industriegleis über die Jahre zur Verfügung zu stellen, im August 2015 einstimmig aus. Das ist eine der Stärken Stades.

Die andere war in diesem Fall die Hartnäckigkeit, mit der die Stadtverwaltung – mit Bürgermeisterin Silvia Nieber an der Spitze – das Unmögliche möglich machte: Sie brachte die großen Apparate von der DB Netz AG und der Landesstraßenbauverwaltung in Bewegung – anfänglich gegen deren Willen. So kam ein äußerst ungewöhnliches, weil pragmatisches Vorgehen zum Zuge: die Stader Lösung.

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