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„Welcome to Hell“-Demo

Stundenlange Gewalt auf Hamburgs Straßen

Am Vorabend des G20-Gipfels in Hamburg ist es zu massiven Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Demonstranten gekommen. Die Polizei meldete mindestens 76 verletzte Beamte und erhebliche Sachbeschädigungen. Die Feuerwehr rückte zu 156 Einsätzen aus.

Freitag, 07.07.2017, 07:12 Uhr

Am Vorabend des G20-Gipfels in Hamburg ist es zu massiven Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Demonstranten gekommen. Bei der „Welcome to Hell“-Kundgebung gegen das Treffen der großen Wirtschaftsmächte flogen Flaschen, Feuerwerkskörper wurden gezündet, später brannten umgestürzte Mülltonnen und mindestens ein Auto. Die rigoros vorgehende Polizei setzte wiederholt Wasserwerfer und Pfefferspray ein und trieb die rund 12000, in der Mehrzahl friedlichen Teilnehmer auseinander.

Ein Auto brennt am Rande der Demonstration „G20 – Welcome to hell“ vollständig aus. Foto Gateau/dpa

Unter die Demonstranten hatten sich nach Polizeiangaben etwa 1000 Vermummte gemischt – was die Polizei aber nicht duldete. Sie war ursprünglich sogar von bis zu 8000 gewaltbereiten Autonomen ausgegangen. Der Veranstalter erklärte den Demonstrationszug nach gut einer Stunde für beendet. Dieser war nur wenige Meter weit gekommen.

Demonstranten werden von den Wasserwerfern der Polizei während der Demonstration unter Beschuss genommen. Foto: Heygster

Das globalisierungskritische Netzwerk Attac verurteilte die Strategie der Polizei. „Die Auseinandersetzungen bei der Demonstration „Welcome to Hell“ waren eine Eskalation mit Ansage: Es ist offenkundig, dass diese Demonstration nach dem Willen von Polizei und Senat nie laufen sollte“, sagte Roland Süß vom bundesweiten Attac-Koordinierungskreis.

Die Polizei sagte, man habe versucht, den „schwarzen Block“ der Linksautonomen von den friedlichen Demonstranten zu trennen – dann hätte die Kundgebung fortgesetzt werden können. Dies sei aber nicht gelungen.

Aus der Menschenmenge lösten sich anschließend immer wieder einzelne Gruppen, die in Nebenstraßen verschwanden. Gewalttäter rüsteten sich laut Polizei mit Gerüstteilen und Steinen aus und zündeten weiterhin Gegenstände an. Einige Anwohner reagierten besonnen und löschten umgehend, schrieb die Polizei auf Twitter. An einem Kaufhaus im Stadtteil Altona und in einer Sparkasse gingen Schaufensterscheiben zu Bruch.

Polizeipräsident Ralf Martin Meyer sagte am späten Abend, es gebe mittlerweile viele Kleingruppen, die durch die Stadt zögen. Diese errichten Barrikaden; Beamte würden angegriffen. Die Lage sei weiter unübersichtlich.

Auch Polizei-Pressesprecher Timo Zill wurde angegriffen. Er flüchtete sich laut Polizei in einen Rettungswagen. Die Täter versuchten nach ihren Angaben, die Tür des Rettungswagens aufzureißen und schlugen auf diesen ein. Der Wagen fuhr schließlich mit Blaulicht davon. Der Sprecher blieb unverletzt.

Die Polizei forderte Unbeteiligte auf, sich vom Geschehen zu entfernen, „um den Einsatzkräften die Arbeit zu erleichtern“. Begonnen hatte die Aktion gegen den G20-Gipfel friedlich am Hamburger Fischmarkt, wo Musik gespielt und Reden gehalten wurden. Die Demonstration sollte von dort aus über die Reeperbahn bis etwa 300 Meter an die Messehallen herangehen. Keine andere Demonstration darf dem G20-Tagungsort in den Messehallen näher kommen.

Anders als für andere Veranstaltungen hatte die Polizei für „Welcome to Hell“ („Willkommen in der Hölle“) keine Auflagen erlassen. Anmelder Andreas Blechschmidt vom linksautonomen Kulturzentrum „Rote Flora“ warf Innenbehörde und Verfassungsschutz dennoch vor, „eine massive Kampagne“ gegen Demonstranten zu führen. Am Fischmarkt wurde zunächst friedlich protestiert. Die Polizei meldete Angriffe auf Einsatzkräfte in St. Pauli und Altona. Die Polizei erklärte die Krawalle auf der Reeperbahn zwischenzeitlich für beendet.

