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100. Geburtstag

Stader Saatzucht: Einer für alle, alle für einen

Der Kartoffeltag – damals schon eine Institution. Es ist nur eine von jährlich rund 25 Info-Veranstaltungen der Genossenschaft.

Der Kartoffeltag – damals schon eine Institution. Es ist nur eine von jährlich rund 25 Info-Veranstaltungen der Genossenschaft.

Die Stader Saatzucht, seit 2017 unter dem Namen Raisa eG bekannt, feiert in diesem Jahr ihren 100. Geburtstag. „Einer für alle, alle für einen“ – so lautet nicht nur die Parole der „Drei Musketiere“, sondern auch der Leitspruch des Genossenschaftswesens.

Von Karsten von Borstel Dienstag, 01.05.2018, 12:30 Uhr

Der Gesamtumsatz der Raisa eG liegt heute bei 326 Millionen Euro – verteilt auf viele Sparten. Dabei begann alles am 4. Mai 1918 im letzten Jahr des Ersten Weltkriegs mit einer Nutzpflanze: der Kartoffel.

Die Industrielle Revolution und die Bauernbefreiung schufen die Voraussetzungen für das Genossenschaftswesen, wie wir es heute kennen. Denn das Ende der bäuerlichen Verpflichtungen gegenüber den Grundherren sorgte dafür, dass sie Felder bewirtschafteten – und sich mobilisierten. Als Wegbereiter des deutschen Genossenschaftswesens gelten bis heute Hermann Schulze-Delitzsch und Friedrich Wilhelm Raiffeisen.

Die Stader Saatzucht, seit 2017 Raisa eG, ist eine der größten deutschen Warengenossenschaften. Sie wird am 14. Mai 1918, im letzten Jahr des Ersten Weltkriegs, unter dem Namen „Stader Saatbauverein“ gegründet. 21 Landwirte wollen Saatgut und Pflanzkartoffeln gemeinschaftlich vertreiben. Anfang der 1920er Jahre ist der Landkreis bei der Schweine- und Rinderzucht führend. Auch in der Pferdezucht sowie im Obstanbau ist die Region gut aufgestellt. Die Bauern verfolgen das Ziel auch im Bereich des Kartoffelanbaus. Zweck ist die „Beschaffung, Züchtung und Verwertung von gutem Saatgut zwecks Förderung der Wirtschaft der Mitglieder“.

1919 beginnt die Stader Saatzucht die Neuzucht von Kartoffelsorten, um die Erträge zu erhöhen. Obwohl weiterhin Kulturpflanzen wie Raps und Getreide gezüchtet werden, forcieren die Landwirte die Kartoffelvermehrung. Im Dezember 1931 sind acht Prozent der Ackerflächen auf diese Weise bestellt. Dabei gehen Umsatz und Ertrag der Saatzucht in den 1920er Jahren so drastisch zurück, dass ihre Existenz auf dem Spiel steht. Auf einer außerplanmäßigen Generalversammlung wird am 21. März 1925 als Reaktion die Gründung eines Versuchsrings auf der Stader Geest beschlossen. Durch intensive Beratung kann die Ertragslage tatsächlich schnell verbessert werden.

Eine andere Zeit: Kartoffelverladung auf dem Bahnhof Harsefeld-Süd im Oktober 1955.  Fotos Fotoarchiv Raisa eG

2018 ist das „Raiffeisen-Jahr“: Zum 200. Geburtstag des Namensgebers wird an sein Werk und die deutsche Genossenschaftsidee erinnert. 22,6 Millionen Deutsche sind heute laut einer Statistik Mitglied einer Genossenschaft. Die Idee ist keineswegs antiquiert. Im Gegenteil: Nach der Finanz- und Wirtschaftskrise in einer immer stärker globalisierten Welt suchen viele Menschen den „sicheren Hafen“ im Genossenschaftswesen.

Zu Beginn werden überwiegend Kreditgenossenschaften gegründet. Sie gehen in die Volks- und Raiffeisenbanken über. Doch viele Kredithäuser bieten Kunden bereits den Handel mit landwirtschaftlichen Gütern. Friedrich Wilhelm-Raiffeisen geht vom „Potenzial der Universalgenossenschaft“ aus. Er animiert Kredithäuser, Rohstoffe, Arbeitsmittel Dünger, Saatgut und anderes zentral zu beziehen, um Einkaufsvorteile zu erzielen. Das System funktioniert. Viele Genossenschaften nehmen das landwirtschaftliche Warengeschäft auf.

Die Kreditgenossenschaften spezialisieren sich nach und nach auf das Finanzgeschäft und stoßen übrige Sparten an die Warengenossenschaften ab. Auf diese Weise kann auch die Stader Saatzucht ihren Einfluss im Laufe der Jahrzehnte erheblich ausweiten. Die Genossenschaftsbewegung wirkt sich auf viele Wirtschaftszweige aus: Molkereien, Wohnungsbau, Winzer, auf den Handel oder das Handwerk.

