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Über den Reiz Schichtdienst

Alles im grünen Bereich: An mehreren großen Bildschirmen überwacht Chemiewerker Ibrahim Sönmez  den automatisierten Produktionsablauf bei AOS in Bützfleth.  Fotos Lohmann

Alles im grünen Bereich: An mehreren großen Bildschirmen überwacht Chemiewerker Ibrahim Sönmez den automatisierten Produktionsablauf bei AOS in Bützfleth. Fotos Lohmann

Die 24-Stunden-Reportage: Von 3 bis 4 Uhr morgens zu Besuch in der zentralen Leitwarte von AOS.

Von Sabine Lohmann Sonntag, 26.07.2015, 17:34 Uhr

Als der Uhrzeiger 3 Uhr anzeigt, arbeitet Ibrahim Sönmez seit viereinhalb Stunden. Um 22.30 Uhr hat seine Nachtschicht beim Unternehmen Aluminium Oxis Stade begonnen. Bis 6.30 Uhr sitzt der Familienvater aus Bützfleth in der zentralen Leitwarte der Oxidfabrik und überwacht an großen Bildschirmen den automatisierten Produktionsablauf. Bis jetzt war es ruhig.

Hell leuchten die im Kreis angeordneten Bildschirme. Ein leises Brummen der Rechner, Pumpen und Klimaanlage sind zu hören. Ibrahim Sönmez arbeitet im Anlagenbereich 1, Schicht 1. Hier wird das rote Naturprodukt Bauxit gemahlen und mit Natronlauge versetzt. Unter hohen Temperaturen und hohem Druck werden die Aluminiumbestandteile herausgelöst. Die beiden Kollegen an den anderen Bildschirmen kontrollieren die Anlagen in Bereich 2 und 3. Dort wird das Gemisch gefiltert und Aluminiumoxid hergestellt. Der zurückbleibende Rotschlamm wird gewaschen, verflüssigt und zur Deponie gepumpt.

Ibrahim Sönmez kennt die Prozessabläufe in Bereich 1 genau. Wenn vom Sollwert abweichende Füllstände oder Temperaturen gemeldet werden, bekommt er eine Fehlermeldung. Wenn es piept und ein rotes Lämpchen aufleuchtet, muss er schnell handeln. Immer wieder greift er zum Telefonhörer und weist einen Kollegen draußen in der Anlage an. Jedes Band, jede Pumpe, jedes Mahlwerk, jedes Rührwerk kann der 36-Jährige von hier aus anfahren und abstellen. Mit einem Mausklick kann er den Prozess optimieren. Alle Anlagen zusammen seien ein ausgeklügeltes System, erklärt er. Alles greift ineinander, ist miteinander verzahnt.

Das Telefon klingelt. Am anderen Ende spricht ein Kollege aus dem Rohstofflager. Ein Bauxit-Frachter wird gerade am Bützflether Hafen entladen. Mit einem Knopfdruck ändert Sönmez den Förderweg.

Das Telefon klingelt wieder. Der Produktionsfluss muss kurz unterbrochen werden, damit ein Siebkasten gespült werden kann. Gleichzeitig blinkt und piept es. Ruhig regelt Sönmez eine Pumpe herunter, damit sie besser läuft. „Routinearbeiten“, sagt er.

Schichtmeister Carsten Schliecker tritt hinzu. „Nicht immer ist es hier so ruhig“, erklärt der 31-jährige Chemikant aus Hüll, der seit 15 Jahren bei AOS arbeitet und seit elf Jahren auf Schicht geht. Wenn eine der fünf Anlagen im Bereich 1 ausfällt, haben die Kollegen – bei voller Besetzung sind es elf – viel zu tun.

Es piept wieder, ein rotes Licht blinkt. Eine Senkgrube ist voll. Die Pumpe muss angefahren werden.

„Es kommt nie Langeweile auf“, sagt Carsten Schliecker. Kein Tag sei wie der andere. Das Schlimmste, was passieren könnte, wäre ein Stromausfall. Denn das Material muss rund um die Uhr in Bewegung bleiben. Damit das so bleibt, arbeiten rund 250 Mitarbeiter bei AOS im Schichtdienst – 550 Mitarbeiter sind es insgesamt.

Ibrahim Sönmez ist es gewöhnt. Seit fünf Jahren arbeitet der Chemiewerker im Schichtdienst. Sieben Tage abwechselnd Nachtschicht, Frühschicht, Spätschicht, dann zwei Tage frei – in dem Rhythmus spielt sich sein Arbeitsleben ab. Den Rhythmus haben die Mitarbeiter selbst vor einigen Jahren gewählt. Das frühere System mit sieben Nächten in Folge haben Sönmez’ Kollegen noch erlebt. Die Vorarbeiter Thorsten Dinter (45) aus Niendorf, seit 19 Jahren im Bereich 1, Schicht 1, und Christian Matuszczak (39) aus Estorf, seit 16 Jahren bei AOS, sind sich einig: Der kurze Wechsel ist viel besser. Es sei anstrengend, wenn sich der Körper alle sieben Tage umgewöhnen muss; eine Woche durchzuhalten sei schwierig, drei Nächte halte der Körper besser durch. Unter der damaligen Schichtroutine litt auch das Privatleben mehr: Die Schichtarbeiter sahen Familie und Freunde kaum.

Zwar beeinflusst der ständige Wechsel auch jetzt das Privatleben, dennoch arbeiten sie gern in Schicht. „Der Faktor Geld spielt eine Rolle“, sagt Christian Matuszczak. Für Schichtarbeiter gibt es steuerfreie Schichtzulagen und ein Wechseldienstzuschlag. Was auch viel ausmacht: Der Zusammenhalt in der Gruppe ist gut. Sie ist eine festgefügte Gemeinschaft – „wie eine Familie“, sagt Schliecker. Die Gruppe müsse harmonieren, sonst leide die Arbeit.

Die Laborwerte aus der Qualitätsmessung liegen jetzt vor. Danach werden die Anlagen neu eingestellt. Alles wird protokolliert und dokumentiert.

Kurz vor 4 Uhr blinkt es wieder auf einem der Bildschirme. Ibrahim Sönmez winkt ab. Kein Alarm. Es bleibt ruhig im Bereich 1, Schicht 1.

In der zentralen Leitwarte : Schichtmeister Carsten Schliecker und seine Vorarbeiter, Christian Matuszczak und Thorsten Dinter (von rechts) vom Bereich 1, Schicht 1.

In der zentralen Leitwarte : Schichtmeister Carsten Schliecker und seine Vorarbeiter, Christian Matuszczak und Thorsten Dinter (von rechts) vom Bereich 1, Schicht 1.

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