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TV-Moderatorin Bettina Tietjen über das Älterwerden und coole Väter

Bettina Tietjen moderiert unter anderem die Sendung „DAS!“ im NDR Fernsehen: Dort begrüßt sie ihre Gäste auf einem roten Sofa. Foto NDR/Morris Mac Matzen

Bettina Tietjen moderiert unter anderem die Sendung „DAS!“ im NDR Fernsehen: Dort begrüßt sie ihre Gäste auf einem roten Sofa. Foto NDR/Morris Mac Matzen

Bettina Tietjen (56) hat den Ruf, immer und überall zu spät zu kommen. Zu unserem Interview kommt sie pünktlich. Die NDR-Moderatorin empfängt TAGEBLATT-Korrespondentin Mona Adams in den Räumen von NDR 2.

Von Mona Adams Freitag, 21.10.2016, 15:02 Uhr

Jeden Sonntag von 10 bis 12 Uhr begrüßt die Wahl-Hamburgerin dort einen Gast zum Frühstückstalk. Darüber hinaus moderiert sie das Talkformat „Bettina und Bommes“ und „DAS!“ im NDR. Kurzum, Bettina Tietjen redet viel.

Sie wohnen in Eißendorf im Bezirk Harburg. Wie sehr nervt Sie momentan die Fahrerei in die Innenstadt?

Tietjen: Es ist grausam. Die A 7 ist dicht, die A 1 ist dicht und die Wilhelmsburger Reichsstraße auch. Früher bin ich bei solchen Staus vor Ungeduld durchgedreht. Mittlerweile habe ich eine gewisse Gelassenheit entwickelt. Ich fahre rechtzeitig los, höre Radiofeatures, meistens Deutschlandfunk und Deutschlandradio.

Sie sind für mich die typische Norddeutsche. Dabei kommen Sie aus Wuppertal. Wie geht das?

Wahrscheinlich, weil ich schon so lange hier lebe. Ich bin seit 22 Jahren im Norden zu Hause. Mein Mann ist Norddeutscher. Ich habe mich so nach und nach angepasst. Wenn ich in Nordrhein-Westfalen bin, fällt mir immer auf, dass die Mentalität dort doch anders ist. Die Menschen sind lauter, direkter. Ich verfalle dann auch gern wieder in den typischen Slang. Wenn ich in Wuppertal über den Markt gehe und die Leute reden höre, muss ich immer lachen, das klingt ein bisschen wie Comedy.

Sie arbeiten schon eine Ewigkeit beim NDR. Gibt es so was wie eine NDR-Familie?

Beim NDR habe ich angefangen, als ich noch in Berlin gelebt habe und gependelt bin. 23 Jahre bin ich hier. Der NDR ist sehr familiär, beständig und zuverlässig. Es gibt einen guten Zusammenhalt. Man kennt sich, das Arbeitsklima ist entspannt, und es wird viel gelacht. Viele Moderatoren sind ewig dabei, Carlo von Tiedemann zum Beispiel, Hubertus Meyer-Burckhardt oder auch Julia Westlake. Ich fühle mich dort total wohl.

Apropos wohlfühlen. Sie sind lange Zeit ihres Lebens ohne Sport ausgekommen. Warum haben Sie mit dem Joggen angefangen?

Ich fühlte mich unwohl, zu dick und eingerostet. Damals war ich erst 44 Jahre alt, und mir fiel schon das Treppensteigen schwer. Dann hatte ich den Tennisspieler Carl-Uwe Steeb in der Sendung zu Gast. Er hatte ein Motivationsbuch geschrieben. Ich habe mit ihm gewettet: Wenn ich es nicht schaffe, in den nächsten vier Wochen drei Mal die Woche eine halbe Stunde zu joggen, muss ich im ballonseidenen Jogginganzug moderieren und dazu High Heels tragen. Diese Vorstellung hat mich so abgeschreckt, dass ich durchgehalten habe. Ich habe aber auch gleich gemerkt, dass mir das Laufen gefällt, außerdem habe ich dadurch 14 Kilo abgenommen. Und seitdem laufe und laufe und laufe ich.

Schützen Sie Ihre Familie vor der medialen Öffentlichkeit?

Ich habe festgestellt, dass die meisten Journalisten sich nicht so sehr dafür interessieren. Viele Promis bringen sich mit privaten Geschichten gern selbst ins Gespräch. Ich habe zwei erwachsene Kinder, die kommen auch mal mit zu Premieren oder Sendungen, wenn sie Lust dazu haben. Mein Mann auch gelegentlich, aber er meidet das Scheinwerferlicht. Ansonsten vermische ich Privates und Berufliches nicht. Das habe ich nur einmal ganz bewusst getan, als ich das Buch über meinen Vater geschrieben habe. Dafür hatte ich Gründe.