Über die Jahre wird die Kartoffel immer wichtiger für die Geschäfte der Stader. Als Motor dieser Entwicklung gilt Dr. Joachim Köhne, ab 1929 bis 1967 Geschäftsführer der Genossenschaft, und besser bekannt unter dem Namen „Kartoffeldoktor“. Joachim Köhne geht in die Unternehmensgeschichte ein, weil er „die Landwirtschaft auf dem Gebiet des Kartoffelanbaus, der Züchtung und Vermarktung nachhaltig voranbringt“.

Aus dem 1925 gegründeten Versuchsring wird das „Stader Modell“ – eine Kooperation zwischen Saatzucht, Beratungsringen, Maschinenringen, Bauernverband und Landwirtschaftskammer. Nach dem Zweiten Weltkrieg erfährt das Stader Modell eine Renaissance – sie hält bis heute. Doch den Spartengenossenschaften sind beim Wachstum Grenzen gesetzt: Will ein Unternehmen wachsen, muss es in profitable Geschäftsfelder vorstoßen. Stichwort: Diversifizierung. Der 25. März 1931: Mit dem Beschluss zum „An- und Verkauf landwirtschaftlicher und gewerblicher Erzeugnisse und Artikel“ ebnet die Generalversammlung den Weg für das heutige Erfolgsrezept.

Im Stammbaum der Stader Saatzucht finden sich Vorgängergenossenschaften, die sich intensiv auf eine Branche konzentrierten. Heute kaum vorstellbar: Allein fünf Eierverwertungsgenossenschaften sind in die Saatzucht übergegangen. Aufgrund veränderter Produktionsbedingungen und zugänglicher Märkte ein ausgedientes Geschäftsmodell.

Kartoffelannahme in Dollern: Das Gebäude mitsamt Lager wurde bei einem Brand vollständig zerstört.

Die Kartoffel spielte und spielt eine herausragende Rolle in der Biografie der Stader Genossenschaft. In den Folgejahren wird die Kartoffelzucht intensiviert und die Saatzucht setzt mit dem Versuchsring auf Forschung. Besonders eine Sorte rückt Mitte des vergangenen Jahrhunderts in das Interesse der Landwirtschaft: „Grata“. Aus der Sämlingsernte 1945 wird eine einzige Staude ausgelesen. Sie erhält vom Bundessortenamt den Sortenschutz und macht „Karriere“. Die Attribute der Pflanze: „Der ausgezeichnete Speisewert in Kombination mit einer hohen Fäulnisresistenz und Beschädigungsunempfindlichkeit“. „Grata“ schafft es an die Spitze aller Kartoffelsorten. Zwischenzeitlich gehört jede fünfte Kartoffel in Deutschland zur Sorte.

Mitte der 1970er Jahre wird die Zucht durch Gründung der Nordkartoffel Zuchtgesellschaft mbH auf ein neues Level gehievt. Das Dienstleistungsunternehmen in Kooperation mit der Saatzucht Soltau Bergen und den Vereinigten Saatzuchten Ebstorf-Rosche bringt einige der bekanntesten Kartoffelsorten hervor, darunter Cilena, Leyla, Solara und Tommensa. 1985 folgte die Gründung eines Forschungslabors, der „Bioplant. Das Ziel des Unternehmens: die gesunde Anzucht auf einer breiten genetischen Basis. Aufgabe ist es, bio- und gentechnologische Verfahren im Bereich der Zell- und Gewebekultur zu erarbeiten.

Heute vertreibt die Raisa eG längst nicht nur Kartoffeln, Saaten oder Spezialbedarf für Landwirte. Die Genossenschaft ist Nahversorger, Energielieferant, Dienstleiter und noch einiges mehr. Die unterschiedlichen Tätigkeitsfelder sind das Thema einer Reihe auf der Seite Wirtschaft Regional, die fortan in loser Folge erscheint. Dazu zählen:

Düngemittel und Pflanzenschutz : Die Züchtung einer Vielzahl von Kartoffelsorten erfordert hohen finanziellen Aufwand. Mit dem Verkauf von Düngemitteln an Mitgliedsbetriebe wird die Züchtung finanziert. Dabei geht es den Landwirten zunächst darum, ihren Böden höhere Erträge abzuringen. Heute ist vor allem das situationsangemessene Ausbringen von Dünger sowie Pflanzenschutzmitteln in den Fokus gerückt.

Saaten: Das traditionelle Geschäft des Unternehmens: Neben Kartoffel werden bereits in den Anfängen verbreitete Kulturpflanzen wie Raps und Getreide vermarktet. Durch den steigenden Futtermittelanbau und die Entwicklung von Biogasanlagen ab dem späten 20. Jahrhundert erhöht sich der Anbau von Mais. Andererseits geht die Vermehrung von Getreide in der Region zurück.

