Zähl Pixel
Archiv

Turmbläser spielen zum Jubiläum erstmals gemeinsam

Josef Thöne (links) und Horst Huhn spielen gemeinsam einen Choral. Foto: Peter Vette

Josef Thöne (links) und Horst Huhn spielen gemeinsam einen Choral. Foto: Peter Vette

Zwei Mal am Tag erklingt auf dem Michel ein Choral in alle vier Himmelsrichtungen. Vor 25 Jahren haben Josef Thöne und Horst Huhn die Aufgabe des „Turmtütens“ übernommen. Zum Jubiläum spielten die Musiker am Dienstag erstmals und einmalig auch gemeinsam.

Von Mona Adams Dienstag, 01.08.2017, 18:53 Uhr

Um 10 Uhr läuten die Glocken vom Michel. Pünktlich zum Glockenschlag öffnen Josef Thöne und Horst Huhn zwei kleine Fenster. Der Wind weht herein. Josef Thöne hat sein Liederbuch am Fenster abgelegt. Die beiden halten ihren Trompetentrichter aus dem Fenster in Richtung Osten und beginnen zu spielen. Nach rund 40 Sekunden laufen sie zügig im Uhrzeigersinn zur nächsten Fensteröffnung. Dieses Mal zeigen die Trompeten auf den Hafen, die Elbe mit ihrer Elbphilharmonie, den zwei Theatern und den südlichen Teil Hamburgs.

Wieder sind die Fenster geöffnet, als Josef Thöne und Horst Huhn die zweite Strophe von „O dass ich tausend Zungen hätte“ blasen. Es ist das Lied, das sie verbindet. Es ist das Lied, das sie vor 25 Jahren das erste Mal hier gespielt haben. Beide. Doch zusammen gespielt haben sie noch nie hier oben. Zu ihrem Jubiläum haben sie es jetzt getan, einmalig, einen Choral in alle vier Himmelsrichtungen aus dem Michel-Turm gesendet.

Am Michel gibt es diese Tradition seit mehr als 300 Jahren, schon die erste Große Michaeliskirche, die 1750 durch einen Brand zerstört wurde, hatte einen Türmer. Das Turmblasen fand damals wie heute zwei Mal am Tag statt und war bis zur Aufhebung der Torsperre 1861 das Zeichen für das Öffnen beziehungsweise Schließen der Stadttore.

Heute wird zu Ehren Gottes und zur Freude der Menschen geblasen. Und das nach wie vor zwei Mal am Tag. Das gibt es deutschlandweit nur am Michel. Seit 1992 versehen Josef Thöne und Horst Huhn ihren Dienst als Türmer an der Hauptkirche St. Michaelis. Täglich um 10 und um 21 Uhr spielt einer von beiden einen Choral auf der Trompete. Dass sich zwei Musiker diese besondere Aufgabe teilen, gibt es erst seitdem. „Es ist jedes Mal anders und ein schönes Gefühl“, erzählt Josef Thöne. „Für viele gehört unser Choral zum Alltag dazu, es ist eine Art Innehalten“, erzählt Horst Huhn. Auch für den 61-Jährigen. Vor 59 Jahren, als Huhn zwei Jahre alt war, zogen seine Eltern in eine Wohnung an der Englischen Planke – direkt gegenüber des Haupteingangs des Michels. „Das war ein schönes Ritual, jeden Abend den Choral zu hören“, erzählt er. Dass er jetzt Michel-Türmer ist, war Zufall. Horst Huhn studierte Trompete an der Hamburger Musikhochschule. Vom anfänglichen Schwerpunkt Neue Musik wandte er sich später der Alten Musik und historischen Instrumenten zu. Er gründete und leitet das St. Michaelis Blechbläser-Ensemble, das schwerpunktmäßig Alte Bläsermusik aufführt. Seit dem 1. August 1992 steht der freiberufliche Musiker abwechselnd mit Josef Thöne bei Wind und Wetter am Fenster des Michels. Um die Musikinstrumente vor der Kälte zu schützen, müssen die Musiker erfinderisch werden. Bei Minustemperaturen haben sie schon mal einen Schal um die Trompeten gewickelt.

Nach rund vier Minuten ist alles vorbei. Und auch das letzte Fenster ist wieder geschlossen, die Arbeit getan.

Copyright © 2025 TAGEBLATT | Weiterverwendung und -verbreitung nur mit Genehmigung.