Christian Slonka und Luisa von Allwörden mit der schönsten Stute der Kehdinger Schau. Fotos: Klempow
Da ist von Eleganz und Fundament, von Trockenheit in der Textur und Korrektheit die Rede. Aber all das sind nur Fachausdrücke, die zusammenfassen, worum es geht: um die Schönheit. Nuancen entscheiden bei der Stutenschau in Freiburg.
Neben den Fachausdrücken der Experten gibt es auch bemerkenswerte Regieanweisungen für Siegerfotos. Eine davon lautet so: „Willi! Ohren.“ Ein Sekundenbruchteil später spitzt die schwarze Schönheit mit der Siegerschärpe neugierig und fotogen die Ohren. Denn hinter den Fotografen hat Wilfried Koppelmann das Plastikfähnchen an der Peitsche schwingen lassen – das genügt schon, um die Aufmerksamkeit der jungen Pferdedame zu gewinnen.
Zuvor hat sie sich wie viele andere Altersgenossinnen nicht nur den Zuschauern, den Experten und vor allem den drei Richtern gezeigt. Auf dem mit Liebe geschmückten Rasenplatz hat der Pferdezuchtverein Kehdingen die Dreiecksbahn aufgebaut. Hier zeigen die vierbeinigen Hoffnungsträger sich von ihrer besten Seite. Meistens zumindest.
Stutenfamilie, erster Preis für den Zuchtbetrieb Meyer, Allwörden: (von links) Jochen, Stefanie und Hermann Meyer. Vorne Tochter Hedda Meyer.
Für manche Zweijährige ist dieser Tag wie der erste Besuch eines Kindes auf dem Rummelplatz, Besuch der Geisterbahn und wohliges Gruseln inklusive. Sie kennen bisher die weiten Weiden, den Wind um die Nase, den heimischen Stall und die Gesellschaft ihrer Herdengenossen. Blumenschmuck, Pavillons, viele Menschen und dazu Lautsprecherdurchsagen, das müssen die Pferdenerven erst mal aushalten. Den Trubel kommentiert die ein oder andere mit aufgeregtem Wiehern. Wenn die Nerven flattern, beginnen die Stuten zu tänzeln und zu trippeln, zu schnorcheln und zu wiehern. Da bedarf es manchmal kaum der Aufforderung durch die Helfer mit dem Fähnchen, damit sich die jungen Hannoveraner vor den Augen der aufmerksamen Richter in ihren flottesten, schwungvollen Trab werfen, um die geballte Energie entladen zu können.
Landstallmeister Dr. Axel Brockmann, Hartmut Wilking vom Verbandsvorstand und Ulrich Hahne als stellvertretender Zuchtleiter des Hannoveraner Verbands schauen genau hin, wenn die Stuten um den Ring traben, kaum dass die Hufe den Boden berühren. „Der erste Eindruck ist schon wichtig“, sagt Ulrich Hahne. Deshalb ist auch zuerst die Bewegung, der Trab, gefragt. Denn so mancher Jungspund, der sich exzellent bewegt, hat bei genauem Hinsehen im Stand ein gar nicht so exzellentes Äußeres, von den Kennern „Gebäude“ genannt. „Da wundern wir uns manchmal, warum das so laufen kann, aber sie schaffen es, kleinere Mängel zu kompensieren“, so Hahne.
Schauen genau hin (von links): Ulrich Hahne, Axel Brockmann und Hartmut Wilking vom Hannoveraner-Zuchtverband.
Dann schauen die Richter auf die Details. „Denn alle Pferde haben auf ihre Art Qualität.“ Dann kommt noch dieses gewisse Quäntchen dazu. Die besonders ausdrucksvollen Augen, vielleicht auch eine innere Gelassenheit. Wenn die Experten die Schönheit der vierbeinigen Aspirantinnen vorstellen, kann das zum Beispiel so klingen: „Bestechend im Seitenbild, wunderschönes großes Auge, praktische Halsung, große Schulter, große Oberlinie, ganz klares Fundament“, die Bewegungen mit „gut schwingend im Rücken, sehr viel Engagement und Taktsicherheit“.