Welche? Sie geben in dem Buch „Unter Tränen gelacht“ einen sehr persönlichen Einblick in Ihr Leben mit Ihrem dementen Vater.

Ich hatte mich mit dem Thema Demenz sehr viel beschäftigt, auch wie unsere Gesellschaft damit umgeht. Für viele ist das immer noch ein Tabu. Ich wollte die Diskussion darüber anregen. Wenn ich mich als prominente Person hinstelle und meine Geschichte erzähle mit allen Höhen und Tiefen und auch meine eigene Hilflosigkeit eingestehe, dann können sich viele damit identifizieren. Ich wusste, wenn ich dieses Buch schreiben will, darf ich nicht zimperlich sein und nichts aussparen, auch die intimen Momente nicht. Meine Familie war einverstanden.

Haben Sie Angst vor dem Älterwerden?

Die Auseinandersetzung mit dem Thema und meinem Vater hat mir die Angst genommen. So schrecklich ist das Alter nicht, auch nicht im Pflegeheim. Im Heim zu leben, kann viele Vorteile haben. Es gibt aber leider auch viele Altersheime, die zu wünschen übrig lassen. Wenn einem schon im Foyer Urin-Geruch entgegen weht, sollte man das Weite suchen.

Was sind Ihrer Meinung nach die Probleme?

Die haben sehr viel mit den Menschen zu tun, die dort arbeiten. Es gibt Personalmangel, falsches Personal, Personen, die sich nicht auf alte Menschen einlassen. Der Beruf des Altenpflegers ist zu schlecht bezahlt und hat kein gutes Image. Deshalb gibt es zu wenig Nachwuchs. Die Pflege-Gesetzgebung ist in vielen Punkten verbesserungsbedürftig. Aber losgelöst von all diesen Faktoren ist natürlich klar: Einen Angehörigen im Heim einzuquartieren, bedeutet nicht, dass man sich nicht mehr kümmern muss. Ich habe meinen Vater sehr oft gesehen.

Sie haben Ihren Vater aus Ihrem Heimatort Wuppertal in ein Altersheim in Ihre Nähe geholt.

Ja, die Entscheidung fiel uns schwer. Wir haben das sehr lange hinausgezögert. Am Ende musste er rund um die Uhr betreut werden. Dann gab es einen unschönen Zwischenfall mit seiner Betreuerin. Sie war total betrunken, die Nachbarn haben die Polizei gerufen, da wollte ich ihn nicht mehr mit ihr alleine lassen. Meine Schwester, die gleich nebenan wohnte und sich immer sehr um ihn gekümmert hat, war im Urlaub, da musste ich schnell handeln und wir haben ihn nach Hamburg geholt. Das Heim hatte ich schon vor längerer Zeit ausgesucht und ihn auf die Warteliste setzen lassen, weil ich mir schon dachte, dass ich meine Schwester irgendwann würde entlasten müssen.

Was hat das mit der Beziehung zwischen Ihnen und Ihrem Vater gemacht?

Unser Verhältnis ist sehr emotional geworden, viel mehr als früher. Als er noch nicht dement war, war er ein total kopfgesteuerter Mensch. Als sich der Verstand immer mehr verabschiedet hatte, wurde er ganz weich und ganz offen. Das war wirklich auch eine schöne, intensive gemeinsame Zeit.

Wie war das für Ihre Kinder, die ihn sonst nur aus der Ferne kannten?

Mein Sohn konnte mit dem Altersheim nicht so gut umgehen, er hatte es lieber, wenn mein Vater zu uns nach Hause kam. Meine Tochter hat ihn regelmäßig im Heim besucht. Die Kinder haben ihren Opa in seiner Demenz besser kennengelernt als in den Jahren davor, er gehörte zu unserem täglichen Leben dazu.

Sie feiern nächstes Jahr Silberhochzeit mit Ihrem Mann. Was macht eine gute Ehe für Sie aus?

Lachen ist sehr wichtig. Man muss viel Zeit miteinander verbringen und sich Zeit füreinander nehmen. Ich rede gerne und viel und verarbeite auch alles auf diese Weise. Das musste mein Mann als von Natur aus eher wortkarger norddeutscher Jung erst einmal lernen. Der Austausch ist so wichtig. Auch wenn es einem mal nicht so gut geht. Keiner ist perfekt.

Sie haben mal gesagt, Väter sind die cooleren Mütter. Warum?