In den späten Abendstunden glich die Szenerie einem Katz-und-Maus-Spiel. Einzelne Demonstranten splitterten sich immer wieder ab und sorgten für Konfrontationen, ab 22.30 Uhr auch im Schanzenviertel.

Die Zahl der Gefangenen in der Gefangenensammelstelle in Harburg nahm nach den Ausschreitungen in der Stadt zu. Immer mehr Kleintransporter der Polizei kamen und gingen.

Kurz nach Mitternacht meldete die Polizei mindestens 76 verletzte Beamte. Die Piloten des Polizeihubschraubers „Libelle 2“ wurden während ihres Einsatzes vom Boden aus mit einem Laser geblendet. Beide Piloten wurden verletzt und können ihren Dienst nicht fortsetzen. Ein weiterer Polizist musste mit einer Augenverletzung in eine Klinik eingeliefert werden, da unmittelbar vor seinem Gesicht ein Feuerwerkskörper explodiert ist.

Die Feuer- und Rettungswachen, Freiwilligen Feuerwehren, Hilfsorganisationen und sonstige beteiligte Organisationen haben im Zusammenhang mit den Ereignissen um die Demonstrationen insgesamt 156 Einsätze gemeldet. Darunter waren 61 kleinere und größere Feuer und 79 Notfälle.

Alles rund um den G20-Gipfel in Hamburg lesen Sie hier im TAGEBLATT-Liveticker.

 

Von Markus Lorenz

Willkommen im realen Irrsinn verblendeter linksautonomer Krawallmacher. Ihre „Welcome to Hell“-Demonstration in Hamburg lief gestern Abend schon aus dem Ruder, bevor sie überhaupt begonnen hatte. Und nahm damit genau den Verlauf, den der harte Kern im unbelehrbaren Schwarzen Block nicht nur einkalkuliert, sondern wohl auch herbeigesehnt hatte. Wie sonst ist zu erklären, dass Demonstrationsteilnehmer nicht nur vermummt zur politischen Meinungsäußerung erscheinen, sondern auch mit Flaschen, Steinen, Böllern und wer weiß was bewaffnet? Ohne Wenn und Aber: Wer Sprengkörper auf Polizisten wirft, ist ein Straftäter, gehört verfolgt und bestraft. Und wenn durch das ungerächte Tun gewaltverliebter Kampflinker die Sicherheit von Tausenden Menschen auf der Straße in Gefahr gerät, bleibt der Polizei auch nichts anderes übrig, als eine Demonstration aufzulösen.

Bleibt zu hoffen, dass der Gewaltausbruch, der zum Zeitpunkt des Verfassens dieser Zeilen anhielt, in der Nacht nicht noch weiter eskaliert ist. So oder so bilden die Ausschreitungen am Vorabend des G20-Gipfels den erwartet schlechten Start für das Treffen der wichtigsten Politiker dieser Welt. Das gilt weniger für die Gespräche von Merkel und Co. als solche. Putin, Trump und andere werden die Krawalle im Zweifel kaum zur Kenntnis nehmen. Ein Jammer ist das gestrige Desaster vor allem für jene, die dem G20-Konstrukt kritisch gegenüberstehen und die Hamburg als große Chance für sich gesehen haben. Schon jetzt ist beeindruckend, in welcher Breite, und mit welch konstruktivem Anspruch zivilgesellschaftlichen Gruppen den Gipfel nutzen, um für ihre Gegenkonzepte zu kämpfen.

Die allermeisten tun dies friedlich, auch wenn schnelle Erfolge für sie zumeist nicht in Sicht sind. Und eben darin unterscheiden sie sich von anderen Kritikern aus dem links-chaotischen Lager, die nicht nur ständig zu wissen glauben, wer die Bösen sind. Sondern die sich jederzeit auch selbst das Recht nehmen, ihre Weltweisheit mit Gewalt ausdrücken zu dürfen.

Sie merken nicht, dass niemand außer ihnen für so etwas Verständnis hat. Allen anderen haben sie einen Bärendienst erwiesen.

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