Wilfried Koppelmann bringt es auf den Punkt: „Die Stuten werden nach Reitpferdekriterien beurteilt.“ Das heißt, sie sollten die körperlichen Voraussetzungen, die es für den Sport bedarf, erfüllen. Damit lehnen sich auch die Hannoveraner-Experten vom Zuchtverband beim Blick auf den erst zweijährigen, ungerittenen Pferdenachwuchs ein bisschen aus dem Fenster. Denn sie müssen auch im Hinterkopf behalten, wie sich die Stute noch entwickeln kann.
Die Zuschauer fachsimpeln derweil selbst, pflücken Abstammungslinien und Stutenstämme auseinander. Viel Anerkennung schwingt für erfolgreiche Züchter mit, die ihren mit einem 1a-Preis ausgezeichneten Pferden am Ringausgang den Hals klopfen. Als die siegreichen Kehdinger Fohlen neben ihren Müttern präsentiert werden, ist auch Landstallmeister Brockmann entzückt. „Den hätte ich gerne selbst im Stall“, sagt er über den Hengst im Besitz von Friderike Schulz-Stellenfleth. Doch der Kleine, der über den Rasen schwebt, ist längst anderweitig versprochen.
Das Schweben müssen auch die Zweibeiner beherrschen. Richtig gefordert ist Christian Slonka, der gleich mehrere Pferde vorstellt und damit an diesem Tag im Dauerlauf ist. Die Stuten haben so viel Schwung, dass auch die Menschen am Zügel vom Laufen ins elegante Springen wechseln – anders sind die weiten Bewegungen der Pferde nicht mitzumachen.
Als Helfer im Einsatz: Wilfried Koppelmann und Vereinsvorsitzende Ira Hagemann.
Das ist gar nicht so einfach und erfordert Kondition. Die Pferde dürften dabei nicht behindert werden, „man muss die Zügel unabhängig vom Bewegungsablauf in der Hand halten können“, sagt Ira Hagemann. Gleichzeitig gilt es, die Kontrolle zu behalten. Felix Schulz-Stellenfleth bleibt da gelassen: „Ruhig zu bleiben ist in jedem Fall richtig. Wenn man merkt, dass sie durchgehen, hilft nur, den Kopf der Pferde zu sich zu holen, sonst hält man die nicht“, erzählt der 18-Jährige, der schon mit 14 zum ersten Mal Pferde im Ring geführt hat.
„Früher habe ich das auch noch selbst gemacht“, sagt Heinrich von Allwörden aus Wischhafenersand verschmitzt. Jetzt hat der Senior sich darauf beschränkt, seine Zweijährige im Schritt am Kehdinger Halfter zu zeigen, als alle Siegerstuten ihrer Altersklassen sich am weißen Seilhalfter noch einmal präsentieren. Das Halfter ist eine Kehdinger Besonderheit, zeigt aber, wie kooperativ die Tiere den Menschen folgen.
„In der Gesamtqualität war diese Schau herausragend“, sagt Brockmann am Schluss. Als er die schöne Rappstute von Heinrich von Allwörden zur Siegerstute kürt, ballt der Senior ganz kurz die Siegerfaust. Der kleine Bruder hatte schon die Schönheitskonkurrenz der Fohlen gewonnen. Und als auf das Kommando „Willi! Ohren!“ die junge Pferdedame die Ohren spitzt, ist auch das Siegerfoto perfekt.
Siegerstute der Stutenschau Freiburg (Preis des Versicherungskontors Kehdingen):Züchter Heinrich von Allwörden, Wischhafenersand.
Reservesiegerin: eine Vierjährige aus der Zucht von Johann von der Decken, Krummendeich. Siegerfamilie (Ehrenpreis der Volksbank Kehdingen): Zuchtbetrieb Jochen Meyer, Allwörden. Reservesieger (Ehrenpreis des Landkreises): Züchterin Bettina Martin, Freiburg. Beste Zweijährige (1. Abteilung): Züchter Heinrich von Allwörden, 2. Abteilung: Züchterin Kerstin Aronis. Beste Dreijährige: Züchterin Ursula Kufner; Dreijährige (mit Prüfung): Züchter Carsten Haack, Freiburg