Das konnte ich bei meinem Mann immer beobachten. Er saß auf dem Spielplatz und hat Zeitung gelesen. Er hatte nie Tupperdöschen mit Möhrenschnitzchen dabei. Er hat immer gesagt, da sind doch genug Mütter mit Äpfelchen und Möhrchen, die versorgen mich schon. Auch zu Hause war er cool. Die Kinder spielten, und er machte etwas anderes. Er hat sie zur Selbstständigkeit erzogen. Das ist glaube ich typisch männlich. Mütter wollen den Kindern immer alles abnehmen, ich auch. Sogar jetzt noch, obwohl sie erwachsen sind. Am liebsten würde ich alles für sie regeln, Wohnung, Umzug, Praktika, Studienplatz. Mein Mann sagt immer: ‚Lass sie, die schaffen das auch alleine‘.

Ihr Mann ist zu Hause bei den Kindern geblieben. Mussten Sie sich dafür rechtfertigen?

Ich weniger als mein Mann. Er musste sich anfangs Fragen anhören, warum er denn nicht wieder arbeiten wolle. Viele Männer definieren sich eben über ihren Verdienst oder ihren Job. Das war damals nicht so einfach für ihn. Heutzutage finden es alle toll, wenn sich der Mann um die Kinder kümmert. Das war nicht immer so.

Hätten Sie sonst keine Kinder bekommen?

Der Wunsch eine Familie zu gründen, war ganz stark. Wie hätten auch eine andere Lösung gefunden, Kita, Au-pair oder Tagesmutter. Außerdem leben wir ganz eng im Familienverbund mit meinen Schwiegereltern und meinem Schwager und seiner Familie, in unmittelbarer Nähe. Meine Schwiegereltern haben sich auch viel gekümmert.

Sind Sie streng als Mutter?

Überhaupt nicht, ich lasse schnell was durchgehen und bin auch mal inkonsequent. Ich habe mich immer auf die Seite der Kinder geschlagen. Ich bin nicht anti-autoritär, aber eher nachgiebig.

Sie wurden sehr religiös erzogen. Spielt Religion heute in Ihrer Familie eine große Rolle?

Ja, aber in einer anderen Form. Wir waren früher in einer freikirchlichen Gemeinde und viel im Gottesdienst. Die ganzen strengen Regeln waren überhaupt nichts für mich, davon habe ich mich komplett gelöst. Aber ich bin immer noch gläubig. Ich habe Gottvertrauen, und das haben wir auch den Kindern mitgegeben. Nicht nur wegen der Werte und der Moral, sondern auch um einen Halt im Leben zu haben. Es gibt noch mehr, als das was wir sehen und beweisen können.

Wie sehr hat Ihnen der Glaube in Ihrem Leben geholfen?

Viel. Das Gefühl, dass da jemand ist, der auf einen aufpasst, beruhigt mich. Es hilft auch in Situationen im Leben, die nicht so leicht zu verkraften sind. Dieser tiefe Urglaube, den ich von meinen Eltern mitbekommen habe, ist immer da, auch wenn ich nicht oft in die Kirche gehe.

Sie mussten schon früh lernen, wie es ist jemanden aus der Familie zu verlieren, Ihre Schwester im Kindesalter, später mit 30 Jahren Ihre Mutter. Glauben Sie, das hat Sie stärker gemacht oder reifer?

Auf jeden Fall. Ich war noch so klein, als meine Schwester gestorben ist, das habe ich nur noch schwach in Erinnerung. Ich habe es vor allem mitbekommen, weil meine Eltern so traurig waren. Das bleibt hängen. Durch den Tod meiner Mutter bin ich reifer geworden. Ich war 30 und musste lernen, dass der Tod dazugehört. Deshalb engagiere ich mich auch für das Hospiz für Hamburgs Süden. Ich glaube, solche Erfahrungen prägen. Man hat weniger Berührungsängste, sich mit diesen Themen zu beschäftigen oder darüber zu sprechen.

Bettina Tietjen kommt am 5. Januar 1960 in Wuppertal zur Welt. Nach der Schule verlässt sie das Ruhrgebiet, studiert in Münster und Paris. Der Liebe wegen zieht sie nach Hamburg. Mittlerweile ist sie verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder.

Beim NDR moderiert sie, zunächst gemeinsam mit Eva Herman, heute mit Alexander Bommes, eine Talkshow. Seit 1993 gehört Tietjen zum festen Moderatoren-Trio der Sendung „DAS!“. Außerdem moderiert sie jeden Sonntag die Sendung „Tietjen talkt“ bei NDR 2.

Bettina Tietjen ist Buchautorin („Schuheputzen mit Damenstrümpfen“ und „Unter Tränen gelacht“) und engagiert sich außerdem viel für soziale und kulturelle Belange.

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