Die landwirtschaftliche Geschäftsstelle mit Futtermittelwerk in Apensen, ein strategisch wichtiger Standort.

Futtermittel: Seit 1962 Teil des Portfolios, heute ist der Standort Apensen mit einem Mischfutterwerk strategisch wichtig. Es wird Schweine- aber auch Rinderfutter hergestellt. Anfänglich sind es 30 000 Tonnen pro Jahr, inzwischen werden in einer Kooperation mehrere Hunderttausend Tonnen Futtermittel erzeugt.

Logistik: Aus dem Futtermittelsegment ergibt sich die Logistik. Heute sind die Fahrzeuge der Raisa eG nicht mehr von den Straßen wegzudenken. Ab 1970 werden erste eigene Silo-Lkw eingesetzt. Mit der Ausweitung des Futtermittelgeschäfts wächst der Fuhrpark. Heute fahren Hebebühnenfahrzeuge, Kofferfahrzeuge, Viehtransporte und andere Vehikel nicht nur auf deutschen Straßen. Außerdem ist das Unternehmen einer der wichtigsten regionalen Spediteure.

Viehvermarktung: Nach eigenen Versuchen wird die Sparte in den 1960er Jahren nach erheblichen Verlusten eingestellt. Ab Mitte der 1990er Jahre wird die Viehvermarktung durch Verschmelzung allerdings wieder ein lukratives Geschäftsfeld für die Stader Saatzucht. Ohnehin ist die Sparte rückblickend geprägt von Fusion und Geschäftsübernahmen. 2015 erfolgt die Übertragung in eine eigene Geschäftseinheit, die Saatzucht Viehvermarktung GmbH & Co. KG, die sich heute in Raisa Q GmbH & Co. KG (Geschäft mit Großvieh) und Raisa piQs GmbH & Co. KG teilt.

Energie: Im Herbst 1974 nimmt die Genossenschaft den Handel mit Heizöl und Dieselkraftstoff auf, zunächst werden landwirtschaftliche Betriebe beliefert, kurze Zeit später folgt die Versorgung privater Haushalte. Durch die Abkehr von der Ölheizung hin zu neuen Energieträgern versucht die Stader Saatzucht, sich als Nahversorger zu etablieren. Das Produktportfolio wird mit alternativen Brennstoffen wie Holzpellets und Holzhackschnitzeln erweitert. Maßgeblich ist die Gründung der Raiffeisen Energie GmbH & Co. KG mit 50 anderen Genossenschaften, die die Versorgung mit Gas und Strom möglich macht. Gleichzeitig erfolgt der Ausbau der Tankstellen auf heute 30 Stationen.

Raiffeisen-Märkte: Der Weg in den Einzelhandel: Zunächst beschränken sich die Raiffeisen-Märkte auf landwirtschaftlichen Zusatzbedarf. Heute gibt es in den Verkaufsläden ein Sortiment für Hof, Garten und Heimtiere. Es werden mittlerweile 24 Märkte betrieben. Einige der Märkte kamen durch Fusion hinzu, zum Beispiel auf der Stader Geest.

Die Raisa eG ist mit über 50 Geschäftsstellen in den Landkreisen Stade, Rotenburg, Cuxhaven, Harburg, Heidekreis, Osterholz, Verden und Lüneburg vertreten. Das Unternehmen wird von rund 3300 Mitgliedern getragen, beschäftigt 480 Mitarbeiter. Das Betriebsergebnis der Vorgängerunternehmen betrug 3,8 Millionen Euro. Die Strategie: In jeder Stadt oder Samtgemeinde gibt es eine Geschäftsstelle und einen Raiffeisen-Markt. An jeder größeren Straße betreibt die Genossenschaft eine Tankstelle, hinzu kommen sechs Baucenter, über die Baustoffe vertrieben werden.

In der zweiten Hälfte der 1960er Jahre bauen in der Region 1548 Landwirte die Kartoffel auf 4165 Hektar an. Heute sind die Anbauflächen auf 800 Hektar zusammengeschmolzen. Der Kartoffeltag ist bis heute trotzdem das bekannteste Beispiel für Veranstaltungen rund um das Thema Agrar. Die Bedeutung der Nutzpflanze Kartoffel ist im Laufe der Zeit zurückgegangen – allerdings nur flächenmäßig.

Quelle: Viola Koschnik, Rita Quadt: „Stader Saatzucht eG. Eine moderne Genossenschaft mit weitreichenden historischen Wurzeln“. Aus: Martin Kleinfeld, Giesela Wiese (Hrsg.): „Genossenschaftliche Vielfalt auf dem Land: Begleitband zur Sonderausstellung ‚Einer für alle, alle für einen‘“, Ehestorf 2016.

Das TAGEBLATT widmet dem 100. Geburtstag der Raisa eG, ehemals Stader Saatzucht, eine mehrteilige Reihe, die fortan in loser Folge auf der Seite Wirtschaft Regional erscheint und die breite Unternehmenspalette darstellt.

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