Überlebende KZ-Häftlinge erzählen
Festakt mit Berichten von Überlebenden der KZ Neuengamme und Sandbostel: Dr. Christina Deggim mit Daniel Poux, Raymond Gourlin, Dr. Lars Hellwinkel und Pascal Vallicioni (von links).
Gedenkfeier mit Zeitzeugen aus Frankreich im Stader Rathaus – Fotoausstellung „Schlaglichter zum Kriegsende in Stade“ eröffnet.
Was Raymond Gourlin (90) zu erzählen hat, ist kaum auszuhalten, bedrückend, unfassbar. Der Widerstandskämpfer der Résistance hat die Konzentrationslager Neuengamme und Wilhelmshaven und die Todesmärsche zum Auffanglager Sandbostel und über Stadersand nach Flensburg kurz vor Kriegsende überlebt. Zusammen mit seinen Leidensgenossen Pascal Vallicioni (88) und Daniel Poux (88) war der Franzose am Sonnabend bei der Gedenkfeier 70 Jahre nach Kriegsende im Stader Rathaus zu Gast. Stehend applaudierten die rund 180 Besucher den Zeitzeugen.
Die drei Franzosen gehören zu einer 26-köpfigen Delegation der „Amicale de Neuengamme“, einer Vereinigung ehemaliger KZ-Häftlinge, Stade ist eine Station ihrer Wallfahrt in Norddeutschland. Dr. Lars Hellwinkel, Athenaeum-Lehrer und Vorsitzender der Deutsch-Französischen Gesellschaft Stade, übersetzt ihre Reden. Sie hätten sich über die Einladung nach Stade gefreut, sagt er, und auch darüber, dass so viele, vor allem junge Besucher gekommen sind.
Anschaulich schildert Raymond Gourlin, wie er im April 1945 nach der Räumung des Außenlagers Wilhelmshaven den Todesmarsch mit hunderten Gefangenen nach Hamburg erlebte, von Schikanen und dem Sterben der Schwächsten. In Viehwaggons ging es weiter nach Bremervörde, dann – immer noch ohne Verpflegung – zu Fuß nach Sandbostel. „Der erste Eindruck war blanker Horror“, erzählt er. An eine Mauer aus Backstein erinnert er sich, davor ein Berg von Leichen, an Menschen, die sich einen Ort zum Sterben suchten, daran, wie die durstigen Häftlinge aus einem Wasserlauf tranken, in dem Tote lagen, an Kannibalismus. Die Gefangenen wurden nach Bremervörde getrieben. Der Zug nach Stade wurde bei Mulsum von der britischen Luftwaffe angegriffen. Es gab Tote und viele Verletzte. In Stadersand wurden 800 Überlebende in den Lagerraum eines alten Kohlefrachtkahns gesperrt, der sie über Kiel nach Flensburg bringen sollte. „Wir waren zu viele“, sagt er, „es gab zu wenig Platz, die Luft war schlecht.“ Vier Tage ohne Essen und Trinken, sie stiegen über Leichen.
Auch Pascal Vallicioni hat Schreckliches zu erzählen: von endlosen Appellen und Erniedrigungen, von sadistischen und mörderischen KZ-Wärtern und SS-Männern. Als das KZ Anfang April geräumt wurde, wurde auch er zum Durchgangslager Sandbostel deportiert. So etwas hatte er noch nie gesehen, sagt er. Leichen lagen am Straßenrand, Leichenberge reichten bis zu den Häuserdächern. Die totale Verzweiflung schlug eines Tages um in einen Hungeraufstand, die Gefangenen stürmten die Lagerküchen. Auch Pascal Vallicioni erlebte das Kriegsende in Flensburg, mit einem Schiff wurde er nach Schweden gebracht.
Nach dem Krieg wurde das Lager in Sandbostel niedergebrannt, mehr als 2000 namenlose Leichen wurden bestattet. Er hätte sich gewünscht, dass ein Schild an der Wiese auf den Standort des Auffanglagers hinweist, lässt Raymond Gourlin übersetzen. Das Problem: Die Wiese ist heute in Privatbesitz.
Der bewegende Film über das Schicksal von Sandbostel-Häftlingen, den Athe-Schüler unter der Leitung von Lars Hellwinkel 2013 gedreht haben, wird ebenfalls gezeigt. Überlebende der Todesmärsche kommen auch hier zu Wort. Die Berichte ähneln sich, zeugen von unmenschlichen Haftbedingungen, aber auch von Menschen, die versuchten zu helfen. Vier der Schüler der 10. Klasse von 2013, Tobias Hein, Alexandra Ernst, Kristina Lindstedt und Keke Kolster, sitzen mit im Publikum.
Zum Schluss eröffnet der stellvertretende Bürgermeister Klaus Quiatkowsky eine Fotoausstellung, die bis zum 29. Mai im oberen Rathaus-Foyer zu sehen ist. Mit Dokumenten und Fotos aus dem Stadtarchiv, dem Staatsarchiv und aus Privatbesitz werden „Schlaglichter“ auf das „Kriegsende in Stade“ geworfen – so der Titel der Schau, die Sebastian Klinge im Rahmen seines Freiwilligen Sozialen Jahres bei der Jugendbauhütte Stade konzipiert hat.
Wie wichtig die Aufarbeitung der Gräueltaten während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft und der personellen Kontinuität nach 1945 ist, betont Klaus Quiatkowsky. Um wieder Ordnung herzustellen, griffen die Siegermächte auf alte Eliten zurück, ließen auch in Stade hochrangige NS-Führer und Mörder mitentscheiden. „Wir werden dafür sorgen, dass sich solche Ereignisse hier bei uns nie wiederholen“, versprach Klaus Quiatkowsky den drei Überlebenden, und dafür „brauchen wir Sie als Zeugen“.
Initiiert wurde die Gedenkveranstaltung zum 70. Jahrestag des Kriegsendes von der Leiterin des Stadtarchivs, Dr. Christina Deggim. Sie ist zugleich Leiterin des Beirats „Der Nationalsozialismus und seine Folgen“, dessen Ziele und Aufgaben sie beim Festakt vorstellte. Der Beirat wurde vor einem Jahr von der Hansestadt Stade eingerichtet. Neben der Stadtarchivarin gehören ihm vier von Bürgermeisterin Silvia Nieber ernannte Mitglieder an: Staatsarchivdirektorin Dr. Gudrun Fiedler, der ehemalige Stadtarchivdirektor Jürgen Bohmbach, Prof. Dr. Dr. Rainer Hering aus dem Landesarchiv Schleswig und der Universität Hamburg. Aufgabe des Beirates ist es, die Erinnerungskultur in Stade zu analysieren und Handlungsempfehlungen auszusprechen. Als Foren der Vermittlung sind Veranstaltungen wie Vorträge vorgesehen. Geplant ist zunächst eine Informationsbroschüre über die städtischen Gedenkorte und Gedenkformen. Dazu gehört auch das Lager Sandbostel als ein außerhalb der Stadt gelegener Gedenkort für Stade.
Die Athe-Filmemacher : Tobias Hein, Alexandra Ernst, Kristina Lindstedt und Keke Kolster.
Fotos von Stade nach der Kapitulation: Die Ausstellung im Rathaus ist eröffnet.