Stader Lehrer: „Schafft die Schule ab“
Ein Buchautor will aufrütteln: der Stader Oliver Hauschke . Foto Stief
Er war ein klassischer Gymnasiallehrer: Noten müssen sein, Zeugnisse auch. „Ich hab’ den ganzen Blödsinn geglaubt“, sagt Oliver Hauschke. Jetzt tut er es nicht mehr. Und daher trägt das Buch, das der in Stade lebende Lehrer geschrieben hat, den Titel „Schafft die Schule ab“.
Seit 20 Jahren ist Oliver Hauschke im Schulbetrieb unterwegs. Zunächst in Hessen als Gymnasiallehrer, die letzten Jahre leitete er den gymnasialen Zweig der Gesamtschule in Drochtersen. Hauschke weiß, wovon er redet, und er hofft, dass der Inhalt seines 220 Seiten starken Buches – geschrieben von einem „kleinen Provinzlehrer“ – etwas zum Guten verändert.
So wie es ist, könne es jedenfalls nicht bleiben. An den Schulen würden die Kinder entmutigt, desillusioniert, deprimiert, unterdrückt und betrübt, sagt der Vater von zehn Kindern. Kleine Kinder sind begeistert, wenn sie in die Schule kommen, und freuen sich, dass sie was lernen dürfen. Doch die Lernfreude nimmt ab, irgendwann geht es nur noch um Noten und um die Frage „wie war ich heute?“ Viele beteiligen sich nicht mehr am Unterricht, weil sie Angst haben, etwas Falsches zu sagen. Es gebe eine Beschämungskultur, so Hauschke. Da halten sie lieber die Klappe. Auch das noch: Manche Kinder bekommen Depressionen, manche Migräne.
Oliver Hauschke hat mit vielen Eltern über die Situation an den Schulen gesprochen. Und er glaubt, auch vielen von ihnen mit seinem Buch aus der Seele zu sprechen. Erste Reaktionen auf „Schafft die Schule ab“, das vor zwei Wochen auf den Markt kam, scheinen das zu bestätigen. Eltern sind dankbar, dass endlich mal jemand ausspricht, was sie angesichts des Schulalltags ihrer Kinder denken oder aus eigener Schulerfahrung kennen. Denn, auch das eine These von Hauschke: Schule hat sich in ihren Grundfesten nicht geändert. „Schule will nichts ändern, sondern nur verwalten, was sie hat.“ Da sie nicht von sich aus reformierbar ist, gehört sie abgeschafft – basta.
Als Schul-Insider blickt Oliver Hauschke differenziert auf das Schulsystem. Die Grundschulen kommen bei ihm am besten weg. Da hielten neue Konzepte Einzug, würde viel für die Schüler getan. Die Integrierte Gesamtschule IGS in Stade erhält Pluspunkte, weil sie keine Ziffernzeugnisse, sondern Berichtszeugnisse schreibt. Auch die Waldorfschulen kommen ins gute Töpfchen.
Schlimm wird es für Hauschke vor allem im gymnasialen Bereich. Lehrer nehmen ihr Fach und sich selbst zu wichtig. Sie mobben Schüler mit ihren Sprüchen („das schaffst du nie“), bei Zeugniskonferenzen behandeln sie ihre Schützlinge wie Waren oder Vieh und ziehen sie zu braven Arbeitssoldaten heran.
Dass er überspitzt, gibt Hauschke unumwunden zu. Schließlich wolle er aufrütteln. Aber ein Zerrbild zeichne er nicht. Er weiß, dass es auch gute Lehrer gibt, die vieles abfedern und es den Kindern angenehmer machen, die sie unterstützen und ihnen zugewandt sind. Aber es bleibt dabei: Der Lehrplan gibt den Takt vor, das System nordet eben auch die Lehrer ein. Da erinnert Hauschke an Pisa und G 8 – das hat noch mal ordentlich Druck ausgeübt. Negativen, versteht sich.
„Schafft die Schule ab“ – das klingt natürlich reißerisch. Aber dabei bleibt Oliver Hauschke nicht stehen. Er will die Schule durchaus, nur anders. Lernorte oder Lernwerkstätten stellt sich der Pädagoge Hauschke vor. Dort wird dann kindgerecht und nachhaltig gelernt. Jeder, so schnell wie er kann. Jahrgangsübergreifend lernen Kleine von Großen und umgekehrt. Klassen gibt es so nicht, Noten auch nicht. „Kinder entscheiden selbst, mit was sie sich beschäftigen wollen“, findet Hauschke. Es gibt einen Grundlehrplan, alles weitere entscheiden die Schüler.
Es gebe gute Schulen, sagt Gymnasiallehrer Oliver Hauschke. Die Helene-Lange-Schule zum Beispiel. Eine Versuchsschule in Wiesbaden. Geprägt von Respekt, gegenseitiger Achtung und konstruktivem Bemühen, heißt es im Leitbild. Aber die normalen Schulen haben die Inhalte nicht erreicht. „Ein Leuchtturm in der Dunkelheit“, sagt Hauschke. Solche Schulen will Oliver Hauschke nicht nur für eine privilegierte Minderheit, sondern für alle.
Da Hauschke davon überzeugt ist, dass sich Schule nicht von sich aus ändert, blickt der 46-Jährige auf mögliche Verbündete: die Eltern. Das sind viele. Die sollen es richten, was Politik und Behörden nicht schaffen.
Oliver Hauschke: „Nur die Eltern können Druck genug machen, damit sich Schule zum Positiven ändert.“
Das Buch „Schafft die Schule ab“ von Oliver Hauschke ist als Taschenbuch im mvg Verlag erschienen. Es kostet 16,99 Euro und ist im Buchhandel erhältlich (ISBN: 978-3747400425).